Fragen vor dem Rückrundenstart

Fragen vor dem Rückrundenstart

Mit dem Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern startet der FC St. Pauli diese Woche in die Rückrunde. Einige Fragen und Baustellen begleiten den FCSP in dieses Spiel.
(Titelbild: Peter Boehmer)

Es ist eine ganz ungewohnte Situation: Vor dem Start in eine Halbserie hat der FC St. Pauli sein Testspiel verloren. Das war unter der Leitung von Fabian Hürzeler bisher noch nicht der Fall. Auf den ersten Blick ist eher unwichtig, ob man ein Testspiel nun gewinnt oder nicht. Punkte gibt es eh nicht und es wird halt auch etwas getestet. So sollte auch beim Spiel gegen den VfL Osnabrück etwas getestet werden. Unter anderem die neuen Inhalte im Spiel gegen tiefstehende Gegner. Nun aber ist das Ergebnis des Testspiels doch wichtig. Es zeigt nämlich an, dass es beim FCSP noch einiges zu tun gibt.

In der Hinrunde hatte das Team Probleme bei der Umsetzung oder besser gesagt bei der Nutzung der sich bietenden Möglichkeiten, stand aber zeitgleich defensiv sehr gefestigt. Zwischendurch lief dann alles wie am Schnürchen, ehe es zum Ende der Hinrunde wieder schwieriger wurde für den FCSP. Es zeigte sich, dass ein tiefstehender Gegner den FC St. Pauli vor Aufgaben stellt. Und die Lösungen dafür sind nicht so vielzählig, wie man es auf St. Pauli gerne hätte.

Scheitern an der „Königsdisziplin“?

Es ist enorm schwer gegen tiefstehende Gegner offensiv solche Lösungen zu finden, die nicht zeitgleich dafür sorgen, dass die Konteranfälligkeit in gleichem Maße steigt, wie die eigene Torgefahr. Andreas Bornemann bezeichnete diese Aufgabe Ende August, nachdem man gegen tiefstehende Braunschweiger Unentschieden spielte, als „Königsdisziplin“.
Scheitert der FC St. Pauli also gerade an dieser Königsdisziplin?

Nein, ganz sicher nicht. Scheitern würde ein Team dann, wenn es defensiv mehr zulässt als offensiv produziert wird. Das letzte und bisher einzige(!) Pflichtspiel in dieser Saison, in der ein Gegner des FCSP mehr Torschüsse hatte war jenes in Fürth am 3. Spieltag. Auch im Test gegen Osnabrück hatte das Team deutlich mehr Torabschlüsse. Dass dies nicht zu mehr Toren führte, leitet direkt zum Kern der aktuellen Aufgaben, vor denen das Team gerade steht. Denn gemessen an den vielen Torabschlüssen ist das nicht genug, was man bisher aus den Spielen geholt hat. Weil die Abschlusspositionen tendenziell eher nicht optimal waren und auch die Abschlussqualität nicht (Die Hinrunde des FCSP in Zahlen).

Offensiv zu harmlos, defensiv anfälliger

Auf der anderen Seite hat man in den letzten 15 Pflichtspielen auch nur ein einziges Mal keinen Treffer erzielt. Das ist also alles andere als offensivschwach. Allerdings hat man sich in diesen Spielen auch nur zweimal keinen Gegentreffer gefangen. Man kann schon verstehen, warum Fabian Hürzeler kurz nach Ende der Hinrunde vor allem hervorhob, dass die Null wieder häufiger stehen müsse. Das tat sie auch im Test gegen den VfL Osnabrück nicht. Weil das Team ungewohnte Fehler machte, sowohl im Spielaufbau (zum 0:1), als auch in der Konterabsicherung (zum 0:2).

Sicher ist, dass die jetzige Trainingswoche ungemütlich für die Spieler sein dürfte. Nicht nur, weil sie nun nicht mehr in der spanischen Sonne, sondern im Hamburger Schneeregen-Matsch ranmüssen. Sondern auch, weil es einige Themen gibt, die bearbeitet werden müssen. Weil die Leistung im Test gegen Osnabrück in jedem Fall keine Verbesserung im Vergleich zur Hinrunde war, eher andersrum.

Deutschland, Hamburg, 17.12.2023, Fussball 2. Bundesliga 17. Spieltag, FC St. Pauli - SV Wehen Wiesbaden im Millerntor-Stadion Elias Saad (FC St. Pauli) ärgert sich über eine vergebene Gelegenheit im Spiel gegen den SV Wehen Wiesbaden Copyright: Peter Boehmer DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video.
Elias Saad ärgert sich über eine vertane Chance – ein nicht seltenes Bild der Hinrunde.
(c) Peter Boehmer

Wer kommt nicht voran?

Einen Lichtblick gab es beim Testspiel gegen Osnabrück auf jeden Fall: Aljoscha Kemlein zeigte, dass er tatsächlich die erhoffte Sofortholfe sein kann. Er überzeugte mit guter defensiver Orientierung und meist einfachen, aber oft klugen Pässen, auch nach vorne. Es wäre sehr verwunderlich, wenn er nicht direkt am Samstag sein Startelfdebüt am Millerntor feiert.

