FC St. Pauli: Hinrunden-Analyse – Teil 1

FC St. Pauli: Hinrunden-Analyse – Teil 1

Während sich die sportlich Verantwortlichen mitten in der Analyse der Hinrunde des FC St. Pauli befinden – machen wir das auch. Im ersten Teil mit einem Blick auf die 17 Spiele des FCSP.
(Titelbild: Stefan Groenveld)

So richtig gerne werden sicher nicht viele an die meisten Spiele erinnert, die der FC St. Pauli in der Hinrunde spielte. 17 Punkte holte das Team, startete ganz ok, doch dann wurde von den letzten 13 Spielen nur noch ein einziges gewonnen. Um die Leistungen aufzudröseln und zu bewerten, schauen wir einmal zurück auf die einzelnen Spiele.

1. Spieltag: FC St. Pauli – 1. FC Nürnberg 3:2

Spielbericht: Erfolgreiche Standortbestimmung
Zahlen und Einzelkritik

Bereits vor Saisonbeginn gab es einige Fragezeichen rund um die offensive Leistungsstärke des FC St. Pauli. Das Thema „fehlender Stürmer“ wurde damals bereits intensiv diskutiert. Doch 45 Minuten waren in der 2. Bundesliga in der Saison 22/23 gespielt, da schien das alles wie weggefegt: Mit 3:0 führte der FCSP zur Halbzeit (Irvine, Paqarada und Daschner trafen). Zwar war das Spiel nicht komplett überzeugend, aber die Effizienz war bemerkenswert.

In der zweiten Halbzeit kam der FCN aber stärker auf, konnte direkt mit Wiederanpfiff treffen und stellte kurz vor Schluss den Anschluss her. Beide Gegentreffer sind recht klar auf individuelle Abwehrfehler zurückzuführen, welche das Team dann auch in der Folge begleiten sollten. Trotzdem: Die Ballsicherheit, mit der der FCSP vor allem in der zweiten Halbzeit das Spiel kontrollierte, war richtig gut.

Was zum Zeitpunkt des Abpfiffs noch überhaupt nicht klar war: Wie schwach der 1. FC Nürnberg in der Saison sein würde. Das Spiel haben viele damals als ein Duell zwischen zwei Aufstiegsaspiranten angesehen. Entsprechend hoch wurde (auch von mir) der Auftaktsieg eingeschätzt.
Subjektives Urteil: Knapp, aber die drei FCSP-Punkte waren verdient.

Hamburg, Deutschland, 16.07.2022 - Leart Paqarada (FC St. Pauli) trifft per Elfmeter gegen den 1. FC Nürnberg - Copyright: Stefan Groenveld
Da war die Saison noch rosig: Leart Paqarada trifft per Elfmeter gegen den 1. FC Nürnberg
(c) Stefan Groenveld

2. Spieltag: Hannover 96 – FC St. Pauli 2:2

Spielbericht: Ziemlich gut
Zahlen und Einzelkritik

Auch das zweite Spiel der Saison wurde als Top-Spiel angesehen. Hannover 96 hatte sich vor der Saison auf vielen Positionen enorm verstärkt. Im Spiel war davon dann aber noch recht wenig zu sehen. Es war eher so, wie sich Timo Schultz vor der Partie den Gegner wünschte („Ich hoffe, das Team hat sich noch nicht gefunden“) und wie es bei Hannover 96 auch immer noch ein wenig ist: Viel Stückwerk.

Der FC St. Pauli ging früh durch ein tolles Tor von Johannes Eggestein in Führung und hätte gerne auch das zweite Tor nachlegen dürfen. Stattdessen griff der VAR massiv in die Partie ein und es gab einen denkwürdigen Handelfmeter für das Heimteam. In der zweiten Halbzeit dominierte der FC St. Pauli die Partie, kombinierte sich (erneut) mit enormer Ballsicherheit bis ins letzte Drittel hinein.

Doch rückblickend betrachtet zeigte sich dann auch eines der großen Probleme des FCSP: Mehr als erfolgreich nahe vor das gegnerische Tor zu kommen, war nicht drin. Wirkliche Chancen erspielte sich das Team in Hannover in der zweiten Halbzeit nicht. Stattdessen gingen die Niedersachsen in Führung, welches Jackson Irvine in letzter Sekunde immerhin noch ausgleichen konnte.
Subjektives Urteil: Auch wenn der Jubel ob des späten Treffers groß war: In Hannover verlor der FCSP zwei Punkte.

