FC St. Pauli: Hinrunden-Analyse – Teil 2

FC St. Pauli: Hinrunden-Analyse – Teil 2

Auf Platz 15 liegt der FC St. Pauli nach einer enttäuschenden Hinrunde. Was führte zu den schwachen Ergebnissen und was muss sich in der Rückrunde verbessern? Der zweite Teil der Hinrunden-Analyse geht auf Ursachenforschung.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Im ersten Teil der Analyse haben wir einen Blick auf die 17 Spiele geworfen und dazu jeweils einen subjektiven Eindruck verfasst. Hier gehen wir also auf die Suche nach der Ursache für die schwachen Ergebnisse.

Hätte, hätte, Fahrradkette – es bringt ja alles nichts. Die Spiele sind gespielt, die Ergebnisse stehen kalt und trostlos fest, daran werden auch sämtliche Analysen im Anschluss nichts ändern. Der FC St. Pauli hat eine Hinrunde gespielt, die weit unter den Erwartungen geblieben ist. Dabei, und das macht es besonders schmerzhaft und sehr viel komplexer in der Bewertung, zeichnen die nackten Zahlen abseits der Ergebnisse ein ganz anderes Bild.

Es wäre so viel einfacher, wenn der FCSP nicht nur auf Platz 15 liegen, sondern auch so spielen würde. Stattdessen zeigte das Teams in Teilen gute Leistungen, nicht in einzelnen Spielen, sondern fast die gesamte Hinrunde über. Die Ergebnisse aber passen nicht dazu. Und da das Erzielen und Verhindern von Toren eben elementar für Erfolg und Misserfolg ist, wäre es sehr gewagt, dem FC St. Pauli trotz überzeugender Statistiken ein gutes Zwischenzeugnis auszustellen.

Hamburg, Deutschland, 05.11.2022 - Die Spieler des FC St. Pauli sind enttäuscht nach der Niederlage gegen Fortuna Düsseldorf - Copyright: Peter Boehmer
Zu oft, viel zu oft gab es bedröppelte Gesichter nach Spielende beim FC St. Pauli.
(c) Peter Boehmer

Defensive: Wenig zugelassen

In 17 Spielen hat sich der FC St. Pauli 25 Gegentore gefangen. Ein durchschnittlicher Wert. Für das Team, welches mit deutlichem Abstand die wenigsten gegnerischen Torschüsse zugelassen hat, sind das aber viel zu viele. 170 gegnerische Torschüsse in 17 Spielen sind Ligaspitze. Zum Vergleich: Hannover 96 hat die meisten gegnerischen Torschüsse zugelassen und stellt mit 18 Gegentoren die zweitbeste Defensive der Liga, was dann auch sogleich die Statistik an sich massiv infrage stellt.

Eine Erklärung wäre, dass der FC St. Pauli zwar wenige, aber hochkarätige Chancen zulässt. Doch mit einem gegnerischen xG-Wert von 17.4 steht das Team ebenfalls an der Ligaspitze. So ist es sogar genau anders herum: Durchschnittlich haben die vom FCSP zugelassenen Torschüsse eine Torwahrscheinlichkeit von 10.2% – nur Arminia Bielefeld liegt mit 9.7% darunter.
25 Gegentore bei einem xG-Wert von 17.4, also fast acht Tore mehr. Kein Team hat so viel mehr Tore zugelassen als nach xG wahrscheinlich, wie der FC St. Pauli – der Unterschied ist fast dramatisch.

Pizza-Grafik mit Kern-Statistiken des FC St. Pauli nach 17 Spieltagen der 2. Bundesliga 22/23

Woran liegt das? Wenn es eine einfache Antwort auf diese Frage geben würde, dann wäre allen geholfen. Aber die einfache Lösung dieser Problematik gibt es nicht. Der FC St. Pauli fängt sich mehr Gegentore als nötig und das hat mehrere Gründe, deren Gewichtung elementar ist, um richtige Entscheidungen bei der Analyse zu treffen.

