Stolz, Freude, Erleichterung

Stolz, Freude, Erleichterung

Die Gefühlslage beim FC St. Pauli ist nach dem Erfolg gegen Fürth blendend, der Kurs auf die Bundesliga wird immer klarer. Nun kehren wichtige Spieler zurück.
(Titelbild: Stefan Groenveld)

Nun mal ganz ehrlich: Wer von Euch hat Mitte der zweiten Halbzeit gegen Fürth gedacht „Scheiße, der FC St. Pauli hat die Führung verspielt und jetzt fehlt die Kraft.“? Ohne die Antwort zu kennen, tippe ich darauf, dass es nicht nur mir am frühen Samstagnachmittag so erging. Aber der FCSP kämpfte sich zurück in die Partie gegen die SpVgg Greuther Fürth und feierte am Ende einen verdienten 3:2-Erfolg.

Matchplan geht voll auf

Basis für den Erfolg: Eine fast rauschafte erste Halbzeit, in der Fürth mehr oder weniger überrollt wurde. Die hing nicht nur damit zusammen, dass sich die Spieler zu Beginn frischer als gedacht fühlten (erklärte Eric Smith), sondern, weil man auch taktisch gewappnet war. „Wir waren sehr gut vorbereitet vom Trainerteam auf Fürth. Was sie uns gezeigt haben, ist exakt genau so aufgegangen,“ erklärte Marcel Hartel nach Abpfiff, warum es dem FC St. Pauli in den ersten 35 Minuten im Minutentakt gelang seine offensiven Außenbahnspieler freizuspielen.

Angesprochen auf dieses Lob, setzte Fabian Hürzeler auf Understatement: „Naja, das ist meine Aufgabe als Trainer. Natürlich ist es schön, wenn die Mannschaft die Dinge so gut umsetzt. Aber die Spieler müssen es auf den Platz bringen. Ich will Entscheider haben auf dem Platz. Sie haben heute gute, aber auch weniger gute Entscheidungen getroffen. Aber sie treffen Entscheidungen. Es macht mich stolz, wie sie auch gemeinsam gelitten haben. Im Großen und Ganzen haben sie heute sehr viele sehr gute und richtige Entscheidungen getroffen.“

Wer auch immer nun hauptverantwortlich für die erfolgreiche Spielweise gewesen ist, es war nicht nur schön anzuschauen, sondern auch sehr erfolgreich. Fürth fing sich vor dieser Partie nur vier Gegentreffer aus neun Partien, stellte knapp hinter dem FCSP die beste Defensive der Liga. Nun konnten sie froh sein, dass sie die gleiche Anzahl an Gegentreffern nicht bereits nach 35 Minuten hatten, wenn man den Worten von Eric Smith folgt: „Ich denke das war eine der besten ersten Halbzeiten, die wir in dieser Saison gespielt haben. Wir haben etwas Pech gehabt, dass wir nicht 3:0 oder 4:0 führen.“

Geteiltes Leid…

Doch auf den Rausch folgte fast der Kater: Fürth kam besser in die Partie, konnte noch vor der Pause den Anschluss herstellen. Und so begann für den FC St. Pauli eine Phase „in der wir leiden mussten,“ wie Hauke Wahl (65 Pässe, 100% Erfolgsquote) erklärte. „Aber genau das,“ so der 29-jährige, „zeichnet die Mannschaft aus: Dass wir zusammen leiden und uns wieder zurückkämpfen können.“ Auch Eric Smith sah das ganz ähnlich: „Wie wir zurückgekommen sind, zeigt, was wir für einen Charakter haben.“

Die Zahlen zum Spiel sind jedenfalls eindeutig: Die xG-Werte für den FC St. Pauli liegen bei allen Anbietern über zwei, während jene von Fürth konstant unter 0,5 liegen. Ein wichtiger Faktor hierbei: Der FC St. Pauli gab insgesamt 19 Torschüsse ab, was zwar über dem eigenen Durchschnitt liegt, aber nicht so herausragt, wie eine andere Sache: Von diesen 19 Torschüssen gingen auch satte 13 auf das Fürther Tor. Allein in der ersten Halbzeit gingen acht von elf Versuchen auf das Tor. „Nur“ sechsmal konnte SGF-Torwart Jonas Urbig den Einschlag verhindern. Dieses halbe Dutzend war in anderen Partien oft schon die Gesamtzahl an Schüssen, die auch den Weg auf das Tor fanden beim FCSP. Nun standen nach 90 Minuten aber insgesamt 13 Schüsse auf das Tor zu Buche – nie war der Wert für den FCSP höher in dieser Saison, als in dieser Partie.