3. Spieltag: 1. FC Kaiserslautern – FC St. Pauli 2:1

Spielbericht: Im Netz der Spinne

Nach einer äußerst wilden Partie gegen den SV Straelen in der ersten Pokalrunde (Spielbericht), gab es auf dem Betzenberg die erste Niederlage der noch jungen Saison. Und das völlig zurecht, weil der FC St. Pauli ziemlich perfekt in die Falle des FCK tappte.

Nach dem frühen Rückstand zog sich das Team von Dirk Schuster tief in die eigene Hälfte zurück und legte die Probleme des FC St. Pauli recht schonungslos offen. Kurz vor Schluss konnte Jakov Medić nur noch den Anschluss herstellen. Es war der siebte Treffer des FCSP in der Saison – vier davon wurden per Standard erzielt.

Diese Niederlage zeigte schmerzhaft auf, dass die Saison nicht so einfach und vor allem nicht so erfolgreich werden würde, wie die vorherige. Denn während der FCSP in der Vorsaison auch gegen tiefstehende Gegner immer wieder Lösungen fand, war genau das beim FCK nicht der Fall.
Subjektives Urteil: Eine verdiente Niederlage.

4. Spieltag: FC St. Pauli – 1. FC Magdeburg 3:0

Kurzbericht

Wie viel einfacher es dem FC St. Pauli fällt, wenn ein Gegner nicht tief steht, zeigte sich einen Spieltag nach der Niederlage beim FCK gegen einen weiteren Aufsteiger. Die erste Halbzeit gegen den 1. FC Magdeburg sollte für lange Zeit das beste sein, was der FCSP offensiv in der Hinrunde anbot. Nachdem das Team bereits in Kaiserslautern partiell in einem flachem 4-4-2 agierte, war die Partie gegen den FCM die erste, in der diese Formation voll durchgezogen wurde.

Die womöglich beste erste Halbzeit der Hinrunde spielte der FC St. Pauli zuhause gegen den 1. FC Magdeburg.
(c) Peter Böhmer

Ein Doppelpack von Johannes Eggestein und ein später Treffer von Marcel Hartel sorgten letztlich für ein 3:0, welches aufgrund der ersten Halbzeit auch voll in Ordnung gegangen wäre. Die zweiten 45 Minuten waren aber schon etwas schwieriger, da der FCM dann doch recht druckvoll wurde. In fast ungewohnter Art und Weise gab der FCSP die Spielkontrolle nahezu komplett ab. Auch wenn die zweite Halbzeit nicht mit der ersten mithalten konnte, haben sich wohl nur wenige vorstellen können, dass dieser Sieg der letzte für längere Zeit sein sollte.
Subjektives Urteil: Zwar etwas hoch, aber verdiente drei Punkte.

5. Spieltag: Hansa Rostock – FC St. Pauli 2:0

Spielbericht: Wie ist das möglich?!
Zahlen und Einzelkritik

Auch wenn es ergebnistechnisch noch weitere Niederlagen gab, die sehr schmerzhaft waren, so war alles, wirklich alles an diesem Tag in Rostock ein Tiefpunkt. Auf dem Platz zeigte der FC St. Pauli eine der schlechtesten Leistungen, die es bisher wohl jemals unter der Leitung von Timo Schultz gegeben hat. Zu keinem Zeitpunkt hatte der FCSP auch nur irgendwie so etwas wie einen Fuß in der Tür, Hansa dominierte fast nach Belieben.

Na klar, es waren individuelle Fehler, die zu den Gegentoren führten. Es war auch wieder eine Dreierkette gegen die der FC St. Pauli Lösungen finden musste und sie nicht fand. Und trotzdem ist die Niederlage in Rostock vor allem eine im Kopf gewesen, das war bereits in den ersten Minuten spür- und sichtbar und sorgt bei mir bis heute für Kopfschütteln.
Subjektives Urteil: Weniger als 0 Punkte gibt es für ein Fußballspiel glücklicherweise nicht.