Schaut man sich die einzelnen Gegentore an, so muss festgehalten werden, dass der FC St. Pauli auch eine ganze Menge Pech hatte, da sich das Team auch viele Gegentore fing, die eben nicht unbedingt immer versenkt werden müssen. Nach einer gesamten Hinrunde mit diesen immer wiederkehrenden Problemen ist Pech allein aber nicht mehr ausreichend als Erklärung.

Konstante: Individuelle Fehler

Grundsätzlich hängen viele der Gegentore mit teils eklatanten Fehlern in der Defensive zusammen. Das hat zum Beispiel das 4:4 in Karlsruhe gezeigt, als allen Gegentoren klare individuelle Fehler vorausgingen. Das zieht sich in gewisser Weise schon durch die gesamte Saison. Das Problem dabei: Die Fehler sind zwar zumeist auf einzelne Spieler zurückzuführen, aber erstrecken sich eben über eine Vielzahl von Spielern. Und diese Problematik ist auch nicht neu in dieser Saison, denn in der Rückrunde fing sich der FCSP 26 Gegentore, also sogar eines mehr als jetzt in der Hinrunde.

Ist diese hohe Zahl an Gegentoren neben individuellen Fehlern auch auf taktische Probleme zurückzuführen? Vielleicht. Der FCSP hat eine Zeitlang immer wieder Probleme in defensiven Umschaltmomenten gehabt. Das ist zum Teil ein Effekt der recht offensiv denkenden Mittelfeldraute. Allerdings basieren viele dieser Gegentore auch meist auf Abstimmungsproblemen in der Innenverteidigung.

Diese Abstimmungsprobleme sind eine Problematik, die sich womöglich auch aufgrund der immer wieder veränderten personellen Zusammensetzung der hinteren Kette, durch das gesamte Jahr 2022 zieht. Stabiler wurde es aber auch dann nicht, als Jakov Medić und David Nemeth einige Spiele das Stamm-Duo in der Innenverteidigung bildeten. Erst als das Team auf ein 5-3-2 umstellte, wurde es defensiv stabiler, was dann darauf hindeuten könnte, dass der Einfluss der Formation größer sein könnte.

Eric Smith ist seit Mitte der Hinrunde einer der besten Innenverteidiger beim FC St. Pauli.
(c) Peter Böhmer

Umstellung wirkt, Probleme bleiben

Timo Schultz hob zuletzt auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Karlsruhe hervor, dass es natürlich einen Unterschied macht, wenn es einen Spieler mehr in der letzten Kette gibt, dass das Team dadurch fast automatisch defensiv stabiler werde (aber eben auch an offensiver Power verliert). Entsprechend wäre es auch fatal, wenn diese taktische Umstellung nicht gefruchtet hätte. Viele unnötige Gegentore, wie zuletzt gegen KSC fing sich das Team trotzdem, was dann gegen einen allzu großen Einfluss der Formation auf die defensive Stabilität spricht. Womit wir wieder bei den individuellen Fehlern wären.

Dabei ist es ganz schwer diese Fehler in Zahlen widerzuspiegeln. Der FC St. Pauli stellt das zweikampfstärkste Team der Liga. Das zeigt sich auch in der Innenverteidigung, bei der alle sechs eingesetzten Spieler (Smith inklusive) mindestens durchschnittliche, wenn nicht sogar überdurchschnittliche Zweikampfwerte vorweisen. Aber es passt eben selten über 90 Minuten. In fast jedem Spiel gab es individuelle Fehler, die zu Gegentoren führten. So bleibt die Frage, wie es zu schaffen ist, dass das Team auch über 90 Minuten seine Fähigkeiten abrufen kann.

Erfahrung fehlt

Was bei all der Diskussion um die schwache Hinrunde bisher immer zu kurz kommt und sicher ein Erklärungsansatz für die auch während des Spiels schwankenden Leistungen sein kann: Der FC St. Pauli hat ein sehr junges Team. Mit 24.9 Jahren sogar das jüngste aller Zweitligateams. Das zeigt sich auch in der Innenverteidigung, welches allgemein über relativ wenig Erfahrung verfügt:

Abgesehen vom dauerverletzten Christopher Avevor verfügt nur Jakov Medić über die Erfahrung durch eine Vielzahl an Spielen in der 2. Liga (55 insgesamt). Mit 24 Jahren ist er aber auch noch sehr jung, was auch auf die meisten seiner Kollegen zutrifft, die alle teils weit weniger Spiele in der zweiten Liga oder auf höherem Level vorzuweisen haben. Es ist keine gewagte These zu schreiben, dass von allen aktuellen Innenverteidigern eine Leistungssteigerung im weiteren Verlauf ihrer Karriere zu erwarten ist.

