Vorbericht: Rot-Weiss Essen – FC St. Pauli (DFB-Pokal, 1. Runde, 26/27)

Vorbericht: Rot-Weiss Essen – FC St. Pauli (DFB-Pokal, 1. Runde, 26/27)

Zwar reist der FC St. Pauli als Favorit zum Pokalspiel am Sonntagabend zu Rot-Weiss Essen. Die Aufgabe, es geht gegen einen der Drittliga-Aufstiegsfavoriten, ist aber eine ziemlich große.
(Titelfoto: Stefan Groenveld)

Der Gästeblock an der Hafenstraße ist ausverkauft. Rund 2.500 Fans werden den FC St. Pauli nach Essen begleiten. Dass es bei diesem Spiel auch neben dem Platz durchaus etwas aufregend werden könnte, dürfte allen Auswärtsfahrer*innen bewusst sein. Bitte passt auf Euch auf und bleibt solidarisch.

FC St. Pauli: Wer kann spielen, wer fehlt?

Rony Jansson hat sich unter der Woche im Training verletzt und wird für das Spiel in Essen ausfallen. Cheftrainer Marcel Rapp machte auf der Pressekonferenz keine genauen Angaben zur Verletzung, äußerte aber die Hoffnung, dass man sich nicht auf eine längere Ausfallzeit des Rechtsverteidigers einstellen müsse. Noch sehr lange ausfallen wird hingegen Mathias Pereira Lage, der sich bekanntlich in der Schlussphase der Vorsaison eine schwere Knieverletzung zugezogen hat. Obwohl noch nicht einmal klar ist, wann er wieder einsteigen kann, war er Thema auf der PK. Rapp schwärmte nämlich in höchsten Tönen von ihm, berichtete unter anderem davon, dass man ihn auch als Zuschauer bei Spielen der U23 treffen könne.

Kaars wieder fit, Jansson fällt aus

Ebenfalls nicht in Essen dabei sein wird Gísli Thórdarson, der aufgrund seiner muskulären Verletzung ebenfalls noch einige Zeit fehlen wird. Rapp erklärte zudem, dass sich ansonsten nicht viel getan hat in Sachen Verfügbarkeit von Spielern, was darauf schließen lässt, dass auch Connor Metcalfe noch weiter fehlen wird. Auch Jannik Robatsch dürfte im Kader fehlen. Der Innenverteidiger wechselt leihweise nach Belgien, wie der Verein am frühen Freitagabend vermeldete. Der 21-jährige hatte aber ohnehin die ersten beiden Ligaspiele nicht im Kader des FC St. Pauli gestanden. Martijn Kaars hingegen wird in Essen dabei sein. Der Angreifer hatte unter der Woche aufgrund einer Hüftblessur teilweise reduziert trainieren müssen, aber war beim Training am Freitag wieder voll belastbar.

Rot-Weiss Essen: Wer kann spielen, wer fehlt?

Offensivspieler Lucas Brumme wird in den Spieltagskader zurückkehren, wie Uwe Koschinat auf der Pressekonferenz erklärte. Auch bei Sechser Gianluca Swajkowski sei wieder alles gut, so Koschinat, sodass einer Rückkehr nichts im Weg stehe. Ausfallen wird hingegen Außenverteidiger Michael Kostka aufgrund einer Oberschenkelzerrung und bei Linksaußen Aiman Dardari sei noch nicht abzusehen, ob er am Sonntag einsatzfähig ist.

Was hat RWE zu bieten?

Rot-Weiss Essen ist in dieser Saison einer der Aufstiegsfavoriten in der dritten Liga. Nachdem das Team von Trainer Uwe Koschinat den Aufstieg in der Vorsaison denkbar knapp verpasste (scheiterte in der Relegation an Fürth), musste der Club allerdings vor allem die Abgänge von Torben Müsel (Magdeburg) und Kaito Mizuta (Le Havre) hinnehmen. Doch RWE scheint auch in dieser Saison erneut einen Kader beisammen zu haben, der in der 3. Liga oben mitspielen wird. Zwar ging der Saisonauftakt in Saarbrücken mit 2:5 deutlich in die Hose, doch das zweite Spiel gegen Havelse (1:0) zeigte, dass Essen spielerisch einiges drauf hat. Rapp betonte zudem, dass auch die Partie in Saarbrücken alles andere als schlecht gewesen sei und das Ergebnis nicht unbedingt den Spielverlauf widerspiegele.

Offensiv stark, defensiv anfällig?