David Nemeth und Jakov Medic (beide FC St. Pauli) diskutieren nach einem Gegentor durch Hansa Rostock.
David Nemeth und Jakov Medic diskutieren nach einem Gegentor in Rostock. Die 0:2-Niederlage war zweifelsohne der Tiefpunkt der Hinrunde.
(c) Peter Boehmer

6. Spieltag: FC St. Pauli – SC Paderborn 2:2

Spielbericht: Unentschieden halt
Zahlen und Einzelkritik

„Der FCSP war das dominante Team und hatte die richtige Antwort auf die starke Paderborner Offensive gefunden, musste sich aber aufgrund effizienter Gäste und eigener fehlender Durchschlagskraft mit dem Unentschieden begnügen.“ – so steht es im Spielbericht und das ließe sich eigentlich auf mindestens zehn der 17 Spiele anwenden. Der SC Paderborn kam als Spitzenreiter mit einer vor Power schier platzenden Offensive ans Millerntor. Ihr wurde der Wind aus den Segeln genommen, doch ein Ballverlust im Spielaufbau (steht so oder so ähnlich auch in zehn von 17 Spielberichten) sorgte für die glückliche Halbzeitführung des SCP.

Nach verschossenem Paqarada-Elfmeter und einigen weiteren vergebenen Chancen, erzielte Etienne Amenyido ein Tor (was dieser Spielbericht leider exklusiv hat – es war zudem das letzte Stürmer-Tor für längere Zeit). Ein weiteres Abstimmungsproblem und enormes Tempo von Sirlord Conteh sorgten für den späten Rückstand, den David Nemeth noch nach Standard ganz spät egalisieren konnte.
Subjektives Urteil: Offensiv überzeugend, aber defensiv anfällig. Der Punkt geht in Ordnung.

7. Spieltag: SpVgg Greuther Fürth – FC St. Pauli 2:2

Spielbericht: Ja! Nee! Puuhh!

Und wieder spielte der FC St. Pauli eine sehr gute erste Halbzeit. Wieder schien es, als habe das Trainer-Team die Formation und Spielidee des Gegners geknackt. Das führte dazu, dass sich der FCSP nach der 1:0-Führung zur Pause einzig vorwerfen lassen musste, dass er nicht noch höher führte. Doch zum Ende der ersten Halbzeit zeigte sich bereits, dass der FCSP Probleme bekommt. Denn Fürths damaliger Trainer Marc Schneider stellte die Formation von einem 4-2-3-1 auf ein 4-4-2 mit Mittelfeldraute um. „Der Effekt dieser Umstellung war riesig“ steht dazu im Spielbericht.

Und so lag der FC St. Pauli nach fürchterlichem Start in die zweite Hälfte plötzlich mit 1:2 hinten. Erst zum Ende der Partie fing sich das Team etwas und konnte durch Connor Metcalfe noch ausgleichen. So stand am Ende wieder ein Unentschieden, das dritte 2:2 der Saison, erneut durch ein spätes FCSP-Tor. Das alles erinnerte ergebnistechnisch schon sehr stark an die erste Hinrunde von Timo Schultz als Trainer des FC St. Pauli (2:2 – ein todsicheres Ding).
Subjektiver Eindruck: Der Punktgewinn in Fürth ist eher glücklich gewesen.

8. Spieltag: FC St. Pauli – SV Sandhausen 1:1

Ein Sandhaufen voller Ärger

Dieser Punktverlust gehört sicher zu den ärgerlichsten der Hinrunde. Denn wohl kaum ein Gegner des FC St. Pauli bot so wenig an, wie der SV Sandhausen am Millerntor. Ein Spiel aus der Kategorie „Musst-Du-Gewinnen“. Doch der FCSP machte nach der Führung durch Jackson Irvine aus seinen vielen Möglichkeiten zu wenig und fing sich dann in der zweiten Halbzeit den völlig überflüssigen Ausgleich.