Braunschweig, Deutschland, 08.10.2022: David Nemeth (FC St. Pauli) spielt einen langen Pass. Kurze Zeit später wird er verletzt ausgewechselt - copyright: Peter Boehmer
David Nemeth zeigte im Trikot des FC St. Pauli ganz sicher, welch großes Talent er besitzt und wurde mit jeder Spielminuten stabiler. Aber ganz sattelfest ist das alles (noch) nicht gewesen beim 21-jährigen, der aktuell aufgrund einer Schambeinentzündung lange ausfällt.
(c) Peter Boehmer

Offensive: fast viel produziert

Die Defensive des FC St. Pauli zeigte sich also enorm wankelmütig und konnte daher eine schwächelnde Offensive nicht stärken. Denn auch vorne gibt es recht ähnliche Probleme, die teilweise auch ähnliche Gründe haben.

Der tiefere Blick in die Zahlen zeichnet nämlich ebenfalls ein Bild von einem Team, dem es gelingt sich eine ganze Menge an Torchancen zu erspielen. Ein xG-Wert von 26.9 stehen 23 erzielte Treffer gegenüber – kein anderer Zweitligist hat so wenig aus seinen Chancen gemacht. So reichen dann auch die drittmeisten Torabschlüsse der Liga nur zur zehntbesten Offensive bei der Anzahl erzielter Treffer.

Bestes Team – bis der Abschluss kommt…

Der noch tiefere Blick in die Zahlen sorgt bei mir persönlich für das wohl größte Kopfzerbrechen: Die Statistik „deep completions“ (erfolgreiche Pässe nahe am gegnerischen Tor) ist eigentlich ein zuverlässiger Indikator für den Tabellenplatz. Seit der Saison 15/16 (also seit diese Statistik von wyscout erhoben wird), war die niedrigste Platzierung die ein Team mit den meisten „deep completions“ erreichte ein sechster Platz (Holstein Kiel, 18/19). In fünf von sieben Fällen stieg das Team mit den meisten „deep completions“ am Saisonende auf (nur Kiel und der HSV (20/21) schafften das nicht).

Was macht die „deep completions“ so aussagekräftig? Ganz einfach: Je häufiger es einem Team geling, kontrolliert in den gegnerischen Strafraum einzudringen, umso höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Teams daraus Tore erzielen. Natürlich können Teams auch einfach sehr effizient sein mit ihren Vorstößen in den gegnerischen Strafraum. Der 1. FC Heidenheim hat eher wenige „deep completions“ (mit 4.5 pro 90 Minuten nicht einmal halb so viele wie der FCSP), aber macht daraus ziemlich viel.

Die meisten Torschussvorlagen beim FC St. Pauli lieferte Marcel Hartel (knapp drei pro Spiel), womit er ligaweit den zweiten Platz belegt.
(c) Peter Boehmer

Zeichnen die Zahlen in dieser Saison also ein falsches Bild? Wird der FC St. Pauli die große Ausnahme von der Regel sein? Möglich. Doch sie scheinen das zu bestätigen, was viele während der Hinrunde wahrgenommen haben: Der FCSP hat sich klar unter Wert verkauft. So sind die „deep completions“ in jedem Fall ein sicherer Indikator dafür, dass die Offensive des FCSP krankt.

Abschlussgenauigkeit bleibt großes Problem

Dabei geht es nicht nur um die Abschlüsse selbst, deren Genauigkeit mit knapp über 30% klar unterdurchschnittlich ist (Platz 16 – nur Rostock und Nürnberg liegen dahinter). Diese Statistik ist wichtig, da sie anscheinend nicht bei allen im Verein ankommt. Aber sie ist nicht der einzige Grund: Vielmehr ist die Anzahl an Abschlüssen gemessen an den vielen Bällen, die erfolgreich im gegnerischen Strafraum zum Mitspieler gebracht werden, sogar noch zu gering.

