Immer wieder: Derbysieger!

Immer wieder: Derbysieger!

Der FC St. Pauli ist einmal mehr Derbysieger und festigt damit seine Position als Stadtmeister. In einem erst packenden, dann zähen und schlussendlich intensiven Fußballspiel sorgt ein spätes, aber verdientes Tor für die erneute Feststellung: Hamburg ist und bleibt Braun-Weiss!
(Titelbild: Christian Charisius-Pool/Getty Images/via OneFootball)

Erst das Wasser, dann der Wein: Gerade weil es so toll war, mit spätem und verdienten Siegtor kurz vor Schluss unter Flutlicht, schwingt bei mir auch ein wenig Wehmut mit. Was wäre da bloß im Stadion los gewesen? Was wäre davor und danach rund ums Stadion los gewesen? Ich vermisse das alles so sehr!

Bereits am Vormittag schmückte sich das Viertel angemessen. Als der Team-Bus dann das Stadion erreichte, wurde er gebührend empfangen (mit hoffentlich ausreichend Abstand) und die Hells Bells zum Anpfiff wurden auch außerhalb des Stadions laut- und leuchtstark unterstützt (und weil es so schön war, hier auch von drinnen). Geisterspiel hin oder her, ich war bereit.

(imago images/via OneFootball)

Die Aufstellung

Die letzte Stunde vor Anpfiff hätte schlechter nicht starten können. Die Vermeldung der Aufstellung, in der Eric Smith fehlte, führte sicher nicht nur bei mir zu Sorgenfalten. Zu gut, zu stabil hatte er die letzten Spiele agiert. Mantra-artig hämmerte ich mir die Worte von Timo Schultz in den Kopf „Ich habe immer ein gutes Gefühl, wenn Rico Benatelli auf dem Platz steht“ – Sein Gefühl sollte ihn nicht täuschen.

Auf der Gegenseite startete der Hamburger SV mit dem erwarteten 4-3-3 und Vagnoman statt Gyamerah auf der Rechtsverteidiger-Position. Im zentralen Mittelfeld war es dann nicht, wie von mir vermutet Aaron Hunt sondern David Kinsombi, der starten durfte.

Die Latte auf der Süd…

…war bereits gegen Darmstadt definitiv Braun-Weiss (und eigentlich auch schon gegen Bochum, als sie einen Doppelpass mit Guido Burgstaller zum 1-0 spielte). Nun waren es erst Kittel in der 2.Minute und dann Jung in der 21.Minute, die daran scheiterten. Keine Frage, die Anfangsphase gehörte eher dem HSV. Der FC St. Pauli hatte ziemliche Probleme in die Zweikämpfe zu kommen.
Die größten Probleme hatte dabei Philipp Ziereis, der nach einer frühen gelben Karte und einem weiteren Foul bereits eindringlich von Deniz Aytekin ermahnt werden musste. Und das bereits in der 20.Minute. So folgte schon Mitte der ersten Halbzeit der notwendige Wechsel. Tore Reginiussen kam für Ziereis, die Kapitänsbinde streifte sich Guido Burgstaller über.

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Aber die beiden Lattentreffer können auch gut als Anfang und Ende der dominanten Phase des HSV genannt werden. Denn ab Mitte der ersten Halbzeit übernahm der FCSP klar das Kommando und erspielte sich eine Vielzahl an guten Abschlussmöglichkeiten. Bei eigentlich jeder war es Omar Marmoush, der mindestens daran beteiligt war oder sogar selbst den Torabschluss suchte. Eine beeindruckende erste Halbzeit von ihm, die leider nicht mit einem Tor gekrönt wurde.

Omar Marmoush zeigte vor allem in der ersten Halbzeit seine ganz große Klasse.
(imago images/via OneFootball)

In der zweiten Hälfte der ersten Halbzeit zeigte sich auch wieder einmal, was den FC St. Pauli in den letzten Wochen so stark macht: Ein konsequentes, gut getimtes Pressingverhalten im Team und im Anschluss an den Ballgewinn ein ebenso konsequentes vertikales Spiel, welches 1-gegen-1 – Situationen forciert. Und die Herren Kyereh, Marmoush und Zalazar waren einmal mehr, vor allem in der ersten Halbzeit, in richtig guter Spiellaune. Es war eine große Freude dem Treiben auf dem Platz zuschauen zu können.

