Wer ist Loïc Favé? – Ein Trainerprofil

Nicht nur im Spielerkader, nein, auch auf der Trainerbank gibt es zur neuen Saison beim FC St. Pauli einen nahezu kompletten Umbruch. Neben dem neuen Cheftrainer Timo Schultz gibt es auch zwei neue Co-Trainer: Fabian Hürzeler haben wir bereits vorgestellt. Der zweite ist Loïc Favé, der vielen Kennern des Hamburger Amateurfußballs auch schon vorher ein Begriff war. Nämlich als überaus erfolgreicher Jugendtrainer und -koordinator beim ETV.
(Titelbild: Peter Boehmer)

Zwar ist Loïc Favé erst 27 Jahre alt, aber hat doch schon einiges an Lorbeeren im Fußball als Trainer sammeln können: Als Jugentrainer des ETV ging es mit seinen Teams quasi nur bergauf, die letzte Station ist nun die U19-Bundesliga, was für einen Hamburger Amateur-Verein nicht viel weniger als ein riesengroßer Erfolg ist. Das hat er ein paar Jahre zuvor auch mit der U17 des Vereins geschafft. Nebenbei ist der Besitzer der A-Lizenz auch einige Jahre als Jugendkoordinator beim ETV und als DFB-Stützpunkttrainer aktiv gewesen, hat ein Buch geschrieben und neue Trainings-Accessoires entwickelt. Alter hin oder her, Loïc Favé scheint ein Trainer-Talent ganz besonderer Güte zu sein.

Um Loïc Favé ein wenig besser kennen zu lernen, habe ich Jasper Hölscher, der die Aufgaben als Fußball-Jugendkoordinator von Favé beim ETV übernimmt, ein paar Fragen stellen dürfen:

Jasper, Loïc Favé ist neuer Co-Trainer beim FC St. Pauli. Hat dich dieser Schritt überrascht?
Ehrlich gesagt nicht. Loïc hat in den letzten fünf Jahren durch seine gute Arbeit als Trainer im Jugendbereich auf sich aufmerksam gemacht. Gleichzeitig hat er als Jugendkoordinator den Nachwuchs der ETV-Fußballer auf ein neues Level gehoben. Das seine Qualität auch für andere Vereine interessant ist, hat sich dieses Jahr nicht zum ersten Mal gezeigt. Natürlich hat Loïc bislang nicht im Herrenbereich gearbeitet, durch die Erfahrungen auf A-Junioren Toplevel und die lange Zeit als Trainer in der Hamburger Auswahl hat er jedoch viele Spieler in den Profi- oder Semiprofibereich begleitet. Durch die enge Zusammenarbeit habe ich zudem mitbekommen, dass sich Loïc in den letzten Jahren viel mit Akteuren aus dem Profibereich auseinandergesetzt und ausgetauscht hat.

Und hältst Du diesen Schritt für richtig?
Auf jeden Fall. Wie bereits erwähnt ist es meiner Meinung nach der logische nächste Schritt in Loïcs Karriere und auch genau der richtige Zeitpunkt. Für den ETV ist es natürlich ein herber Verlust. Obwohl wir uns alle sehr für ihn gefreut haben, muss man auch ehrlich sein, dass wir einen großartigen Trainer, Koordinator und Menschen verlieren. Das Konzept, das Favé innerhalb der letzten Jahre aufgebaut hat, ist jedoch langfristig und nachhaltig ausgerichtet und hängt nicht an einzelnen Personen. Es gibt außerdem viele engagierte Trainer innerhalb der Abteilung, die bereit sind mehr Verantwortung zu übernehmen und Lust haben, den Fußball beim ETV weiter nach vorne zu bringen.

Was meinst Du in welchen Bereichen kann Loïc Favé für den FCSP besonders hilfreich sein?
Ich denke, Loïc wird sich mit seinem Gesamtpaket gut beim FCSP einbringen und alles dafür tun, um den Verein nach vorne zu bringen. Wenn er etwas macht, dann mit 100% Fokus und Leidenschaft, dass wird sich auch in seiner neuen Aufgabe auszahlen und ich denke der Verein wird eine tolle Zeit mit Loïc haben.

Da schaut sich jemand penibel die Aktion von Luis Coordes und Daniel-Kofi Kyereh an. (c) Peter Boehmer

Favé wird vielerorts als großes Trainer-Talent beschrieben. Was macht ihn so besonders?
Wie bereits gesagt, ist es glaube ich die Kombination aus einer sehr hohen fußballspezifischen Kompetenz, den Führungsqualitäten und dem Willen selber und gemeinsam mit dem Team immer besser zu werden. Der hohe Ehrgeiz und das grundsätzliche Engagement zeichnen Loïc aus und durch den häufigen und regelmäßigen Austausch mit vielen Trainern und Funktionären aus dem Top-Bereich, konnte er seine Trainerqualitäten immer weiter ausbauen. Ich glaube es hat ihm auch geholfen, dass er beim ETV schon immer Cheftrainer war und seine Erkenntnisse und Ideen mit seinen Teams auf einem hohen Niveau ausprobieren konnte, ohne sich dabei an feste Vorgaben oder Systeme halten zu müssen.