Beides, die vielen erfolglosen Torschüsse und die vielen Situation, die nicht einmal zu Torschüssen geführt haben, führen zur gleichen Frage: Fehlt es der Offensive des FC St. Pauli an Qualität?
Klar, ein Teil dieser Frage wurde bereits in einem anderen Artikel beantwortet und dürfte nach Ansicht vieler die Hauptproblematik des FCSP in der Hinrunde gewesen sein. Aber es könnte noch mehr dahinter stecken. Vielleicht deutet das häufige erfolgreiche Eindringen in gegnerische Strafräume, ohne zum Torabschluss zu kommen, auch einfach darauf hin, dass es dem FC St. Pauli in der Offensive an Abstimmung mangelt.

Viel Rotation, wenig Erfahrung, wenig Tore

Fünf Spieler haben sich in der Hinrunde auf einer der beiden Offensivpositionen ausprobieren dürfen: Lukas Daschner, Igor Matanovic, David Otto, Johannes Eggestein und Igor Matanović. Als sieben verschiedene Duos standen diese fünf Spieler bereits in der Startelf. Nur Otto startete bisher einzig mit Eggestein. Alle anderen möglichen Kombinationen gab es diese Hinrunde in der Startelf bereits.

Für Spieler, die zuvor eher selten bis gar nicht gemeinsam auf dem Platz standen, könnte das etwas viel Rotation gewesen sein. Zumal die personellen Veränderungen auch zumeist mit vorheriger Erfolglosigkeit einhergingen. Klar, teilweise wurde dort auch anhand einzelner Skills aufgestellt (der Faktor Tempo dürfte Etienne Amenyido einige Einsätze beschert haben). Hätte sich aber ein Duo zuvor mit guter Leistung hervorgetan, dann wäre da sicher auch nichts dran verändert worden.

Deutschland, Hamburg, 27.08.2022, Fussball 2. Bundesliga 6. Spieltag, FC St. Pauli - SC Paderborn 07 im Millerntor-Stadion Etienne Amenyido (FC St. Pauli) - Co-Trainer Loic Fave (FC St. Pauli) - Igor Matanovic (FC St. Pauli)
Immer wieder neu zusammengesetzt wurde die Angriffsreihe beim FC St. Pauli im Laufe der Hinrunde.
(c) Peter Boehmer

Vielleicht noch etwas deutlicher als für die Defensive, gilt für die Offensive: Die Spieler sind noch sehr jung. Etienne Amenyido ist mit 24 Jahren der älteste der fünf Angreifer. Und keiner dieser Spieler hat bisher über längere Zeit auf einem solch hohen Level als Stammspieler agiert. Es ist ein Unterschied, ob junge Spieler neben einem mit Erfahrung agieren und daran wachsen, sich aber auch das ein oder andere Mal verstecken können.

Sicher ist auf jeden Fall, dass einzig Johannes Eggestein nachgewiesen hat, dass er wirklich torgefährlich ist. Fünf Saisontore sind nicht viele, aber hätte er selbst nicht in einem „körperlichen Tief“ gesteckt, wie Schultz zwischendurch mal bestätigte, dann wären da womöglich noch ein paar mehr Tore bei herausgesprungen. Otto (ein Tor), Amenydio (ein Tor) und Matanović (kein Tor) haben jedenfalls nicht nachweisen können, dass sie Torjäger-Qualitäten besitzen. Nicht nur beim FCSP, sondern auch bei anderen Clubs im Herren-Bereich (im Fall von Amenyido sogar auch in der Jugend).

Stabiles Mittelfeld

Angesichts dessen, was das Mittelfeld des FC St. Pauli über weite Teile der Hinrunde gezeigt hat, ist es schon ziemlich brutal, dass das Team auf Platz 15 steht. Denn Jackson Irvine und Marcel Hartel, zum Ende der Hinrunde hin auch Afeez Aremu, haben sich zu tragenden Säulen des FCSP-Spiels entwickelt. Auch wenn es noch individuelle Analysen zu einzelnen Spielern gibt, so muss in einer Analyse der Hinrunde, die sich aufgrund von Platz 15 natürlich mehr mit den Problemen befasst auch klar festgehalten werden, wie gut sich diese Spieler im letzten halben Jahr entwickelt haben.