Vom HSV kam nach der anfänglichen Druckphase immer weniger, bis es irgendwann eher in Richtung „Gar nichts“ tendierte. Das lag auch daran, dass der FCSP sein Pressing sehr gut spielte. Das Muster ist inzwischen bekannt: Daniel-Kofi Kyereh nimmt den gegnerischen Sechser in Manndeckung. Die beiden Stürmer stellen die Innenverteidiger zu und schieben nach, wenn der Pass zum Außenverteidiger gespielt wird. Direkt angelaufen werden die Außenverteidger aber nicht von den Stürmern, sondern von den beiden Halbpositionen in der Mittelfeldraute, Becker und Zalazar.

Dieses Pressingverhalten bereitete mir Kopfschmerzen vor Anpfiff. Denn ich machte mir ein wenig Sorgen, was hinter dieser Pressinglinie des FCSP passieren würde, da ich von der Aufstellung her eine Überzahl auf den Außenpositionen für den HSV sah.
Und wie erwartet versuchte der HSV auch dieses Übergewicht auf den Außenbahnen zu schaffen. Hierbei besetzte Kinsombi häufig eine Position ganz außen, während der zweite Achter Dudziak sich eher vorne in die Spitze bewegte (das Beispiel ist für den Aufbau über die rechte Seite gewählt, welche der HSV nahezu durchgehend nutzte. Die linke Seite war ziemlich verwaist – gleiches, nur spiegelverkehrt gilt auch für den FCSP).
Kinsombi wurde dann immer direkt von Leart Paqarada angelaufen und recht eng bewacht. Und der eigentlich hinter Paqarada positionierte Jatta konnte nur selten angespielt werden, auch weil die letzte Kette des FCSP zusammen mit Benatelli sehr konzentriert mit verschob.

Dieses Aufbauspiel des HSV hatte der FCSP relativ gut, nein, sogar ziemlich gut im Griff. Bemerkenswert war, wie unkreativ und ideenlos der HSV in der Folge agierte, als klar wurde, dass das eigene Aufbauspiel wenig bis gar keine Chancen brachte (Gefahr entstand eigentlich nur über Standards). Es gab keine Umstellung, keine Versuche das Spiel anders aufzuziehen. Dabei ist dieses Pressingverhalten des FCSP, ich möchte es gar nicht schlecht reden, eigentlich recht simpel vor arge Probleme zu stellen, indem man auf eine Formation mit zwei Spitzen umstellt (Hannover hat das gut und klar erkennbar gemacht – auch Nürnberg wurde nach der Umstellung stärker). Das tat der HSV nicht. Ich habe nicht verstanden, warum (aber ich bin ja auch nicht der mit der Fußball-Lehrer-Lizenz).

Stattdessen zeigte sich der HSV – einmal mehr möchte ich das Pressing des FCSP nicht schlecht reden, aber ich war wirklich baff – auch überhaupt nicht pressing-resistent. Der FC St. Pauli wurde, wenn er sich in seiner Grundordnung gefunden hatte, im gesamten Spiel eigentlich nie so wirklich geknackt. Das war schon krass und für ein Team, dass den eigenen Anspruch hat aufzusteigen, war es schon eine spielerisch richtig, richtig dürftige Vorstellung (was natürlich auch daran lag, dass der FCSP es richtig gut machte).
Ich könnte hier jetzt noch weitere Spieler hervorheben. Rico Benatelli und James Lawrence zum Beispiel. Sebastian Ohlsson auch. Oder Tore Reginiussen. Aber wen würde ich da rausnehmen? Ich würde sie alle abfeiern. Fühlt euch umarmt.

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Zerfahren – aber im Sinne des FCSP

Torlos ging es in die Halbzeitpause. Und während es in der ersten Halbzeit ein packendes Spiel war, so wurde es mit jeder Minute mehr in der zweiten Halbzeit zerfahrener. Das lag auch daran, dass der FCSP seine Umschaltmomente nicht mehr so gut ausspielte und die Dribblings, die in der ersten Halbzeit häufig gewonnen wurden, nun eben nicht mehr passten.