Jackson Irvine und Connor Metcalfe mit der Enttäuschung im Gesicht nach dem Spiel.
Defintiv zwei Punkte verloren hatte der FC St. Pauli zuhause gegen den SV Sandhausen.
(c) Peter Böhmer

Das dritte Unentschieden in Folge sorgte für ziemliche Ernüchterung. Denn irgendwie hatte man bis zu diesem Spiel immer noch gehofft, dass die schwankenden Leistungen eventuell auch mit der Stärke der jeweiligen Gegner zusammenhängen könnten. Das Spiel gegen den SV Sandhausen aber zeigte, dass sich der FCSP die Scheiße schön selbst einbrockt.
Subjektiver Eindruck: Klar, musst du gewinnen.

9. Spieltag: SSV Jahn Regensburg – FC St. Pauli 2:0

Spielbericht: und täglich grüßt…
Zahlen und Einzelkritik

Auswärts mit dem FC St. Pauli ist es alles andere als leicht. Das zeigte auch das Spiel in Regensburg, bei dem der FCSP seinem Ruf als Aufbaugegner auf ganzer Linie gerecht wurde. Timo Schultz sprach rund zwei Monate nach dieser Partie von einer „negativen Dynamik“, welche das Spiel aus FCSP-Sicht angenommen hätte. Auslöser war ein zweifelhafter Elfmeter für Regensburg, der dem Heimteam den ersten Treffer seit sechs Spielen bescherte.

Nach einem Albers-Kopfballtor, welches von vorne bis hinten schlecht verteidigt wurde (Hallo Abstimmungsprobleme!) lag der FC St. Pauli bereits zur Halbzeit mit 0:2 zurück. Schon wieder fing sich das Team ein einfaches Gegentor. Die defensive Arbeit war zu dieser Zeit sogar ein noch größeres Thema als die fehlende offensive Durchschlagskraft.

Dabei fehlte diese auch. Denn ein wirkliches Aufbäumen war in der Folge leider nicht zu sehen. So war der Frust über diese Niederlage groß. Sie zeigte deutlich auf, dass es mit einem flachen 4-4-2 eigentlich nicht dauerhaft weitergehen kann, da es dem Team an Tempo auf den Außenbahnen fehlt. Dem FC St. Pauli gelang es über die volle Spielzeit nicht, gegen einen limitierten Gegner offensiv ernsthaft gefährlich zu werden. Die defensive Instabilität in Einzelsituationen musste leider stets mit einkalkuliert werden.
Subjektiver Eindruck: Eine hochverdiente Niederlage.

10. Spieltag: FC St. Pauli – 1. FC Heidenheim 0:0

Spielbericht: großer K(r)ampf
Zahlen und Einzelkritik

So war es dann auch die fehlende defensive Stabilität, die vor der Partie im Vordergrund stand. Und die Frage, wie der FC St. Pauli wohl ohne seine beiden Kapitäne zurechtkommen würde, denn Leart Paqarada und Jackson Irvine fielen für das Spiel aus. Entsprechend positiv war, wie sehr Eric Smith und Marcel Hartel (der in der Schlussphase den ersten Krampf seiner Karriere erlebte) die Rolle der fehlenden Kapitäne einnahmen. Das Spiel selbst dominierte der FCSP vor allem dank taktischer Überlegenheit in der Anfangsphase (und hätte nach dem harten Foul von Geipl an Saliakas in Überzahl weiterspielen müssen). Nach einer Anpassung der Heidenheimer wurde es ausgeglichen.

Gegen Heidenheim zeigte das Team zum ersten Mal in der Saison defensive Stabilität. Und zwar nicht, wie vorher, in Teilen, sondern über die vollen 90 Minuten. Der Lohn: Nur ein 0:0, da offensive Probleme nicht gelöst werden konnten.
(c) Stefan Groenveld

Bei all der Freude über das endlich mal wieder gegentorfreie Spiel blieb dann aber die fehlende offensive Durchschlagskraft fast ein wenig unberücksichtigt. Dabei war dies bereits das vierte Spiel in Folge ohne dass einer der Angreifer des FC St. Pauli ein Tor erzielte. Es sollte noch zwei Spiele dauern, bis das wieder geschah. Und auch eine weitere Serie hatte nach dem Spiel Bestand: Der FCSP hatte seit dem 4. Spieltag nicht mehr gewonnen.
Subjektiver Eindruck: Nicht nur das Remis, sondern auch die Torlosigkeit waren verdient.

