Stimmen und Statistiken zu FCSP vs. SVWW

Stimmen und Statistiken zu FCSP vs. SVWW

Für Irvine ist Murmeltier-Tag, Hauke Wahl wird deutlich und Fabian Hürzeler fokussiert sich auf die Defensive – die Stimmen und Statistiken zum Unentschieden des FC St. Pauli.
(Titelbild: Stefan Groenveld)

Wie man aus Sicht des FC St. Pauli dieses Spiel nicht gewinnen kann, dürfte die wichtigste Frage nach dem 1:1 gegen den SV Wehen Wiesbaden sein. Das Spiel und der Spielverlauf waren jedenfalls irgendwie ein Spiegelbild der Hinrunde. Denn es war nicht das erste Mal, dass man trotz drückender Überlegenheit nicht gewinnen konnte.
Der Spielbericht: in a Nutshell

Trainerstimmen

Kauczinski: „Ausgleich erkämpft, nicht erspielt“

„Die erste Halbzeit geht komplett an St. Pauli. Wir haben es nicht geschafft, für Entlastung zu sorgen, sind viel hinterhergerannt.“ Die ersten Worte von SVWW-Trainer Markus Kauczinski sind deutlich. Nach dem letzten Satz schob er schnell hinterher, dass man versucht habe „die Löcher zu stopfen.“ Doch insgesamt war das „auch mit Ball zu wenig.“

Auch wenn es dann ein frühes Gegentor gab, so betont Kauczinski, dass er in der zweiten Halbzeit „ein besseres Gefühl“ gehabt habe. „Dass wir auch einen guten Torwart haben, ist nicht neu,“ betonte der Coach und schiebt hinterher, dass er mit dem Einsatz und dem Kampf seines Team sehr zufrieden gewesen sei. Sein Fazit: „Den Ausgleich haben wir uns erkämpft, nicht erspielt, das wissen wir. Aber trotzdem bin ich stolz auf die Mannschaft, was sie heute investiert hat.“

Hürzeler: „Unzufriedenes Gefühl werden wir mitnehmen“

„Wir waren von Anfang an sehr gut drin,“ erklärte Fabian Hürzeler und betonte die gute Positionierung, das Auslösen der Dynamik gegen einen tief stehenden Gegner. Der FCSP habe sich „bis zuletzt gute Torchancen herausgespielt“ und es auch „speziell in der ersten Halbzeit in der Restverteidigung sehr, sehr gut gemacht“. Nach der Führung habe das Team auch weitergemacht und nicht die Führung verwaltet, erklärte der 30-jährige. „Aber dann ist es im Fußball so, dass Du manchmal für Kleinigkeiten bestraft wirst.“

Bemerkenswerter Fokus auf das Gegentor

Es ist interessant, dass Fabian Hürzeler in seinem Statement eigentlich gar nicht auf die verpassten eigenen Chancen eingeht, sondern sich das Gegentor herauspickt und erklärt: „Wir müssen uns ankreiden, dass wir es zum wiederholten Mal nicht geschafft haben, zu Null zu spielen. Das ist das, was uns stark macht. Das ist unsere Identität.“
Nach diesen deutlichen Worten erklärte Hürzeler noch, dass man diese Gegentore und allgemein die zugelassenen Chancen analysieren werde, um dann „die richtigen Schlüsse draus zu ziehen“ und versuchen werde, das „im Trainingslager abzustellen.“

Auch sein Fazit ist deutlich in Richtung des Gegentreffers eingefärbt: „Das Ergebnis ist für uns enttäuschend. Zum wiederholten Male haben wir es nicht geschafft, zu Null zu spielen. Dementsprechend ist eine gewisse Unzufriedenheit dabei. Das Gefühl werden wir mitnehmen, um es in der Rückrunde nicht mehr so oft zu haben.“

Deutschland, Hamburg, 17.12.2023, Fussball 2. Bundesliga 17. Spieltag, FC St. Pauli - SV Wehen Wiesbaden im Millerntor-Stadion Fabian Hürzeler, Cheftrainer des FC St. Pauli, gibt Anweisungen im Spiel gegen den SV Wehen Wiesbaden Copyright: Stefan Groenveld DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video.
Fabian Hürzeler bemängelte nach Abpfiff vor allem, dass sich der FCSP ein Gegentor fing.
// (c) Stefan Groenveld

Kernstatistiken

Rekorde, Rekorde, Rekorde – so lässt sich das Spiel aus FCSP-Sicht auch zusammenfassen. Nie in dieser Hinrunde hatte das Team einen höheren Ballbesitz-Anteil. Die fast 700 gespielten Pässe sind ebenfalls Rekord. Mit 381 erfolgreichen Pässen in der gegnerischen Hälfte hatte der FCSP fast doppelt so viele, wie Wiesbaden insgesamt an erfolgreichen Pässen spielte. 52 Positionsangriffe sind ebenfalls Saison-Rekord. Und es ist nicht so, dass der FCSP in dieser Hinrunde nicht bereits beeindruckende Zahlen in diesen Statistiken hingelegt hätte.
Das ist alles Wahnsinn. Vor allem aber, dass dieses Spiel remis endete.