So ist es wichtig, diese drei Spieler und ihre Rolle im Spiel des FCSP hervorzuheben. Denn sie zeigen, dass eine Sache im Team auch weiterhin funktioniert: Spieler können besser werden, sich weiterentwickeln. Auch Eric Smith ist hinzuzuzählen zu jenen Spielern, die einen Sprung in der Hinrunde gemacht haben. Das war auch zum Beispiel bei Leart Paqarada und Daniel-Kofi Kyereh und einigen weiteren Spielern der Fall. Sogar Philipp Ziereis hat in seinen letzten 18 Monaten beim FC St. Pauli noch einmal einen großen Schritt gemacht.

Jackson Irvine hat sich in seiner zweiten Saison beim FC St. Pauli zu einem der besten Mittelfeldspieler der Liga weiterentwickelt und folgerichtig seinen Vertrag beim FCSP verlängert.
(c) Peter Boehmer

Eine Frage der Entwicklung

Die Frage ist, ob dies nun auch möglich ist mit den vielen Spielern im Kader, die im vergangenen Sommer hinzugekommen sind. Denn abgesehen von Sascha Burchert ist der älteste dieser Spieler Manolis Saliakas mit 25 Jahren. So haben alle Neuzugänge also noch Entwicklungsschritte zu gehen. Es wäre wichtig, wenn diese beim FC St. Pauli gemacht werden. Und damit sie gegangen werden können, braucht es ein Umfeld, in dem das auch möglich ist. Wenn betont wird, dass Spieler sich nicht auf der Bank weiterentwickeln, dann ist das in gewisser Weise natürlich richtig. Aber es dürfte auch klar sein, dass für die Spieler-Entwicklung auch die Erfahrung anderer Spieler notwendig ist. Schaut man auf die Altersstruktur in Abwehr und Angriff, dann fehlt es da an eben jenen erfahrenen Spielern.

Dieser Punkt ist wichtig. Denn er dürfte ein zentraler sein bei der Entscheidung, in welcher personellen Konstellation beim FC St. Pauli weitergearbeitet wird. Unabhängig von Ergebnissen und taktischen Formationen, ist es für jeden Fußballclub enorm wichtig, dass sich die Spieler im Team weiterentwickeln. Weil es sich dabei um die wirtschaftlich günstigste Variante handelt, um sich sportlich zu verbessern. Aktuell scheint der ein oder andere Spieler im Kader vielleicht einen Rückschritt in der Entwicklung gemacht zu haben. Aber das Mittelfeld des FCSP zeigt, dass dies weit nicht bei allen Spielern der Fall ist und der Blick in die jüngere Vergangenheit bestätigt das.

Trotzdem stellt sich natürlich die Frage, ob sich die Spieler auch so entwickeln können, wie viele vor der Saison erwartet haben. Gerade die Beispiele in der Offensive zeigen, dass das schwierig sein könnte. David Otto, Igor Matanović, Etienne Amenyido, Lukas Daschner und Johannes Eggestein (siehe Ausnahme) haben im Herren-Bereich alle noch nicht nachhaltig nachweisen können, dass sie die notwendige Qualität im Abschluss haben. Es ist bezeichnend, dass Eggestein und Daschner die meisten Tore für den FCSP erzielten, denn beide stellten jeweils für eine Saison (Eggestein bei LASK: 12 Tore; Daschner bei Duisburg: 11 Tore) eine Ausnahme dar. Kann man da nun von den anderen mehr erwarten? Es muss genauestens hinterfragt werden, warum die Entwicklung bei den anderen Spielern so massiv hakt, die ja teilweise auch bei anderen Vereinen nicht voranging.