11. Spieltag: Eintracht Braunschweig – FC St. Pauli 2:1

Spielbericht: Keine Ausreden mehr

Der Titel „und täglich grüßt…“ war bereits vergeben nach der Niederlage in Regensburg, hätte aber auch in diesem Fall gut gepasst. Denn einmal mehr zeigte der FC St. Pauli auch in Braunschweig sein Auswärtsgesicht: Das Team startete gut in die Partie, hätte nach rund 30 Minuten in Führung liegen können, wenn nicht sogar müssen. Aber die Durchschlagskraft, ach ja…

So war es dann kein Stürmer, der zur Führung traf. Manolis Saliakas produzierte in der zweiten Halbzeit das, was man gemeinhin als „Strahl“ bezeichnet und sorgte so für die zu diesem Zeitpunkt verdiente Führung, auch wenn das Team in der zweiten Halbzeit nicht mehr überlegen war. Doch, und daher der passende Murmeltier-Titel, der FC St. Pauli wurde im Anschluss enorm passiv und lud Eintracht Braunschweig zu zwei Treffern durch Emmanuel Pherai ein, so wie es auch fast zwei Jahre zuvor beim letzten Auftritt in Braunschweig der Fall war.

Braunschweig, Deutschland, Oktober 2022 - Manolis Saliakas (FC St. Pauli) - copyright: Peter Boehmer
Der passt – Manolis Saliakas erzielte sicher das schönste Tor der Hinrunde für den FC St. Pauli. Zum Punktgewinn reichte es in Braunschweig trotzdem nicht.
(c) Peter Boehmer

Kaiserslautern, Rostock, Regensburg, Braunschweig – die Liste der Teams, gegen die der FC St. Pauli bis zu diesem Zeitpunkt der Saison verlor, lässt wahrlich nicht viele FCSP-Fußballherzen höher schlagen. Umso bezeichnender, dass der FCSP ausgerechnet gegen diese Teams verlor, die selbst wenig offensive Attraktion angeboten haben.
Subjektives Urteil: Unnötig und ärgerlich. Ein Punktgewinn wäre das verdiente Ergebnis gewesen. Und selbst das wäre unnötig und ärgerlich gewesen.

12. Spieltag: FC St. Pauli – Hamburger SV 3:0

Spielbericht: Hamburg ist Braun-Weiß!
Zahlen und Einzelkritik

Dieses Spiel auf einen Platzverweis zu reduzieren, wird der Sache einfach nicht gerecht. Denn auch bevor Sebastian Schonlau runter musste, war der FC St. Pauli besser im Spiel. Ursächlich dafür war die erstmalige Umstellung auf ein 5-3-2, mit Eric Smith als Innenverteidiger. Es sollte bis zum Ende der Hinrunde die Formation des FCSP bleiben, der erste Auftritt mit dieser Formation war aber der beste.

Erneut zeigte die taktische Anpassung, dass das Trainer-Team des FC St. Pauli seine Hausaufgaben vor der Partie gut gemacht hat. Eine Dreierkette mag für den FCSP selbst ein Problem sein, für den HSV und den von ihnen praktizierten Walter-Ball ist es nicht weniger als Kryptonit. Denn sämtliche Punktverluste fing sich das Walter-Team gegen Teams, die mit einer Dreierkette agierten. So auch gegen den FCSP, der dann auch noch die Überzahl perfekt mit steten Ballverlagerungen ausspielte.

Der erste Sieg nach sieben sieglosen Spielen schien wie ein Brustlöser zu sein. Denn es war wohl der einzige Auftritt der Saison, bei dem der FC St. Pauli auf alle Probleme eine Antwort hatte: Defensiv ließ das Team wenig bis gar nichts zu. David Otto brach den seit dem 5. Spieltag existierenden „FCSP-Stürmer treffen nicht“-Fluch und mit dem 5-3-2 schien der FCSP nun die dringend benötigte taktische Flexibilität zu erlangen.
Subjektiver Eindruck: Selten so ein einseitiges Derby gesehen.