FC St. PauliWiesbaden
25 (5)Torschüsse (auf das Tor)4 (1)
8Fouls9
69,7 %Ballbesitz30,3 %
692 (87,1 %)Pässe (erfolgreich)280 (73,9 %)
71 (80,3 %)…davon ins letzte Drittel (erfolgreich)31 (51,6 %)
30 (40 %)…davon lange Pässe (erfolgreich)41 (58,5 %)
381erfolgreiche Pässe in gegn. Hälfte*74
44Ballkontakte gegn. Strafraum5
25Deep Completions2
40 (52,5 %)Defensivduelle (erfolgreich)76 (57,9 %)
44 (40,9 %)Kopfballduelle (erfolgreich)44 (54,6 %)
7,6PPDA19,4
123,2 kmLaufdistanz**118,3 km
241Sprints**233
*FotMob
**Laufdistanz von Bundesliga.de

Noch wahnsinniger sind die Zahlen, wenn es nahe ans gegnerische Tor ging.
44 Ballkontakte im gegnerischen Strafraum sind ein Saison-Rekord. Unangenehm hoch und ein Ausdruck der Dominanz, ist die Anzahl an „Deep Completions“. Hansa Rostock hat bisher diese Saison 82 davon. In 17 Spielen. Durchschnittlich haben die Zweitligisten 6,6 dieser Zuspiele pro Partie.
Der FC St. Pauli hatte alleine gegen Wiesbaden 25. Fünf-und-zwanzig! Dass der FC St. Pauli aus diesen Zahlen insgesamt nur fünf Schüsse auf das Wiesbadener Tor generierte, das… ja, jetzt weiß ich auch nicht.

Expected Goals

Besonders, wenn Teams viele Chancen haben, wird die Torwahrscheinlichkeit oft überschätzt. Während man also davon fabuliert, dass man „vier, fünf Tore“ hätte erzielen müssen (so wie ich es gestern schrieb), dann erden die Expected Goals ein wenig.
Der durchschnittliche xG-Wert des FC St. Pauli liegt bei „nur“ 2,6 – der des SV Wehen Wiesbaden bei 0,4.

FC St. PauliWiesbaden
(2,5 / 3,5 / 2,2)
–> 2,6
expected goals (xG)
(Wyscout / DFL / FotMob)
(0,4 / 0,5 / 0,2)
–> 0,4
1,9xG – herausgespielt0,2
0,3xG – Standards0,04
1,2xGOT*0,1
Sämtliche xG-Werte (sofern nicht anders markiert) stammen von fotmob
*xGOT: Expected Goals on Target (xGOT) misst die Wahrscheinlichkeit, dass ein gezielter Schuss zu einem Tor führt, basierend auf der Kombination aus der zugrunde liegenden Chancenqualität Expected Goals (xG) und der Endposition des Schusses im Tor. Dabei werden Schüsse, die platzierter sind und in den Ecken landen, besser gewertet als Schüsse, die direkt in die Mitte des Tores gehen.

Hartel macht es zweistellig

Doch die Zahlen sagen auch aus, dass der FCSP durchaus das Zeug für mehr als einen Treffer hatte. Allein Marcel Hartel hatte zehn (!) Torschüsse (xG: 1,1, xGOT: 0,54) und da ist ein Treffer schon zu wenig. Elias Saad (xG: 0,33) schoss fünfmal, keiner dieser Abschlüsse ging auf das Tor. Jackson Irvine hatte vier Abschlüsse (xG: 0,58) und scheiterte zweimal an Keeper Stritzel. Nur einen einzigen Torschuss hatte Johannes Eggestein, was angesichts der überbordenden Offensivpower des FCSP schon verwunderlich ist.

Diese vier Spieler waren es auch, die am häufigsten im gegnerischen Strafraum auftauchten. Saad, Hartel, Eggestein und Irvine hatte zusammen 31 der 44 Ballkontakte im gegnerischen Strafraum und sind für 15 der 25 Deep Completions verantwortlich gewesen.

Spielerstimmen

Anders als sein Trainer brachte ein spürbar enttäuschter Hauke Wahl zum Ausdruck, was sicher viele nach dem Spiel fühlten: „Wir können sechs schießen heute… wir müssen sechs schießen!“ Und er legte den Finger weiter in die Wunde: „Aber wenn Du nur ein Tor vorne liegst, dann gibt es immer die Möglichkeit, dass Du ihnen nur eine Situation gibst, wo sie ins Spiel zurückkommen. Wenn man vorher den Sack nicht zumacht, dann kann immer alles passieren.“

Irvine hat Murmeltiertag

Jackson Irvine kam zu einem ähnlichen Fazit: „Wir hatten von Anfang bis Ende alles unter Kontrolle. Aber in dieser Liga reicht vielen Teams eine einzige Chance,“ der dazu noch erklärte, dass dieses Spiel für ihn aufgrund vergebener Chancen und seinem Fehlpass vor dem Ausgleich ein „frustrierendes Spiel“ gewesen sei. Da es dem FC St. Pauli bereits in den letzten Spielen ähnlich erging, musste Irvine ernüchtert feststellen, dass es Ähnlichkeiten zu Bill Murray gibt: „Wir führen dasselbe Gespräch immer und immer wieder.“

