Zur richtigen Zeit?

Zur richtigen Zeit?

Die Enttäuschung nach der ersten Saisonniederlage ist groß beim FC St. Pauli. Aber vielleicht hat man sich dafür den perfekten Moment ausgesucht.
(Titelbild: Peter Boehmer)

Der FC St. Pauli scheint sich lieber in Gesellschaft zu befinden, als irgendwo alleine zu stehen. Durch die Niederlage in Magdeburg verpasste man es, sich tabellarisch endgültig oben abzusetzen. In der Rückrunde der Vorsaison stoppte die zehn Spiele andauernde Siegesserie so, dass man da nun zusammen mit dem KSC den Rekord hält. Jetzt verpasste man es auch, alleiniger Rekordhalter für die Serie mit den meisten Spielen ohne Niederlage zu werden. Dies teilt man sich mit Fortuna Düsseldorf und dem 1. FC Köln. Nach 25 Spielen endete die Serie der Unbesiegbarkeit für den FCSP.

Ob diese 0:1-Niederlage in Magdeburg für den FC St. Pauli nun verdient war, darüber kann man sicherlich diskutieren. Fabian Hürzeler jedenfalls sah ein „typisches Unentschieden-Spiel“, auch weil sein Team es nicht verdient habe, „dieses Spiel zu gewinnen.“ Die Niederlage ist dann aber durch einen individuellen Fehler zustande gekommen, der hauptsächlich auf die Kappe von Nikola Vasilj und vielleicht ein wenig auf jene von Karol Mets geht. Einen Vorwurf kann man daraus aber nicht konstruieren, wie auch Hürzeler sagt: „Individuelle Fehler passieren im Fußball.“

Deutschland, Magdeburg, 10.02.2024, Fussball 2. Bundesliga 21. Spieltag, 1. FC Magdeburg - FC St. Pauli in der MDCC-Arena Silas Gnaka (1.FCM) im Zweikampf mit Elias Saad (FC St. Pauli) Copyright: Peter Boehmer DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video.
Elias Saad (rechts) läuft Silas Gnaka hinterher. // (c) Peter Boehmer

Mangelhaft in direkten Duellen

Und so war das viel größere Problem des FC St. Pauli an diesem milden Samstag in Magdeburg, dass er selbst in der Offensive nur selten gefährlich wurde. Marcel Hartel erklärte: „Es war heute kein gutes Spiel von uns, uns hat die Struktur gefehlt.“ Irgendwie schaffte es das Team trotz gutem Beginn nicht, sein sonst oft so starkes Aufbauspiel durchzuziehen. Am Platz soll das nicht gelegen haben. Hartel erklärte zwar, dass dieser im Verlauf des Spiels immer schlechter geworden sein, aber auch: „Das ist keine Ausrede.“

Vielmehr erklärten sowohl Hürzeler, Hartel als auch Hauke Wahl: Es war ein Problem, dass man zu wenig direkte Duelle gewonnen habe. Wahl: „Wir haben die persönlichen Duelle nicht gewinnen können, wie wir es sonst getan haben. Der Trainer hat im Vorfeld explizit betont, wie wichtig das heute werden wird. Dadurch machst du einen Gegner auch stark.“

Wie bereits in der Spielanalyse beschrieben, wird diese Aussage durch Statistiken gestützt. Der FC St. Pauli gewann nur schwache 25 Prozent seiner Offensivduelle – die schlechteste Quote der Saison. Vor allem Elias Saad (nur drei von 20 Offensivduellen gewonnen), Marcel Hartel (null von fünf) und Johannes Eggestein (null von zehn) offenbarten große Probleme, wenn es körperlich wurde, während sich der subjektiv gute Eindruck von Dapo Afolayan auch in den Zahlen wiederfinden lässt (zehn von 15 gewonnen).

Kein Druck von der Bank

Wenn man bei so einer mannorientierten Spielweise, wie die Magdeburger sie zeigten, nicht in den Duellen zumindest durchschnittlich erfolgreich ist, dann empfiehlt man sich auch nicht für drei Punkte. Die Offensivaktionen des FC St. Pauli waren so selten wie lange nicht mehr. Entsprechend ist der Schmerz über diese Niederlage tatsächlich eher überschaubar. Hauke Wahl erklärte, dass die drei Unentschieden am Stück kurz vor Weihnachten viel schmerzhafter gewesen seien, „weil man einfach viel besser war als der Gegner und es nicht geschafft hat zu gewinnen.“ Nun aber sei man eben nicht besser gewesen. Kein Zitat, sondern eine Feststellung: Scheiße ist das natürlich trotzdem.