Hamburg, Deutschland, 14.102022 - Die Spieler des FC St. Pauli feiern einen eigenen Treffer im Spiel gegen den Hamburger SV. Copyright: Stefan Groenveld
Ich glaube das ist der dritte oder vierte Artikel in den ich dieses Foto einbaue. Weil es einfach fantastisch ist. Genauso wie der Derbysieg es war.
(c) Stefan Groenveld

13. Spieltag: Arminia Bielelfeld – FC St. Pauli 2:0

Spielbericht: Hinten kackt die Kuh
Zahlen und Einzelkritik

Nachdem der FC St. Pauli auf bitterste Weise im DFB-Pokal in Freiburg ausgeschieden war (Spielbericht: Besser nie als spät), stand wenige Tage später die Auswärtspartie beim Tabellenschlusslicht Arminia Bielefeld an. Der FCSP wurde seinem Ruf als Aufbaugegner dann leider auch gerecht und verlor eine Partie, die er nie und nimmer verlieren darf.

Einmal mehr war das Team in der ersten Halbzeit taktisch überlegen, musste in Führung gehen, tat es aber nicht. Bielefeld passte sein Spiel etwas an, fand eine Lücke aufgrund von Abstimmungsproblemen beim FCSP, hatte erheblich mehr Tiefe im Kader (nicht nur an diesem Tag) und laut Timo Schultz hinten raus auch etwas mehr Kraft. So machte sich eine Woche nach dem Derbysieg und wenige Tage nach einer knappen Pokal-Niederlage bei einem Top-Team der Bundesliga erneut Ernüchterung breit beim FCSP.
Subjektiver Eindruck: Der FCSP muss das 1:0 machen. Und dann wäre Bielefeld auseinander gefallen.

14. Spieltag: FC St. Pauli – SV Darmstadt 98 1:1

Spielbericht: Fußballfest

Der Titel des Spielberichts ist etwas irreführend. Denn er bezieht sich auf das Spiel als solches und nicht darauf, dass das Ergebnis für den FC St. Pauli schon wieder fast maximal unbefriedigend gewesen ist. Erneut passte die taktische Ausrichtung des FCSP. Dieses Mal folgte sogar die passende Reaktion auf die Umstellung der Lilien während der Partie, die zu diesem Zeitpunkt bereits Tabellenführer waren und sich nun Herbstmeister nennen dürfen. Trotzdem geht dieses Spiel 1:1 aus, was auch aufgrund der Spielanteile und sämtlicher Parameter für den FCSP zu wenig ist.

Was die Partie in jedem Fall zeigte: Dass sich der FC St. Pauli gegen Teams, die mitspielen wollen einfach leichter tut. Was sie auch zeigte: Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß. Denn dem Team gelang es auch gegen Darmstadt nicht, seine Leistung in ein entsprechendes Ergebnis umzusetzen.
Subjektiver Eindruck: Könnt ihr euch nach dem vorletzten Satz sicher denken.

Hamburg, Deutschland, 29.10.2022 - Etienne Amenyido (FC St. Pauli) setzt gegen den SV Darmstadt 98 zum Torschuss an - Copyright: Stefan Groenveld
Chancen für mehr als ein Tor gab es für den FC St. Pauli im Spiel gegen Darmstadt sicher genug.
(c) Stefan Groenveld

15. Spieltag: Fortuna Düsseldorf – FC St. Pauli 1:0

Spielbericht: Übliche Auswärtsmurmelei
Zahlen (ohne Einzelkritik)

Ich bin genervt. Sogar beim Runterschreiben dieser Spiele. Denn ich muss mir ständig neue Formulierungen für „nicht belohnt“ überlegen. Denn andernfalls wäre es doch schon sehr monoton, was ich zu den Spielen des FCSP schreibe (wenn es das nicht eh schon ist). Die Partie bei Fortuna Düsseldorf wurde durch ein vermeidbares Gegentor entschieden: Rouwen Hennings traf aus einer sehr untypischen Position, überraschte damit Nikola Vasilj, aber der war in dieser Situation nicht der einzige FCSP-Spieler, der einen Fehler machte.

Fehler passieren. Ohne sie würde es keine Tore geben. Was aber Betim Fazliji in der zweiten Halbzeit passierte, war dann nicht mehr die Kategorie „Fehler“, sondern eher „dämlich“. Durch einen Kopfstoß, den der Düsseldorfer mehr als dankend annahm, musste der FCSP die letzten rund 30 Minuten in Unterzahl bestreiten. Es spricht für das Team, dass diese Unterzahl nicht spürbar war. Es spricht gegen das Team, dass es sich für diese starke Phase erneut, ja, da isses wieder, nicht belohnte.
Subjektiver Eindruck: Ein Punkt hätte der FCSP aus Düsseldorf mitnehmen müssen. Mindestens.