Karlsruhe, Deutschland, 12.11.2022 - Lukas Daschner (FC St. Pauli) jubelt nach seinem Tor gegen den Karlsruher SC - Copyright: Peter Boehmer
Lukas Daschner erzielte bisher drei Saisontore in der Liga – das ist team-intern leider schon der zweite Platz.
(c) Peter Boehmer

Fazit

So. Was machen wir nun aus dieser verkorksten Hinrunde? Auch wenn die Gründe dafür vielfältig und schwer auseinander zu halten sind, so sind sich sicher alle darin einig, dass der FC St. Pauli in der Hinrunde unter seinen Möglichkeiten geblieben ist, selbst wenn diese im Vergleich zur Vorsaison etwas niedriger angesetzt werden.

Situation gefährlich

Der FCSP spielte eine Hinrunde mit nur 17 Punkten, weil es ihm nicht gelang trotz taktischer Umstellungen eine Balance zwischen offensiver Power und defensiver Stabilität herzustellen. Ursächlich dafür war auch fehlendes Matchglück, aber nicht vordergründig. Viel eher fehlt es dem Kader an der notwendigen Erfahrung, vielleicht auch schlicht (noch) an Qualität. Zudem spielen Abstimmungsprobleme eine immer wiederkehrende Rolle, welche womöglich auch auf den im Sommer in Offensive und Defensive doch recht neu zusammengewürfelten Kader zurückzuführen sein könnten. Taktische Umstellungen gab es, die grundsätzlich richtig waren, aber die Problematik nur von hinten nach vorne verschoben haben.

Die Situation ist sehr gefährlich. Und die Vergangenheit hat gezeigt, dass es in der 2. Liga immer wieder Teams erwischen kann, die vor der Saison nicht damit rechneten und sich zu spät auf die Situation einstellten. Die lange Winterpause bietet nun tatsächlich die Möglichkeit Dinge grundlegend anzugehen, auch in Sachen personeller Zusammensetzung. Sicher ist: Ein „Weiter so!“ kann, darf und wird es nicht geben. Ein Verfallen in Panik mit der Umsetzung marktüblicher Mechanismen scheint aber ebenfalls nicht angebracht.

// Tim

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Sofern nicht anders markiert, stammen sämtliche Statistiken von Wyscout.

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10 thoughts on “FC St. Pauli: Hinrunden-Analyse – Teil 2

  1. Danke für die beiden Analyse Texte!

    Ich hoffe, dass:

    1. unser Trainerteam zusammen bleibt und weiter macht. Erreicht das Team, entwickelt Spieler, passt zum Verein
    2. ein fähiger Spieler dazu kommt im Mittelfeld, da es im Mittelfeld ein Spieler benötigt, der Irvine und Hartel entlasten kann
    3. unsere eigenen Standards effektiver werden, da sind andere Sportarten dem Fussball schon voraus
    4. klar ist, dass kein Stürmer von alleine Tore schießt, ergo brauchen wir keinen neuen Stürmer, sondern noch bessere Chancen PLUS Weiterentwicklung der vorhandenen Stürmer
    5. die internen Erwartungen auch schon vor der Saison so realistisch waren, dass es erstmal gegen den Abstieg geht und dadran weitergearbeitet wird.
    6. ihr weiter so macht

    1. Für Nr. 2 fällt mir sofort der Name Leon Flach ein. Den hätte ich gerne wieder zurück und die Saison in den USA ist ja vorbei…;-)

      Einen Angreifer brauchen wir m.E. schon noch – einen erfahrenen, an dem die jungen Spieler wachsen können.
      Meine Wünsche für neue Spieler wären:
      – in der IV eine Verpflichtung der Art ‚Reginiussen‘
      – einen erfahrenen Angreifer, der kopfball- und durchsetzungsstark ist, weiß wo das Tor steht und der die jungen Spieler entlasten und auch anleiten kann
      – Leon Flach