Boukhalfa und Sinani hinten dran

Der positive Arbeitsnachweis von Kemlein sorgt dafür, dass die Aussichten auf Spielzeit von Carlo Boukhalfa nur minimal gestiegen sein dürften. Mit Irvine und Metcalfe fehlen zwar zwei Spieler, die ihm auf der Position im zentralen Mittelfeld vorgezogen wurden und mit Kemlein kam nun nur einer neu hinzu. Die Rollen sind aber wohl brutal klar verteilt auf dieser Position. Und wenn die beiden australischen Nationalspieler wieder zurück beim FC St. Pauli sind, dann dürften die Aussichten auf Spielzeit für den 24-jährigen Boukhalfa noch düsterer sein als zuvor. Gleiches gilt übrigens für Andreas Albers, der seit dem neunten Spieltag nicht mehr auf dem Platz und zuletzt sogar nicht mal mehr im Kader stand. Johannes Eggestein und Maurides haben da einfach die Nase vorn. Und wenn Simon Zoller wieder fit ist, dann wird es im offensiven Zentrum noch enger.

Etwas mehr Luft ist auf der Position rechts vorne. Dort fehlen Scott Banks und aktuell Connor Metcalfe. Beide haben einen starken linken Fuß und Fabian Hürzeler machte kein Geheimnis daraus, dass er für diese Position gerne Spieler hat, die eben genau diesen haben. Womit wir bei Danel Sinani wären und der Frage, warum er es in der aktuellen Situation nicht zu schaffen scheint, sich weiter in den Vordergrund zu spielen. Es ist nicht ganz klar, ob er einfach etwas mehr Zeit braucht, um sich an taktische Abläufe zu gewöhnen, ob er ein kleines Tal durchschreitet oder sich alle Seiten diese Zusammenarbeit anders vorgestellt haben. In jedem Fall bietet sich ihm jetzt eine große Chance. Die Chance auf Einsatzzeit ist für Sinani aktuell so groß wie noch nie. Es sei denn die nächste Frage wird mit „Ja“ beantwortet.

Kommt noch jemand?

Dass der FC St. Pauli sich umschaut ist kein Geheimnis. Dass es sich dabei vor allem um die rechte Offensivposition handelt auch nicht. Ebensowenig, dass es sich dabei um Julian Justvan handeln könnte. Aber Justvan soll, so zumindest der Stand letzte Woche, bei der TSG Hoffenheim bleiben. Beim Auftakt von Hoffenheim am Freitag gegen den FC Bayern München fehlte er allerdings im Kader.

Anspruchsvolles Profil

Natürlich jucken die Finger ganz gewaltig beim Gedanken an einen Artikel called „Searching for an inverted Rechtsaußen“, bei dem ich ein wenig Scout spiele. Aber die Suche nach einem Rechtsaußen ist irgendwie komplexer als jene nach einem Mittelstürmer, für den ich das mal gemacht habe (und dann mit Andreas Albers sogar jemand von der Liste verpflichtet wurde). Zumal es darum geht einen Spieler zu holen, der das Team sofort besser machen kann, nicht erstmal aufgebaut werden soll. Einen Blick habe ich natürlich schon in die Kader der Bundesligisten geworfen und geschaut, ob es Spieler gibt, die auf das gesuchte Profil passen würden (wenig Spielzeit in der Bundesliga, Erfahrung in der 2. Liga, Torgefahr, mindestens beidfüßig, wenn nicht sogar Linksfuß). Da bleiben nicht viele übrig. Eigentlich nur Moritz-Broni Kwarteng (VfL Bochum – saß am Wochenende auf der Bank). Der ist aber maximal beidfüßig, agiert eher mit rechts – von der HSV-Vergangenheit mal ganz zu schweigen.

Es ist also alles andere als einfach die Position rechts vorne mal eben im Winter neu zu besetzen. Sicher wird da hinter den Kulissen mit Hochdruck dran gearbeitet und geschaut, ob es gelingen kann diese Position signifikant zu verbessern. Doch bei allem Hochdruck und Gerede über eine Verstärkung sollte man auch im Hinterkopf behalten, dass dadurch höchstwahrscheinlich Dapo Afolayan auf die Bank verdrängt werden wird. Und das bedeutet, dass da echt richtig viel Qualität zum Team dazustoßen müsste. Aber es bedeutet auch, dass, Rechtsfuß hin oder her, der FC St. Pauli auf dieser Position alles andere als schlecht besetzt ist.

Hamburg, Deutschland, 17.09.2023, 2. Bundesliga, Fussball - Oladapo Afolayan feiert seinen Treffer zum 3:0 für den FC St. Pauli im Spiel gegen Holstein Kiel. - Copyright: Peter Boehmer DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video.
Oladapo Afolayan ist aktuell die erste Wahl auf der rechten Offensivseite.
(c) Peter Boehmer

Beeinflusst Hürzeler-Verhandlung die Leistung?