16. Spieltag: FC St. Pauli – Holstein Kiel 0:0

Spielbericht: Das „M“ in FCSP steht für Mut
Zahlen und Einzelkritik

Viel besser ist der Rückblick aber auch nicht, wenn ich einmal nichts von „nicht belohnt“ schreiben muss. Gegen Holstein Kiel zeigte der FC St. Pauli eine ziemlich dürftige Leistung, nach der auch Timo Schultz sagte, dass er sich zum ersten Mal nicht über ein Unentschieden ärgere.

Dem FC St. Pauli fehlten über die gesamten 90 Minuten Lösungsansätze gegen ein defensiv eigentlich anfälliges Team. Das führte Schultz auf „fehlenden Mut“ zurück, was in gewisser Weise auch ein wenig erklärbar ist, da Kiel offensiv alles andere als schwach zu bewerten ist. So war dann auch das einzig positive an dem Spiel, dass der FCSP die Null halten konnte und die Kieler Offensive zumindest nicht komplett freidrehen ließ. Gemessen an der Tabellenposition (Platz 16) reichte ein Unentschieden natürlich nicht. Und so ist diese Leistung dann auch zu wenig gewesen.
Subjektiver Eindruck: Der Punktgewinn gegen Kiel war glücklich.

Hamburg, Deutschland, 08.11.2022 - David Otto und Johannes Eggestein (FC St. Pauli) konnten beim Spiel gegen Holstein Kiel nicht überzeugen - Copyright: Peter Boehmer
Nein, gegen Holstein Kiel hatte sich der FC St. Pauli sicher nicht für drei Punkte empfohlen. Ehrlich gesagt auch nicht für das 0:0, was es letztlich wurde.
(c) Peter Boehmer

17. Spieltag: Karlsruher SC – FC St. Pauli 4:4

Spielbericht: Jahresrückblick

Mit dem fünften Torschuss des KSC erzielte Mikkel Kaufmann das 4:3 für sein Team. Jedes dieser Tore ist auf teils eklatante Fehler in der Defensive zurückzuführen. Das Team zeigte offensiv eine mehr als ordentliche Vorstellung, war taktisch überlegen (bis der KSC umstellte) – alles daran ist ein ziemlich gutes Abbild des FC St. Pauli in der Hinrunde 22/23. Defensiv vor allem mit individuellen Fehlern, taktisch meist überlegen (zumindest zu Spielbeginn) und offensiv, trotz vier Toren, nicht effizient genug.

Klar, vier Tore auswärts sind super. Was bei diesem Spiel aber nicht vergessen werden darf: Der KSC zeigte sich eigentlich nicht konkurrenzfähig, hätte gegen einen Großteil der Zweitligisten eine deutliche Niederlage hinnehmen müssen (wie sie es in den Spielen zuvor auch stets taten). So scheiterte der FC St. Pauli also auch im letzten Hinrundenspiel nicht am Gegner, sondern an sich selbst.
Subjektiver Eindruck: Wenn es zur Halbzeit 0:4 aus KSC-Sicht steht, dann beschwert sich niemand.

Hamburg. Deutschland, 29.10.2022 - Timo Schultz (FC St. Pauli) beim Spiel gegen den SV Darmstadt 98 - Copyright: Peter Boehmer
Defensive Stabilität oder offensive Durchschlagskraft? Beides sah man beim FC St. Pauli selten zeitgleich auf dem Platz. Es gilt die Balance zu finden, was sicher mit der entsprechenden Qualität auf dem Platz viel einfacher wäre.
(c) Peter Boehmer

Fazit?

Fehlende Balance – das ist wohl die bestmögliche Beschreibung, die auf den FC St. Pauli in der Hinrunde 22/23 passt. Entweder war das Team defensiv anfällig oder aber in der Offensive fehlte es an Durchschlagskraft. Selten bis gar nicht zeigte das Team beides oder keines von beidem.