Auffällig war in diesen beiden Partien, dass RWE ähnlich mutig wie in der letzten Spielzeit agiert. Der Fokus gilt vor allem der eigenen Offensive. In der Vorsaison war Essen mit 78 Treffern das zweittreffsicherste Team der Liga (was ganz gut zu den xG-Werten passt). Allerdings hatte diese Offensivpower auch Nachteile, denn das Team hat auch viele Chancen zugelassen (vierthöchster gegnerischer xG-Wert). Marcel Rapp betonte allerdings, dass das Team über gute Abläufe im Offensivspiel verfüge und dass man zu Saisonbeginn, trotz fünf Gegentreffern in Saarbrücken, nicht viel von einer anfälligen RWE-Defensive gesehen habe.

Unter Uwe Koschinat spielt Rot-Weiss Essen zumeist in einem 4-2-3-1, welches ich als sehr klassisch bezeichnen würde, mit zwei klarem offensiven Außenbahnspielern, einer Doppelsechs und zwei aktiven Außenverteidigern. Marcel Rapp wollte diese Einschätzung auf der Pressekonferenz aber so nicht stehenlassen, hat die RWE-Spielweise sicher deutlich intensiver begutachtet als ich und betonte, dass es „Interpretationssache“ sei, wie klassisch diese Formation gespielt wird. „Wenn man das Spiel laufen lässt, dann sehe ich schon eingekippte Außenverteidiger, die die Halbspur durchlaufen, dann sehe ich einen Zehner, der auch mal in der letzten Reihe ist, der auch mal abkippt und Überzahl auf der Seite herstellt.“ Es sei also „ein 4-2-3-1, das nicht immer ein 4-2-3-1 ist“, so der FCSP-Cheftrainer. Man werde also auf einen Gegner treffen, der „auch Positionsrochaden drin hat.“ Diese seien nicht komplett wild, aber Spieler können schonmal auf anderen Positionen als der angestammten auftauchen. Das alles seien Dinge, die man analysiert habe, auf die Rapp seine Spieler eingestellt hat und auf die man „hoffentlich die richtigen Lösungen findet“.

Hamburg, Deutschland, 29.04.2023, Fussball 2. Bundesliga - Trainer Uwe Koschinat konnte mit der Leistung von Arminia Bielefeld im Spiel gegen den FC St. Pauli nicht zufrieden sein - Copyright: Stefan Groenveld
Mit Sandhausen, Bielefeld und Osnabrück hat Uwe Koschinat bereits gegen den FC St. Pauli gespielt. Nun wird er als Trainer von Rot-Weiss Essen versuchen, den FCSP aus dem DFB-Pokal zu werfen.
// (c) Stefan Groenveld

Umgang mit Wandspieler und Ballbesitz

Mindestens ein Spieler im Kader nimmt dann aber doch eine ganz klassische Rolle ein, die es in einem 4-2-3-1 gibt: Mittelstürmer Marek Janssen agiert mit seinen 1,95m Körpergröße als klarer Ziel- und Wandspieler. Hier muss der FC St. Pauli körperlich gegenarbeiten. Rapp: „Wir haben mit Marcus Mathisen einen Spieler, der gut köpfen und sich behaupten kann und dem was entgegenzusetzen hat.“ Zudem sei es die Frage, wie viel Zeit man RWE lasse, um Janssen in der Offensive anzuspielen und was dieser mit dem Ball dann im Anschluss machen könne, also ob man ihm Optionen für Ablagen ermögliche oder nicht. Hier bringt Rapp dann auch die Sechser des FC St. Pauli ins Spiel, die sich ebenfalls in die Luftzweikämpfe mit einschalten, die zweite Bälle gewinnen könnten. Auf die Nachfrage, zu welchem der Sechser des FCSP diese Rolle denn am ehesten passe oder ob der Spielertyp „Holding Six“ im Kader vielleicht fehle, entgegnete Rapp: „Alle können das, denn es geht ja nur darum, vor den Stürmer zu kommen.“ Man darf gespannt sein, wie der FC St. Pauli diese „Exit-Strategie“ von Rot-Weiss Essen – die schon sehr stark an das erinnert, was Darmstadt mit Phillip Tietz gespielt hat – klarkommen wird.