Ein wichtiger Baustein dafür waren nicht nur die Lösungen, die man taktisch gegen Fürth fand, sondern auch die Arbeit gegen den Ball, wie die Statistiken zeigen. Ganze 72% seiner Defensivduelle führte der FC St. Pauli im mittleren oder gegnerischen Drittel. Ihnen gelang es also sehr gut den Gegner vom eigenen Tor fernzuhalten. Und wenn diese Duelle erfolgreich sind, dann kann es auch schnell für den Gegner gefährlich werden. Die sechs erfolgreichen Zweikämpfe im Gegner-Drittel sind ein sehr hoher Wert. Genauso wie die elf abgefangenen Pässe in der gegnerischen Hälfte. Also der absolute Wert an sich ist nicht hoch, weil der FCSP eben weniger Pässe abfangen kann, da er ja oft selbst den Ball hat. Aber über 50 Prozent der eigenen Interceptions hatte der FC St. Pauli in der Fürther Hälfte. Eine davon, jene von Kemlein in der 81. Minute, führte dann zum 3:2 durch Elias Saad.

Hamburg, 03.02.2024, 2. Bundesliga, FC St. Pauli - SpVgg Greuther Fürth Elias Saad (FC St. Pauli) bejubelt seinen Treffer zum 3:2 gegen die SpVgg Fürth. Copyright: Stefan Groenveld
What a picture! – Elias Saad jubelt über seinen Treffer zum 3:2 gegen Fürth. Eingefangen von Stefan Groenveld

Saad ist unzufrieden – ich find das gut

Sowieso Elias Saad. Was ist eigentlich los mit dem Typen?! Nachdem er im Anschluss an das Heimspiel gegen den FCK (wo er einen Treffer erzielte und sich etliche weitere Chancen erspielte) in der Mixed Zone erklärte, wie unzufrieden er mit seinem Spiel gewesen sei, folgte nun ein Doppelpack. Zufriedenheit? No way! „Ich fand jetzt nicht, dass ich meinen Gegenspielern große Schwierigkeiten bereitet habe. Ich war halt zweimal zur richtigen Zeit am richtigen Ort und habe zweimal getroffen.“ Das sind bemerkenswerte Worte von jemandem, der kurz zuvor den ersten Zweitliga-Doppelpack seiner Karriere erzielt hat.

Aber Elias Saad hat Recht. Gemessen an seinen bisherigen Leistungen hat er gegen Fürth eher für wenig Wirbel gesorgt, führte verhältnismäßig wenige Duelle und gewann auch deutlich weniger als sonst. Dafür hat er aber halt auch zwei Treffer erzielt und war in den richtigen Momenten da, wo man auch mal sein muss (sechs Ballkontakte im Strafraum, 3/4 Schüsse auf das Tor). Diese stete Unzufriedenheit scheint auf jeden Fall eine Stärke von Elias Saad zu sein oder ihn noch stärker zu machen. Bereits vor Rückrundenstart sagte er im Interview mit der MOPO (€), dass er beweisen möchte, dass „ich diesen Vertrag verdient habe.“ Und seitdem frage ich mich, woher die Auffassung kommt, dass er das nicht schon längst bewiesen hat. Aber dann denke ich: Ja, Eli, richtig so! Immer weiter vor!

Metcalfe und Irvine wieder an Bord

Ob er zufrieden war mit seiner Leistung oder nicht: Elias Saad wurde in den vergangenen Wochen dringender denn je gebraucht. Denn mit Connor Metcalfe fehlte ein Spieler für die rechte Offensivseite, weshalb Dapo Afolayan genau dort gebraucht wurde. Nun sind Metcalfe und auch Jackson Irvine wieder zurück, waren bereits gegen Fürth wieder im Stadion, genauso wie auch Erik Ahlstrand. Alle drei werden von nun an den internen Konkurrenzkampf ziemlich anheizen. Die Vertreter von Metcalfe und Irvine, Dapo Afolayan und Aljoscha Kemlein, haben sich aber kurz vor der Rückkehr der beiden Australier ziemlich gut in Stellung gebracht.

Afolayan macht auf sich aufmerksam

Denn während Elias Saad gegen Fürth ein paar Probleme hatte seine Gegenspieler vor solche zu stellen, gelang genau das Afolayan ziemlich zuverlässig. Sieben von zwölf Offensivduellen konnte der 26-jährige gewinnen, mit insgesamt zwölf erfolgreichen Duellen hatte er die meisten aller Spieler auf dem Platz. Zudem erzielte der stete Unruheherd das 2:0 höchstselbst. Das Tor war ihm aber mehr oder weniger egal: „Das Tor tat gut, aber ich hatte das Gefühl, dass ich auch sonst ein gutes Spiel hatte. Daher bedeutet es mir nicht so viel. Weil es darum geht sich als Team Torchancen zu erspielen. Und das ist uns gut gelungen.“

Es war wohl die beste Leistung von Afolayan seit geraumer Zeit. In der Hinrunde wirkte es ein wenig so, als wenn er mit der Position auf der rechten Offensivseite etwas fremdeln würde. Nun aber sitzt das Zusammenspiel mit Manos Saliakas und obwohl er schon in den ersten beiden Ligaspielen der Rückrunde überzeugen konnte, dürfte er in der Partie gegen Fürth seine beste Saisonleistung gezeigt haben. Hürzeler: „Er hat zum dritten Mal von Anfang an gespielt und zum dritten Mal Akzente gesetzt und sich mit einem Tor belohnt. Ich bin zufrieden mit ihm und es freut mich, weil er uns ein wichtiges Element auf der Seite gibt.“