Schaut man auf die einzelnen Spiele, so sind jene, in denen der FC St. Pauli das bessere Team war definitiv in der Überzahl. Auffällig ist: Während zu Saisonbeginn vor allem defensive Unzulänglichkeiten ein Problem waren, war es danach die fehlende Durchschlagskraft. Von Spieltag 5 bis 16 gelangen dem Team traurige drei Stürmertore. Bei der Suche nach den Ursachen dieser sportlichen Misere, muss geklärt werden, woher diese Stabilitäts- und Abschlussprobleme stammen.

Und wisst ihr was? Die Suche nach den Ursachen wird der Inhalt des zweiten Teils der Hinrundenanalyse sein. Der erscheint zeitnah.
// Tim

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3 thoughts on “FC St. Pauli: Hinrunden-Analyse – Teil 1

  1. Auch im Spiel in Braunschweig war eine SR Fehlentscheidung mitentscheidend. Das Foul von Marx gegen Ritzka ist eine klare Rote Karte und genau über diese Seite wird dann das 1:1 eingeleitet. Nimmt man die 5 Punkte aus den Spielen gegen H96 (da war es übrigens nicht der VAR, sondern Zwayer auf dem Feld) und BS (RBG müsste eigentlich auch noch betrachtet werden, die SR Leistung war nicht nur hinsichtlich des Strafstoß einseitig) würde die Situation anders aussehen und die Analyse hätte deutlich weniger Dramatik.

  2. Sehr frustrierend, diese Spiele durch die gute Analyse nochmal durchleben zu müssen.
    Soviel Pech kann man in Sachen Schirientscheidungen und individuelle Fehler doch nicht über einen so langen Zeitraum haben.
    Wahrscheinlich sind wir am Ende Absteiger mit einer ausgeglichenen Tordifferenz.
    Was mich daran besonders stört, ist, dass man bei den PKs das Gefühl hat, als würden wir durch Ungeschick irgendwo im Mittelfeld herumdümpeln. Dabei stecken wir seit Wochen ganz unten drin.
    Auch sind es nicht nur die vier Spieler im Sturm/Abwehr, die die Spiele vergeigen.
    Das ganze Gerüst ist zu anfällig.

  3. Moin Tim,

    das ist ein klasse Format, mit dem man noch mal alles Revue passieren lassen kann. Ich würde noch den zweiten vergebenen Elfmeter von Leart Paqarada in Fürth hinzufügen, nach dem das Team trotzdem zurückgekommen ist. Manche dieser Willensleistungen nötigen mir wirklich Respekt ab – aber es ist irgendwie auch unerklärlich, warum diese so selten für einen Dreier reichten.

    Ein Gedanke, der mir beim Lesen auch kam, ist ein kleines „Aha“ in Bezug auf die Transfers: Wir waren alle enttäuscht, dass es keinen Stürmerneuzugang gab, vor allem, weil alle wussten, dass wir noch einen brauchen und Bornemann an einigen dran war. Wenn man sich aber in den Bornemann vom 6. Spieltag hineinversetzt (danach schloss das Transferfenster), der bei Ransford-Königsdörffer, Daferner und Aurelien Scheidler überboten wurde, kann man sich vorstellen, dass er die (leider im Nachhinein fatale Fehl-)Einschätzung hatte, dass eine Verzweiflungstat eher gefährlich wäre und es auch so gehen könnte. Immerhin hatte sich der Knoten bei Eggestein gelöst, das Team hatte in den Spielen zuvor achtbar getroffen und sich gegen das Schwergewicht Paderborn gerade sehr gut behauptet. Vermutlich war er noch dazu parallel eher auf der Suche nach einer Option für einen Innenverteidiger, falls Medic für viel Geld zu Stuttgart gehen würde, den er offenbar aber ebenso wenig fand.

    Es ist und bleibt in vielerlei Hinsicht eine echt mühsame Hinrunde ausgerechnet in der Saison, in der die Konkurrenz um einen Aufstieg so schwach wie selten zu vor ist… Ich kann nur hoffen, dass Schulle und Borne die Chance erhalten, aus diesem Verlauf zu lernen und die richtigen Schlüsse zu ziehen, damit das Projekt weitergehen kann. Denn es ist nicht alles so schlecht wie die Ergebnisse beim FCSP.

    Forza

    Jan

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