In 52.Minute wehrte Ulreich eine Hereingabe von Ohlsson unzureichend ab, sodass Zalazar zum Nachschuss kam, kurz danach aber mindestens dilettantisch von Gideon Jung gefällt wurde. Aytekin pfiff und zeigte auf den Elfmeterpunkt. Da Jung bereits gelb-vorbelastet war, hätte dies wohl Elfmeter und Platzverweis bedeutet. Allerdings schaltete sich der VAR ein und Aytekin nahm den Pfiff zurück. Ich persönlich hätte den Elfmeter allein schon aufgrund der Plumpheit von Jung gegeben, aber letztlich scheint die Entscheidung wohl richtig.
(Anm. Maik: Ab Tweet 5 in der verlinkten Tweetkette schränkt ja auch Collinas Erben ein. Entscheidend für die Bewertung ist, ob man das „angeschossen werden“ von Jung als „Ball gespielt“ wertet. Ich bin ganz ehrlich, für mich ist das, losgelöst von jeder Vereinsbrille, ein klarer Elfmeter. Mit beiden Sohlen in Richtung Gegner springen – da rettet es einen normalerweise nicht, wenn man dann noch angeschossen wird. Das Ding im Mittelfeld pfeift jeder energisch zurück und zeigt Gelb mit dicker Ermahnung. Hätte Aytekin hier nicht auf Strafstoß entschieden – dann hätte der VAR sich vielleicht kurz mal geräuspert, aber die Entscheidung wäre wohl so geblieben. Wieso Aytekin sich das hier nochmal meint, anschauen zu müssen, erschließt sich mir nicht, auch nicht mit der Erklärung von Collinas Erben. Lange Rede, kurzer Sinn: Scheißegal, Derbysieger!)

Elfmeter oder nicht? Rodrigo Zalazar wird nach seinem Schussversuch ziemlich deutlich umgenietet.
(Christian Charisius – Pool/Getty Images/via OneFootball)

In der Folge schienen beide Teams dem hohen Tempo der ersten Halbzeit etwas Tribut zollen zu müssen. Der HSV war weiterhin offensiv sehr ungefährlich bzw. wenn überhaupt, entwickelte er durch Standards so etwas wie Torgefahr. Auch der FC St. Pauli nahm leicht das Tempo raus und konnte vor allem ganz vorne nicht mehr den vollen Speed entwickeln, der noch in der ersten Halbzeit für viel Gefahr sorgte.

Kurz vor Schluss, als ich mich schon mit einem Unentschieden zufrieden gab, stellte der FCSP auf ein 3-5-2 um, indem Zander für Becker ins Spiel kam. Zanders erste Aktion war spielentscheidend: Auslöser der Situation war einmal mehr die nimmermüde Pferdelunge von Rodrigo Zalazar, der gerade als das Spiel endgültig zerfahren war und an Tempo verlor, noch einmal richtig aufdrehte (im wahrsten Sinne des Wortes), mit einem Dribbling zwei Spieler des HSV stehen ließ und urplötzlich richtig viel Grün vor sich hatte. Er spielte einen eigentlich etwas zu weiten Ball rechts raus zu Zander, der mit dem ersten Kontakt in den Rückraum legte. Und dieser Rückraum war komplett verwaist (entstanden durch den etwas zu tiefen Ball von Zalazar), nur Kyereh konnte den Ball mit wenigen Schritten erreichen. Und wie! Mit gefühlt 1910 km/h jagte Kofi die Kugel rechts oben ins kurze Eck.
Alter, was für ein Tor!

Die drei Protagonisten des 1-0 unter sich. Leichte Freude ist ihnen anzumerken.
(Christian Charisius – Pool/Getty Images)

Ein Aufbäumen des HSV kam nicht mehr, nur noch eine rote Karte für Tim Leibold, der völlig unnötigerweise Guido Burgstaller trat. Der FC St. Pauli brachte die Führung über die Zeit und darf sich damit einmal mehr Stadtmeister nennen. Und das ist aufgrund des Spielverlaufs absolut verdient.

Damit wurden mehrere Serien fortgeführt:
– Der Arbeitstitel des Spielberichts, den wir bei Stadtmeisterschaften immer vorher formulieren und veröffentlichen hat auch beim vierten Mal dazu geführt, dass der FCSP den Stadtmeister-Titel verteidigen konnte. Zumindest bilden wir uns das ein, dass es dieser Arbeitstitel ist der den Erfolg bringt.
– Das immer wieder runtergebetete Das entscheidende Tor nicht zu früh schießen ist endgültig Teil der FCSP-DNA geworden
Kein Gegentor nach Ecke ebenso (und endlich mal wieder zu Null!)
– Und dann ist da noch Guido Burgstaller, dem ich immer mal wieder vorwerfe, dass er gewisse Dinge nicht kann, was ihn in meiner Fantasie zu eben jenen Leistungen antreibt. Ich warf ihm vor keine schönen Tore erzielen zu können (hat er dann gegen Nürnberg gemacht). Ich warf ihm vor keinen Doppelpack erzielen zu können (gegen Darmstadt gemacht). Und ich warf ihm vor, dass er nicht Stadtmeister werden könne (ist er jetzt). Was noch, Guido?! Einen Dreierpack gegen den KSC schießen? Alle Spiele bis Saisonende gewinnen? 12 Punkte auf den Relegationsplatz aufholen? Was noch, Guido?!