Hamburg, 03.02.2024, 2. Bundesliga, FC St. Pauli - SpVgg Greuther Fürth Oladapo Afolayan (FC St. Pauli) im Zweikampf mit Maximilian Dietz (SpVgg Greuther Fürth). Copyright: Peter Boehmer
Nach eher mittelmäßigen Leistungen in der Hinrunde hat sich Dapo Afolayan im Jahr 2024 bisher ganz prächtig präsentiert und so einen wichtigen Teil zum Erfolg des FC St. Pauli beigetragen.
(c) Peter Boehmer

Somit muss sich Connor Metcalfe womöglich erstmal ein wenig hinten anstellen. Denn Fabian Hürzeler betonte nach Abpfiff: „Die Mannschaft, die gerade auf dem Platz steht, ist eingespielt. Da dann reinzukommen ist nicht einfach.“ Ob das auch für Jackson Irvine gilt? Aljoscha Kemlein zeigte erneut eine gute Leistung, war mit zwei Torvorlagen sogar entscheidend am Erfolg beteiligt. Hürzeler bestätigte diesen guten Eindruck vom Winterneuzugang und erklärte: „Josh hat allein durch seine läuferische Stärke einen Mehrwert. In einigen Momenten merkt man aber, dass er noch ein junger Spieler ist. In persönlichen Duellen, wenn es darum geht den letzten Schritt zu machen. Daran werden wir mit ihm arbeiten. Aber er hat eine Lernfähigkeit, die besonders ist und eine reife Spielanlage. Ich bin sehr zufrieden mit ihm.“

Auch wenn es für Metcalfe und Irvine beim Asia Cup sicher nicht so erfolgreich gelaufen ist, wie sie sich das vermutlich erhofft haben, so ist man beim FC St. Pauli natürlich auch froh, dass dieses Duo zurück ist und das auch noch ohne körperliche Blessuren. Sicher ist, dass ein breiter Kader im Verlauf dieser Rückrunde noch zwingend notwendig sein wird. Allein schon, weil Saad, Metcalfe und Smith allesamt bereits vier gelbe Karten gesehen haben. Aber auch, weil eine so verletzungsfreie Saison, wie bisher – was auch an stillen Leistungsträgern liegt – alles andere als selbstverständlich ist.

Rekord in Sicht

Es war eine, aus Ligasicht, erfolgreiche Englische Woche. Die Niederlage gegen Fortuna im Pokal, sie schmerzt aber ehrlich gesagt ziemlich, ziemlich doll. Die Chance war da etwas Historisches zu schaffen. Nun bleibt also „nur“ noch die 2. Bundesliga. Aber auch dort ist der FC St. Pauli aktuell auf dem Weg historische Bestmarken zu knacken. Saisonübergreifend hat das Team seit 25 Pflichtspielen nicht mehr in der Liga verloren. Der Rekord in der eingleisigen 2. Bundesliga liegt bei – genau – 25 Spielen, aufgestellt von Fortuna Düsseldorf (2011), dem 1. FC Köln (02/03) und nun eingestellt vom fabulous FC St. Pauli.

Eine weitere Partie ohne Niederlage und der Rekord würde dem FCSP alleine gehören. Aber diese Art der Motivation braucht das Team momentan nicht. Zur Motivation von außen reicht ein einfacher Blick auf die aktuelle Tabelle. Denn mit jedem Punkt, jedem Sieg, kommt der FC St. Pauli seinem Ziel etwas näher.

// Tim

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Sofern nicht anders markiert, stammen sämtliche Statistiken von Wyscout.

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2 thoughts on “Stolz, Freude, Erleichterung

  1. Mir ist der Unterkiefer heruntergeklappt ob der tierisch guten Leistung des Teams, extrem gutes Balsam für die Stimmung nach Dienstag.
    Die mangelnde Torausbeute ist natürlich nervig, wenn man aber mal andere, deutlich höherklassige Teams beim Ballspiel zuguckt (wie Bayern, Liverpool etc.) scheint das fast schon normal zu sein.
    Wenn die Jungs mit so einer Siegermentalität in die Spiele gehen wie am Sonnabend wüsste ich nicht wer uns schlagen soll,
    echt beeindruckend und immer noch ungewohnt als St.Paulianer…
    Geile Saison, lasst uns geniessen!

  2. Ich hatte kürzlich zum 2.ten mal einen Artikel über zunehmende Idioten(Fans ?) in den letzten Jahren geschrieben ,das sollte nicht als Nestbeschmutzung gewertet werden.
    Heute steht in der MOPO ein Artikel über negative Vorfälle in letzter Zeit.Wir Fans sollten das zusammen mit unserem Vorstand
    ändern.

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