  2. Sehe ich zum größten Teil auch so. Ein paar Gedanken dazu wollte ich aber gerne noch teilen:
    – Einmal abgesehen von dem psychologischen Effekten: So eng, wie die Liga nun einmal ist, sähe die Lage bei durchaus möglichen 6 – 9 Punkten mehr ganz anders aus. Zumindest tabellarisch spielt das „Matchglück“ doch eine nicht unerhebliche Rolle. Nebenbei: Dass 17 Spiele keine valide Basis sind, um statistische Schlüsse zu ziehen (oder gar Statistiken zu verwerfen!), dürftet ihr eigentlich auch wissen, hm?
    – Die „deep completions“ sind natürlich bemerkenswert. Darüber habe ich auch lange gewundert (und wundere mich eigentlich immer noch). Meine aktuelle These ist, dass es am Tempo unseres Angriffspiels liegt. Auch am Individuellen, vor allem aber Tempo der Spielzüge. Vergleicht man z.B. die Hinrunde letzte Saison (der Vergleich hinkt natürlich immer ein bißchen, ich weiß), dann hatte man damals den Eindruck, die Mannschaft überrollt den Gegner regelrecht. Die Bälle wurden teils im Vollsprint angenommen, es gab viele Pässe nach einem oder zwei Kontakten, in der Regel auch noch in freie Räume hinein oder zu Mitspielern, die nicht direkt unter Gegnerdruck standen. In dieser Hinrunde ist das Grundtempo unserer Angriffe viel langsamer. Es braucht oftmals bereits zwei oder drei Kontakte, bis der stecken kann, welcher dann zumeist auch keinen Raum vorfindet. Insbesondere „entschleunigt“ sich unser Angriff, je näher wir dem StrafrauBall wirklich unter Kontrolle ist, teils stimmt die Paßschärfe nicht, teils wird erst einmal geguckt, wie man den Ball zum Mitspieler durchm kommen. Da wird dann gerne noch mal quergedribbelt und -gepaßt, geguckt, abgebrochen und der Hintermann mitgenommen und von dem an den nächsten bereits gedeckten Mitspieler am Strafraum weitergeleitet. Freie Räume zum Bespielen haben wir eigentlich nie gehabt, gefunden oder kreieren können, außer durch Steckpässe aus an sich recht statischen Situationen im / am Strafraum. So entstehen dann auch hohe „dc“-Werte, die tatsächlich gar nichts mit der realen Torwahrscheinlichkeit zu tun haben, weil die meisten Annahmen bereits unter Druck stattfinden und der Gegner in aller Regel bereits mit diversen Spielern im eigenen Strafraum steht. Vielleicht ja eine Erklärung für die Diskrepanz!?
    Für mein subjektives Empfinden ist es jedenfalls sehr auffällig, dass jeder Abschluss sehr mühselig erspielt werden muss. Ich finde ja, dass sich die Mannschaft spieltaktisch (und nicht nur von den Formationen her!) deutlich weiterentwickelt hat, aber die ehedem so berauschende Dynamik ist dabei leider auf der Strecke geblieben. Hier müsste TS die Mannschaft wieder ein bißchen mehr in Richtung „kompromißlos“ eichen.

    Trotz der Ergebnisse sehe ich die Lage insgesamt noch ziemlich entspannt. Die Mannschaft funktioniert nach wie vor und sie spielt bei weitem nicht wie ein Absteiger. Über weite Strecken der Spiele in der Hinrunde hat sie tatsächlich eher wie ein Team mit Ambitionen nach oben gespielt (das macht es ja auch so frustrierend, finde ich). Was fehlt, ist Qualität im Sturm, Erfahrung und ein paar Feinjustierungen in den Abläufen. Ich meine jedenfalls, dass eine begeisternde Rückrunde wahrscheinlicher als ein Abstieg ist – WENN denn ENDLICH der notwendige Stürmer mit gehobener Qualität kommt und womöglich noch ein erfahrener Defensivspieler dazu. Es fehlt nicht viel, damit die Mannschaft mit Fug & Recht wieder zu den Top6 der Liga zu zählen ist!

    1. Sorry, irgendwie hat die Seite ein paar Sätze verschluckt…
      es sollte heißen: „…braucht zwei oder drei Kontakte, bis der Ball unter Kontrolle ist, dann wird oft noch geguckt, wie man den Ball zum Mitspieler durchstecken kann, der zumeist auch bereits unter Gegnerdruck den Ball annehmen muss; teils…“

  3. Danke, Tim, für die gute Analyse!

    Bei den ganzen Zahlen und der Suche nach Erklärungen habe ich eine Verständnisfrage, wo ich nicht weiß, ob ich völlig falsch denke.