Was zeichnete den Fußball der von Favé trainierten Teams aus?
Die Variabilität und Anpassungsfähigkeit. Loïc schafft es in seinen Teams Spieler auszubilden, die eine sehr gute Wahrnehmung haben und je nach Gegner und Spielsituation gute Entscheidungen treffen. Loïcs Teams zeichnen sich durch eine hohe Spielfähigkeit aus und können dementsprechend variable Systeme und Ausrichtungen spielen. Grundsätzlich ist außerdem immer eine hohe Intensität, Spielfreude und Aktivität in Favés Teams zu erkennen.

Trainertypen gibt es viele. Es gibt Moderatoren, Animateure, Generäle und Motivatoren für die Ansprache bei den Spielern. In welche Kategorie würdest Du Loïc einordnen?
Loïc ist eher ruhig und sachlich, jedoch rhetorisch sehr stark und gewinnt die Spieler durch viel Qualität und Detail in seiner Ansprache. Ich würde ihn schon als Motivator einordnen, aber nicht als klassischen emotionalen Motivator. Loic motiviert die Spieler eher durch eine sehr hohe Erwartungshaltung und seine Leidenschaft für den Fußball. er kann aber auch lauter und direkt werden, wenn er nicht zufrieden ist.

Gibt es Deiner Meinung nach auch Bereiche in denen Favé sich noch verbessern kann?
Natürlich, die gibt es immer und Loïc vertritt die Haltung, dass man sich stetig in jedem Bereich immer weiter steigern kann. Ich denke jedoch nicht, dass ich bewerten kann, welche Bereiche hier an erster Stelle stehen – dazu kann er sicherlich selber mehr erzählen 😉

Du hast einige Jahre mit Favé zusammengearbeitet. Was hast Du von ihm gelernt?
Da müsste ich jetzt ziemlich viel aufzählen. Ich bin selber seit fast zehn Jahren Trainer und Loïc hat meine Entwicklung entscheidend geprägt. Neben den inhaltlichen Themen, wie Trainingsgestaltung, Coaching und taktischen Prinzipien würde ich sagen, dass Loïc mir in der Menschen- und Teamführung am meisten beigebracht hat. Im Umgang mit verschiedenen Spielertypen, einer Gruppe und den einzelnen Charakteren im Team hat Loïc mir viel Input gegeben und die Führung vor allem immer selber vorgelebt. Was ich darüber hinaus von ihm gelernt habe ist der unbedingte Ehrgeiz immer besser zu werden, jedes kleine Detail bestmöglich zu beeinflussen und dabei gleichzeitig stets demütig und bescheiden zu bleiben. 

Hand auf’s Herz: Wie sehr schmerzt den ETV der Abgang von Loïc Favé?
Wie gesagt, ein lachendes und ein weinendes Auge. Bei mir persönlich und ich glaube auch bei meinen Kollegen überwiegt die Freude für Loïc. Wir alle wissen, wie viel er für unseren Verein gegeben und investiert hat und sind ihm extrem dankbar dafür. Sportlich gesehen tut der Abschied natürlich trotzdem weh.

Und wie geht es nun bei Euch weiter?
Hoffentlich bald wieder mit Fußball 😉
Unsere Identität, Kultur und auch das sportliche Konzept wurde in den letzten Jahren bereits in die Trainerschaft und die Teams integriert und wir bemühen uns darum den eingeschlagenen Weg fortzuführen. Personell werde ich die Position als Jugendkoordinator übernehmen und versuche die Abteilung bestmöglich weiterzuentwickeln. Ich denke schon, dass es seine Zeit brauchen wird, bis sich alles einpendelt und die neuen Strukturen sich festigen. Die Stimmung in der Abteilung ist aber sehr positiv und ich nehme eine Art Aufbruchsstimmung wahr. 

Jasper, vielen Dank für Deine Antworten und viel Erfolg beim ETV!

Natürlich bleibt abzuwarten, wie Loïc Favé die neue Rolle als Co-Trainer (und nicht mehr als Chef-Trainer) ausfüllen wird und in welchen Bereichen er sich einbringen kann. Klar ist jedenfalls, dass der FCSP mit Favé keinen „Hütchenaufsteller“ und „Phrasendrescher“ ins Trainerteam geholt hat. Interessant sicher auch, wie die Umstellung für ihn (wie übrigens auch für Timo Schultz) vom Jugendfußball auf den Herrenbereich funktioniert und ob sich die Konzepte dort auch so wie gewünscht umsetzen lassen. In jedem Fall hat der FCSP mit seinen beiden Co-Trainern zwei große Talente verpflichtet, die vermutlich früher oder später selbst als Chef-Trainer im Profibereich an der Seitenlinie stehen.

Herzlich Willkommen am Millerntor, Loïc Favé!

// Tim

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