Sein Fazit taugt dann aber auf jeden Fall wieder als Schlusswort und ist ein echter Mutmacher:

„Wir hätten das Jahr gerne anders abgeschlossen. Aber das positive für uns ist, dass wir immer noch ungeschlagen sind. Wir haben gegen jedes Team in der Liga gespielt und niemand hat uns geschlagen. Das sagt eine Menge aus. Es sagt auch eine Menge aus, wie der Gegner feiert, wenn sie gegen uns Unentschieden spielen. Das ist etwas, was wir aus den letzten Monaten mitnehmen müssen. (…)
Und wir sind in der Tabelle dort, wo wir am Ende der Saison sein wollen.“

Jackson Irvine, FC St. Pauli, Fußballgott
Deutschland, Hamburg, 17.12.2023, Fussball 2. Bundesliga 17. Spieltag, FC St. Pauli - SV Wehen Wiesbaden im Millerntor-Stadion Marcel Hartel (FC St. Pauli) erzielt den Treffer zum 1:0 gegen den SV Wehen Wiesbaden Copyright: Stefan Groenveld DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video.
Dieser Schuss von Marcel Hartel saß – die anderen neun(!) von ihm fanden nicht den Weg ins Tor.
// (c) Stefan Groenveld

Defensive bundesligareif – Offensive muss nachziehen

Nein, doch noch kein Schlusswort. Ich habe mir das anders überlegt und nehme mir das lieber selbst heraus.
Natürlich ist es sehr, sehr ärgerlich, dass man sich in dieser so einseitigen Partie noch einen Gegentreffer fing. Aber so deutlich wie nie in dieser Hinrunde kann man festhalten, dass nicht das Gegentor, sondern das Toreschießen das Problem des FC St. Pauli gewesen ist. Nennt es, wie ihr wollt: Fehlende Effizienz, Kaltschnäuzigkeit, Killerinstinkt vor dem gegnerischen Tor – es fehlte etwas in den letzten Spielen. Da wären dann die Gegentore verkraftbar, wie sie es in den Spielen gegen Nürnberg oder Kiel waren.

Natürlich strebt man nach Perfektion und möchte immer zu Null spielen. Aber man darf nicht vergessen, dass der FC St. Pauli verdammt nah dran ist, so nah wie kein anderes Team der Liga. Sieben zugelassene gegnerische Torschüsse pro Spiel sind so ein tiefer Tiefstwert – in den letzten acht Saisons hatte nur ein weiterer Club weniger als neun Torschüsse pro Partie im Schnitt zugelassen. Dieser Wert ist also unfassbar gut. Auch wenn man sich das wünscht, so wird man sehr selten bis nie wirklich alle gegnerischen Torchancen verhindern können. Bemerkenswert ist aber, dass es wieder eine starke Phase des Gegners war, in der das Gegentor fiel. Eigentlich hatte das Team alles unter Kontrolle, ließ dann aber plötzlich Chancen zu. Das kennen wir bereits aus den letzten Spielen.

Trotzdem: Das Level der Defensivarbeit ist unfassbar hoch beim FC St. Pauli. Es ist aufstiegswürdig. Die Ausbeute angesichts der vielen eigenen Torchancen ist es aber bisher nicht. Weiterhin mangelt es dem FCSP nicht an Arbeit. Das Potenzial ist weiterhin riesig. Das zu schreiben, während das Team die Hinrunde ungeschlagen und auf dem zweiten Tabellenplatz abschließt – genauso wahnsinnig, wie die Statistiken zum letzten Spiel des Jahres.

// Tim

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4 thoughts on “Stimmen und Statistiken zu FCSP vs. SVWW

  1. Nur der Ordnung halber sei an dieser Stelle an den Lattenkracher der Gäste kurz vor dem Ausgleich erinnert. Wenn der rein geht, steht es am Ende 1:2 😇😛🤩

    1. Naja, derartige Rechenspiele sind mir immer suspekt 😉
      Wenn der reingeht, steht es erst mal auch nur 1:1 – ob dann danach der zweite Angriff überhaupt so zustande kommt, ist ja fraglich.

      Was anderes wäre es, wenn der Lattenkracher nach dem Ausgleich passiert wäre, dann wäre ein „Wenn der rein geht…“ legitim.

        1. Genau das haben vermutlich 29 Tausend Fans auch gedacht.

          Leider fiel die Konzentration nach dem Lattenknaller völlig ab und Mets begleitet den Torschützen respektvoll zum 2. Abschluss.

          Einen Vorwurf kann man dem Team dennoch nicht wirklich machen (in dieser Phase). Kennen wir das nicht auch? Wenn wir 10 mal die Bananenschale treffsicher in den Mülleimer geworfen haben, dass ausgerechnet nach dem ersten Fehlwurf sofort der zweite folgt?

          Vielleicht hätte sich einer unserer Jungs 5 Minuten behandeln lassen sollen, dann wäre die Konzentration wieder da gewesen 🙂

          Gruß vom Hobby- Psychologen

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