Was aus Sicht des FC St. Pauli in Magdeburg leider gar nicht geklappt hat, war Druck von der Bank zu erzeugen. Der einzige Spieler, der offensiv nochmal ein wenig was in Bewegung brachte, war Rückkehrer Connor Metcalfe. Er ersetzte Etienne Amenyido im Kader, der aufgrund von leichten muskulären Problemen fehlte. Für die nächsten Spiele ist zu hoffen, dass die Namen Zoller und Ahlstrand häufiger zu hören sind und somit auch nochmal richtig Druck von der Bank erzeugt werden kann, wenn Spiele mal nicht wie gewünscht verlaufen.

Magdeburg, Deutschland, 10.02.2024, 2. Bundesliga, 1. FC Magdeburg - FC St. Pauli Elias Saad verliert im Zweikampf mit Herbert Bockhorn den Ball. Copyright: Peter Boehmer
Zweikampfhärte: Elias Saad im Duell mit Herbert Bockhorn. // (c) Peter Boehmer

Torflaute bei Eggestein

Wenn es um die Offensive und fehlende Tore geht, dann muss man sich natürlich auch mit Johannes Eggestein befassen. Ihr könnt Euch einen Wert aussuchen: Seit neun Spielen, 765 Minuten, 24 Torschüssen oder einem xG-Wert von 3,3 wartet er auf einen eigenen Treffer. Eggestein selbst gab sich nach Abpfiff gelassen, betonte, dass dies teilweise auch mit seiner veränderten Rolle zu tun habe, weil er eher auf der Zehnerposition arbeite.

Die Statistiken zeigen tatsächlich, dass Eggestein seltener in Tornähe an den Ball kommt: Seine Anzahl an Ballkontakten dort pro 90 Minuten liegt in der Rückrunde bei vier. In der Hinrunde lag dieser Wert bei sechs. Klingt nach einem geringen Unterschied, der aber auch massiv durch das Spiel gegen Fürth beeinflusst ist. Rechnet man diese Partie heraus, dann schießt Eggestein pro Spiel weniger als zweimal auf das Tor in dieser Rückrunde. In der Hinrunde waren es pro Partie drei Abschlüsse. Eggestein muss also, positionsbedingt, mit etwas weniger Strafraumpräsenz auskommen, was dann zu etwas weniger Torgefahr führt. Ein Tor würde ihm trotzdem mal wieder ganz gut stehen.

Niederlage zur rechten Zeit

So ist es also passiert, die erste Niederlage seit langer, langer Zeit. Ein individueller Fehler führte zum Gegentor. Eine insgesamt sehr maue Leistung sorgte dafür, dass dieses Gegentor spielentscheidend war. Ist ärgerlich, aber passiert halt. Und das auch nur, weil mehrere negative Komponenten (da haben vermutlich auch der Platz und der Schiedsrichter ein Wörtchen mitgeredet) zusammengekommen sind. Das macht die null Punkte immer noch nicht besser, aber zeigt immerhin, dass schon eine Menge schiefgehen muss, damit der FC St. Pauli sich in dieser Saison nicht für einen Sieg empfiehlt.

Und vielleicht ist das alles auch ganz gut zum jetzigen Zeitpunkt. Angesichts der anderen Ergebnisse, hätte der FC St. Pauli mit einem Erfolg in Magdeburg nun einen Vorsprung von acht Zählern auf den Relegationsrang, sogar zehn auf Platz vier. Man hätte sich vermutlich vor Glückwünschen zum Aufstieg nicht retten können. Und das wäre bei noch 39 möglichen Punkten dann sicher doch schon sehr, sehr früh gewesen. Ein Spannungsabfall zum falschen Zeitpunkt wäre unter diesen Voraussetzungen zumindest denkbar.

Nun hat die Niederlage in Magdeburg aber eher dafür gesorgt, dass alle Sensoren beim FCSP auf Anschlag arbeiten. Dass man nicht bereits etwas entspannter auf die Tabelle schaut und durchrechnet, wie viele Niederlagen man sich bereits erlauben könne, ehe man eingeholt wird. Der Verlust der Serie ist verkraftbar, auch die fehlenden Punkte in der Tabelle sind es, wenn die Antwort auf dieses Spiel in der Partie gegen Braunschweig die richtige ist. Dass sich das Team nun für die Trainingswoche nach Mallorca begibt, dürfte dabei hilfreich sein. Zwar betont der Verein, dass es sich nicht um ein Trainingslager handelt. Trotzdem wird das Team sicher auch abseits des Trainingsplatzes viel Zeit miteinander verbringen. Geschadet hat das bisher nicht, im Gegenteil. Somit könnte die Niederlage, wenn sie denn schon kommen musste, für den FC St. Pauli genau zur richtigen Zeit gekommen sein.
// Tim

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7 thoughts on “Zur richtigen Zeit?