    Vorne viele Torschüsse, viele daneben, klar, Spieler treffen nicht, Qualität reicht evtl. nicht. Gaaanz vereinfacht. 😉
    Hinten aber finde ich das viel komplizierter. Wir lassen wenig Torschüsse zu und die haben alle eine niedrige Torwahrscheinlichkeit. Wir fangen daraus aber trotzdem viele Tore. Warum?
    Das liegt ja nicht an den z.B. individuellen Fehlern selbst, die ja nur dafür sorgen, dass diese Chancen entstehen. Wenn die trotzdem ne niedrige Torwahrscheinlichkeit haben, muss es ja an anderen Faktoren liegen, dass wir trotzdem Tore daraus fangen.
    Neben der Frage nach den Torwartleistungen, wäre da m.E. der individuelle xG der einzelnen Gegentore interessant. Im Schnitt sieht das vielleicht ganz gut aus, aber Abstimmungsprobleme und individuelle Fehler ermöglichen klare Chancen. Da täuscht dann der Schnitt aller zugelassenen Torschüsse, oder denke ich da falsch?
    Ich meine, wenn ich 10 Torschüsse zulasse und 2 Tore kassiere, dann ist das doch ein Unterschied bzgl. Ursachenforschung, ob die alle bei gleichem Gesamt-xG den gleichen individuellen xG-Wert hatten oder 2 davon einen hohen und die anderen 8 einen besonders niedrigen. Die reine Betrachtung des Gesamtwerts reicht da m.E. nicht aus.

    Vielleicht liegt das deinen Betrachtungen ja schon zugrunde. Die angeführten Gründe, wie Erfahrung, Eingespieltheit und individuelle Fehler sind doch aber nur eine Erklärung, dass wir bestimmte Torschüsse zulassen, nicht aber, warum davon so viele reingehen. Unsere Fehler schießen die Tore ja nicht selbst. 😉

    1. Moin Snief,
      ja, das ist spannend und da hab ich auch schon lange drüber nachgedacht, wie ich das verarbeitete. Also: Ja, der xG der Torschüsse, die zu Gegentoren führten ist höher als der Schnitt. Das erklärt sich sicher von selbst. Er ist (Hallo Abschlussschwäche!) niedriger als der xG der selbst erzielten Tore. Um nun eine Aussage darüber zu treffen, ob es sich dabei um individuelle Fehler, schwache Torwartleistungen oder einfach auch viel Pech geht (ich tippe auf eine Mischung aus allen drei), müsste man das mit den Gegentoren der anderen Teams vergleichen, sowohl statistisch als auch visuell. Mir juckt es da in den Fingern, aber mal schauen, ob ich das zeitlich schaffe, keine Ahnung.

      1. Du hattest doch letztens den xGOT Wert vorgestellt, der die Qualität des Abschlusses selber (nicht nur die Position wie bei xG) beschreibt.
        Vielleicht schießen die Gegner grade gegen uns einfach besonders gut und sind besonders effektiv. So ein statistischer Ausreißer ist ja möglich.
        Wenn du Zugang zu diesen Daten hättest wäre eine Auswertung sehr spannend. Wenn der xGOTa (against) Wert dann nicht bei nur 17 liegt sondern bei 25, wäre das ja ein klarer Beleg für die These.

        Und wie unser eigener xGOT-Wert ist würde mich natürlich auch brennend interessieren.

  4. Fazit in einem Satz: „Entscheidend ist, was hinten raus kommt.“

    Wer das Spiel gg. die Kogge live gesehen hat, wird nix Positives an der Hinrunde finden. Ein Medic oder ein Amenyido werden sich nicht mehr entscheidend verbessern und Tore konstant verhindert bzw. schießen.

    Und letztlich liegt die Gesamtverantwortung bei Bornemann („Vertrauen in den Kafer“), der glaubte, Daschner und Eggestein wären so gut wie Kofi und Burgstaller – sowie bei Schulle, der den fcsp innerhalb von 12 Monaten von Platz 1 auf Platz 15 geführt hat.

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