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Vorerst reicht mir: Immer weiter vor und einfach mal glücklich sein!

// Tim

In eigener Sache: „Einfach mal glücklich sein“ trifft es bei mir übrigens gerade ziemlich gut. Noch diese Woche werden wir zu einer dann fünfköpfigen Familie anwachsen (die Zahl 4 überlassen wir damit ganz generös dem HSV). Ich könnte mich nicht mehr darauf freuen, als ich es gerade tue.
Das bedeutet auch, dass ich mir eine kleine Auszeit nehme (passend zur nahenden Länderspielpause, also in weiser Voraussicht geplant…). Genießt die nächsten Wochen als Derbysieger!

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21 thoughts on “Immer wieder: Derbysieger!

  1. Außerhalb des Transferfensters Verstärkungen? Das heißt dann wohl, ihr holt jemanden aus dem Pool der Vereinslosen? Alles Gute für das dann neu aufgestellte U1-Team!

  2. Lieber Tim,
    alles Gute für dich und deine Familie in dieser Woche und auch in allen Wochen danach ….
    Mögest du schnell wieder zurück an der Tastatur sein, wir brauchen unsere wöchentliche Dosis Tim im Millernton.

  3. Übrigens war klar dass wir gestern gewinnen. Seit der Saison 15/16 haben wir am 23. Spieltag immer gesiegt.
    Alles Gute für die neue taktische Formation 2-3!

    1. Das sind genau die Statistiken, die mich glücklich machen!
      Bin auch gespannt, wie wir uns da jetzt im Raum aufstellen werden. Raumverknappung ist gegeben, keine Frage. Und Pressing… ach, egal 😉

  4. Mit 1910 km/h ins Glück…. Kyereh, du geiler Typ!

    Alles gute für dich und deine Familie, lieber Tim 🙂 Gönn dir die Auszeit, hast du dir verdient, du Derbysieger.

  5. Moin Tim,

    alles Gute zur Geburt von Nr. 3! Wir freuen uns mit Dir! In einem der letzten Artikel hast Du danach gefragt, warum wir mit Pacarada auf dem Platz mehr Punkte holen. Gestern hat er aus meiner Sicht eine beeindruckende Antwort geliefert! Darf ich für Deine Zeit nach der Babypause mal einen Artikel über die Qualität von Sportdirektoren anzetteln? Bornemann wurde in letzter Zeit von vielen (aus meiner Sicht weitgehend zu Unrecht) kritisiert. Aber wenn man sich mal anschaut, welche Qualität er aus dem Nichts in der Offensive verpflichtet hat (ja, 2x nur geliehen, aber Kyereh kam von einem Absteiger und Burgstaller musst Du auch erstmal holen!), wie er den Kader auch in der Tiefe stabilisiert hat (1) Ausfall von Smith? Kein Problem, spielt hat Benatelli überragend, 2) Ziereis muss runter? Kein Problem, gewinnt halt Reginiussen seine Zweikämpfe und macht die Mitte dicht.), mal abgesehen davon, dass er sich getraut hat, mit diesem jungen Trainerteam in die Saison zu gehen und Kurs zu halten, als die Krise war, finde ich das alles extrem beeindruckend!

    Forza!

    Jan

  6. Danke für die Analyse Tim und alles Gute für die Geburt!

    Ich kann deine Freude genau mitfühlen, da ich eine Woche später als Du vor demselben Gesamtglück stehe. 🙂

    LG, Pavel

  7. Moin Tim,
    zunächst auch von mir Glückwunsch zu den erfreulichen privaten Nachrichten!
    Ich hätte noch eine Frage aus der Statistik-Ecke, hast Du einen PPDA-Wert für beide Teams und einen Vergleich zur restlichen Saison oder Liga. Gefühlt waren beide Teams super giftig, würde mich interessieren, ob man das hieran sieht.
    Viel Spaß in deiner Auszeit, ich freue mich aber auch schon auf deine Rückkehr!

    1. Ja, sieht man, dein Gefühl ist richtig:
      Der FCSP hat gestern einen PPDA von 7.7 gehabt, im Saisonmittel liegt er bei knapp 11. Der HSV war mit 9.4 auch unterm Liga-Durschnitt (10.8).

  8. Moin Tim
    Statistikfreak…..war mir klar das Burgstaller
    auch Debysieger kann 😉
    Nein im Ernst, Tolle Berichte ! Glückwunsch zur Nr.3
    Gruß Hinne

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