  1. Ich war und werde keine Freund von Vasilj aber in diesem Spiel spielten so viele weit unter ihrem Niveau, dass man da unmöglich einem allein die Schuld in die Schuhe schieben kann.
    Mit Saad, Hartel, Metz usw. war es quasi ein kollektiver Einbruch.So etwas finde ich persönlich immer wieder psychologisch sehr interessant weil das anderen Mannschaften ja auch passiert.
    Woran lag´s? Gab`s Stress im Bus? Egal, Hauptsache nächstes Mal sind alle wieder fokussiert!
    Solche Tage gibt´s leider…
    Braunschweig weghauen und gut!

      1. „Problem“ ist ein wenig zu hoch aufgehängt, ich finde Vasilj ist ein sehr guter aber für mich eben kein unverzichtbarer Torwart.
        Seine Auslegung des spielenden Torwarts ist riskant weil oft zu dicht vor dem eigenen Tor, so dicht, dass die Zuspiele unter (unnötigem) Druck nach vorne häufiger mal misslingen.
        Auch finde ich, dass er u.a. gegen Fürth schon nicht so einen guten Tag hatte.
        Unsere Abwehr lässt ihn besser dastehen als er ist, was das Spiel gegen Magdeburg, in dem mind. die halbe Mannschaft nicht in Normalform war, ja so gesehen auch bestätigt.
        Ich meine Burchert wird gerufmordet und hat immerhin einen Elfer gehalten der uns normalerweise die nächste Runde ermöglicht hätte, und auf der anderen Seite steht Vasilj immer so ein wenig ausserhalb jeder Kritik.
        Aber ich lasse mich hinreißen, das eine hat mit dem anderen nur peripher zu tun.
        Für mich gibt eine Reihe mitspielender Torhüter die mehr Sicherheit ausstrahlen.
        Aber das ist logischerweise alles rein subjektiv und Kritik auf hohem Niveau!

    1. Der technische Anspruch an die Spieler ist bei dieser Form der Spieleröffnung enorm hoch. Das gilt auch für den Torwart. Vielleicht macht Vasilj es nicht perfekt, aber er hat die nötige Ruhe und auch wenn es manchmal wie Harakiri aussieht so ist das Ergebnis doch zu 95% positiv und der Ertrag übersteigt bei weitem den Verlust. „Im Winter musst Du kämpfen“ hat mein alter Trainer immer gesagt und meinte damit, dass die Plätze dann oft schwer bespielbar sind und die Mannschaften, die gegen den Abstieg spielen mit besonders viel Einsatz zu Werke gehen. Auf so einem Platz ist vielleicht gepflegtes Passspiel nicht die erste Wahl. Möglicherweise wäre gegen die körperlich eher kleinen Magdeburger da mal eine Kick and Rush Variante interessant gewesen. Aber was weiss ich schon 🙂

  2. Dass die Niederlage womöglich zur richtigen Zeit kam, war auch mein Gedanke. Ich flüchte mich bei solchen Dingen immer in die Floskel, dass man nie wissen kann, wozu es gut war.
    Zwei Dinge sehe ich vor allem: Das „never change“-Gedöns kann man jetzt endlich vergessen und Jackson wird wohl hoch motiviert auf den Platz zurückkommen. Mit Braunschweig kommt zudem eine „Mannschaft der Stunde“. Auch das wird die Konzentration erhöhen.
    Ich glaube fest daran, dass wir eine heftige Reaktion des Teams sehen werden.

  3. Am Ende der Hinrunde las ich manchen Kommentar hier, dass statt der vielen Unentschieden doch manche Niederlage und dafür mehr Siege vielleicht besser wäre.

    Tja, jetzt hatten wir in der Rückrunde bisher drei Siege und eine Niederlage. 9 Punkte aus 4 Spielen.

    Wenn wir weiterhin 2,25 Punkte pro Spiel holen, wäre das schon gut.

    1. Haha, ich war einer dieser „Banausen“ 🙂 Aber so sieht es nun mal aus. Genau wie Du schreibst sind 2,25 Punkte pro Spiel besser als 1,8 in der Hinrunde. Auf 34 Spiele gerechnet wären das in der gesamten Saison etwa 14 Punkte mehr. Und die können sehr entscheidend sein. Da reden wir von ein paar Plätzen.
      Ganz nebenbei: Schulle ist mit ist mit 36 Punkten Herbstmeister geworden (mit drei Niederlagen und drei Unentschieden); Hürzeler mit 33 Punkten „nur“ Vize-Herbstmeister (ohne eine einzige Niederlage).

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