Es ist völlig klar, dass dieses Thema kocht, solange es keine Klarheit gibt. Sollte nicht urplötzlich etwas passieren, dann hat man die Verhandlungen zwischen dem FC St. Pauli und Fabian Hürzeler mit in die Rückrunde genommen. Ist das ein Problem? Werden alle Spieler hibbelig und können sich kaum noch auf Fußball konzentrieren, weil ihr Trainer Vertragsverhandlungen führt? Führt also eine unsichere Vertragslage dazu, dass der FCSP nun den Aufstieg verpassen wird? Und wie sieht es im Liebesleben vom Jungtrainer aus, dem viele den Schritt zu den ganz großen Clubs zutrauen? Schalten sie ein, wenn es wieder heißt „FCSP Live 24 Total Tag und Nacht – presented by MillernTon“

Nein. Einfach nein. Es ist nicht davon auszugehen, dass die laufenden Vertragsverhandlungen die Rückrunde beeinflussen werden. Wie soll man sich das auch vorstellen? „Du gibst mir keine Klausel, also gebe ich nicht mehr alles! Dann sinkt mein eigener Marktwert zwar massiv, aber das ist mir egal, Hauptsache wir steigen nicht auf!“
Stagnation bei Vertragsverhandlungen und die Unsicherheit darüber, wo man in der kommenden Saison spielt, sind ein steter Begleiter von Personen, die in den sportlichen Abteilungen der Profivereine arbeiten. Nur das allein dürfte nicht reichen, um die Leistung negativ zu beeinflussen.

Situation nicht vergleichbar

Ja klar, vor zwei Jahren gab es auch Themen rund um offene Vertragssituationen, bei denen einige Spieler sagten, dass es sie beeinflusst habe in der Leistung. Dass im Aufstiegskampf Prozentpunkte fehlten, ob gewollt oder nicht. Aber die jetzige Situation ist anders. Die meisten der Spieler deren Verträge damals ausliefen, wären gerne beim FCSP geblieben. Dieses Mal ist es eher andersherum und es geht auch nicht um so viele Verträge wie damals. Und, das ist der wichtigste Punkt, zum Problem wurde es Anfang 2022, als interne Dinge in die Öffentlichkeit getragen wurden. Als Timo Schultz öffentlich auf der PK betonte, wie schade es sei, dass Verträge der Co-Trainer noch nicht verlängert wurden. Als immer und immer wieder Interna aus der Kabine an die Presse herangetragen wurden. Als Andreas Bornemann öffentlich von Prämienstreitigkeiten berichtete und den Mannschaftsrat anzählte. Da wurde es zum Problem.

Trotzdem ist Klarheit natürlich besser als Unklarheit. Das betonte auch Andreas Bornemann kurz nach Ende der Hinrunde. Und er betonte auch, dass es genau deshalb wichtig sei, dass diese Vertragsverhandlungen eben nicht zu tief in die Rückrunde getragen werden. Somit ist davon auszugehen, dass es zumindest bald zu einer Entscheidung kommen wird, ob es mit Fabian Hürzeler über den Sommer hinaus weitergehen wird oder eben nicht.

Sand im Getriebe bei der Umsetzung der Spielidee, noch keine Optimalbesetzung rechts vorne, unklare Hürzeler-Vertragslage – diese Themen beschäftigen den FC St. Pauli kurz vor Start der Rückrunde. Wie sehr sie den sportlichen Erfolg der Rückserie beeinflussen, werden wir natürlich erst danach beantworten können. Sicher ist aber, dass man sich trotz dieser Themen sehr auf die Rückrunde freuen kann. Denn der FCSP wird ein Wörtchen in Sachen Aufstieg mitreden (mindestens!), hat zudem im Pokal historische Chancen. Die Lust auf den FC St. Pauli im Jahre 2024 ist enorm groß.

// Tim

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3 thoughts on “Fragen vor dem Rückrundenstart

  1. Bei Sinani ist die Frage, ob es so überhaupt für die Bank reicht. Ich persönlich würde da lieber als belebendes Element Eric da Silva Moreira sehen. Der könnte auch auf beiden Flügeln spielen.

  2. Fabian ist gerade einmal 1 Jahr lang im Profi Bereich, als Trainer bei einem Verein unter Vertrag. Wir haben ihm die Chance ermöglicht sich zu beweisen. Er ist noch so jung und bei uns hat er die Zeit sich persönlich und als Trainer in Ruhe weiterzuentwickeln. Ich glaube nicht das es ihm gut tut wenn er uns jetzt schon verlassen würde. We will See.

  3. Ich folge dir normalerweise in allem, lieber Tim. Aber das die Unsicherheit bezüglich eines Verbleibs von unserem Trainer nicht die Rückrunde bzw. die Leistung der Mannschaft (negativ) beeinflussen wird halte ich für nahezu ausgeschlossen.

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