Eine Sache, die eher wenig mit Rot-Weiss Essen zu tun hat, aber die ich durchaus spannend finde, ist das, was Marcel Rapp auf die Frage sagte, welche Entwicklungsschritte er von seinem Team in Ballbesitz erwarte. Denn da ließ der FCSP-Cheftrainer etwas tiefer in seine Spielphilosophie blicken. Er erklärte: „Wir brauchen guten Ballbesitz. Wir müssen nicht den Ball haben, um den Ball zu haben. Wir müssen damit gute Situationen kreieren, damit wir Torchancen herausspielen können. Das ist der Sinn von Ballbesitz, alles andere brauchen wir nicht. Wir brauchen jetzt nicht 80 Prozent Ballbesitz, damit wir sagen können: Wir sind die spielüberlegende Mannschaft. Sondern wir müssen aus dem Ballbesitz was Gutes machen.“
Klar, Ballbesitz alleine ist wertlos, wenn er nicht zielführend ist. Was ich interessant finde: Der Ansatz von Rapp, also was er mit dem Ballbesitz anfangen möchte, unterscheidet sich ziemlich krass von jenem, den Fabian Hürzeler beim FCSP verfolgte. Der erklärte nämlich etliche Male: „Wenn wir den Ball haben, dann kann der Gegner kein Tor schießen“. Hürzeler nutzte Ballbesitz auch als Mittel, um defensiv sicher zu stehen. Rapp hingegen fokussiert sich sehr stark darauf, dass der eigene Ballbesitz möglichst auch zu Torgelegenheiten führt. Ein himmelweiter Unterschied.

Mögliche Aufstellung

Es wäre sehr verwunderlich, wenn Rot-Weiss Essen etwas an einer zuletzt erfolgreichen Startelf (1:0 gegen Havelse, xG: 3,8:0,3) ändern würde. Auch die Rückkehr von Lucas Brumme und Gianluca Swajkowski wird daran womöglich nichts ändern, wenngleich Brumme der Offensive durchaus noch andere Elemente geben könnte. Auch das 4-2-3-1, ob klassisch oder nicht, werden wir am Sonntag ziemlich sicher zu sehen bekommen.

Machen wir es kurz: Auch beim FC St. Pauli wird sich aller Voraussicht nach nichts ändern, Marcel Rapp wird zum dritten Mal in Folge die identischen elf Spieler starten lassen. Ja, das bedeutet, dass es auch im Tor keinen Wechsel geben wird. Zwar hat der FC St. Pauli mit Dimitar Mitov einen Torhüter verpflichtet, der es leistungsmäßig vermutlich verdient hätte, auch ein paar Minuten in der Saison zu spielen. Doch zumindest in dieser Pokalpartie wird Ben Voll zwischen den Pfosten stehen. Auch in der Offensive deutet nichts auf eine personelle Veränderung hin. Kaars und Hara haben ja schließlich auch mit ihren Treffern in Kiel ganz gute Eigenwerbung betrieben, Banks und vor allem Jones konnten nach ihren Einwechslungen nicht wirklich überzeugen.

Keine personellen Veränderungen zu erwarten – auf beiden Seiten

Bleibt noch die Doppelsechs und die Frage, was mit Eric Smith ist. Der ist von den spielerischen Qualitäten her eigentlich jemand, der bei einem Zweitligisten nicht auf die Bank gehört. Aber Rapp deutete auch an, als er auf Smith angesprochen wurde, dass es wohl keine personellen Veränderungen geben wird. Wenn wir uns nochmal an seine Aussagen zum Thema Ballbesitz erinnern, dann ergibt das durchaus Sinn. Smith ist jemand, der für längere Aufbauphasen, für viel Ballkontrolle und das längere Suchen nach Lücken perfekt geeignet ist – aber auch für das schnelle und vertikale Ballbesitzspiel, das Rapp sich von seinem Team wünscht? Da scheinen Rasmussen und Fujita, zwei eher progressive Spieler, irgendwie besser zu passen. Allerdings kann sich ein Spieler wie Smith ganz sicher auch in einem gewissen Maß an so einen Spielstil anpassen und würde das dann sicher auch sehr gut machen können. Es ist tatsächlich eine kleine Zwickmühle, in der er sich aktuell befindet und man darf gespannt sein, wie sich diese Situation in den nächsten Tagen entwickelt.

Es wird am Sonntag für den FC St. Pauli in Essen heiß hergehen. Rapp betont: „Vom Namen her gibt es wenig schwerere Lose“ und damit hat er natürlich Recht. Denn der FCSP trifft auf einen hochmotivierten Drittligisten, der sich leistungsmäßig nicht wirklich weit von der zweiten Liga entfernt befindet. Wir dürfen daher kein typisches Erstrunden-Pokalspiel erwarten, in dem ein halb-professioneller Verein einen Club aus der ersten oder zweiten Liga herausfordert und alles andere als ein deutlicher und ungefährdeter Erfolg des klassenhöheren Clubs schon eine Art Blamage für den Favoriten ist. Glaubt Ihr nicht, dass Duelle zwischen Dritt- und Zweitligisten nicht so sind? Dann schaut Euch mal an, wie sich die Zweitligisten am Freitagabend gegen die Drittligisten geschlagen haben. So ist dieses Duell sicher keines auf Augenhöhe, der FCSP ist der Favorit. Aber das ändert nichts daran, dass die Herausforderung ziemlich groß ist.

Forza!
// Tim

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