FC St. Pauli – SSV Jahn Regensburg 2:0 – Freude schöner Fußballzauber!

FC St. Pauli – SSV Jahn Regensburg 2:0 – Freude schöner Fußballzauber!

…das ist unser St.Pauli!“ – Im Rausch der Sinne behaupte ich einfach mal, dass diese Zeile selten zutreffender war als beim gestrigen Spiel gegen Jahn Regensburg. Der FC St. Pauli zerlegte den Tabellenführer in seine Einzelteile, ließ ihm nicht den Hauch einer Chance und setzt vor der Länderspielpause ein fettes, ein richtig fettes Ausrufezeichen. (Titelbild: imago images/via OneFootball)

Die Aufstellung

Der FC St. Pauli musste auf der Innenverteidiger-Position wechseln: James Lawrence ersetzte den gesperrten Philipp Ziereis und übernahm nicht nur die Position sondern auch die Kapitänsbinde. Auf der rechten Abwehrseite war es Jannes Wieckhoff, der Adam Dźwigała im Vergleich zur Niederlage in Paderborn ersetzte. Zudem musste der FC St. Pauli kurzfristig im Mittelfeld umstellen: Beim Warm-up hatte sich Eric Smith verletzt (Leiste/Adduktoren), sodass Afeez Aremu maximal kurzfristig in die Startelf rückte.
Der SSV Jahn Regensburg musste im Vergleich zum siegreichen Spiel gegen Schalke auf Stürmer David Otto verzichten, der sich wenige Tage vor dem Spiel schwer am Sprunggelenk verletzt hat und mehrere Wochen ausfallen wird. Er wurde durch Joël Zwarts ersetzt.

Alles anders als zuletzt

Gegen Paderborn gab es bereits nach sechs Minuten einen Platzverweis für den FC St. Pauli. Aber auch davor war der FCSP ungewohnt passiv und ließ sich von dem hohen Pressing der Paderborner beeindrucken. Gegen Regensburg hingegen war direkt nach Anpfiff zu spüren, dass einiges anders laufen würde. Der FC St. Pauli war es, der hoch presste. Sehr mutig schob das gesamte Team vor und zeigte ein enorm gutes Stellungsspiel: Jahn Regensburg positionierte sich bei Ballbesitz mit gleich vier Spielern in vorderster Reihe. Neben den beiden Stürmern Zwarts und Albers, der sich aus der etwas tieferen Zehner-Position im Aufbau meist nach vorne bewegte, waren es auch die offensiven Außen Sarpreet Singh und Jan-Niklas Beste, die sich sehr hoch positionierten.
Das sorgte aber nicht dafür, dass die Außenverteidiger des FC St. Pauli in der letzten Kette gefangen waren. Vielmehr wechselten sie sich situativ mit den Achtern ab, wenn es darum ging, wer auf den gegnerischen Außenverteidiger schob. Und ebenso waren es immer wieder andere Spieler, die die Position der rausrückenden Außenverteidiger übernahmen. Häufig war es einer der beiden Innenverteidiger, der auf die Seite rausschob (dann ließ sich Afeez Aremu in die Innenverteidigung fallen). Ab und an waren es aber auch die Achter, die als Absicherung für die rausrückenden Außenverteidiger agierten. Ich habe mir aber auch einmal „Kyereh sichert links hinten“ notiert und war selbst erstaunt. Das Aufbauspiel der Regensburger lahmte auf ganzer Linie und durch das hervorragende Pressing (und Gegenpressing) stellte es sogar eher eine Gefahr für das eigene Tor dar. Etwa ab der 30.Minute folgte eine Art Kapitulation vor dem starken Defensivverhalten des FC St. Pauli: Jahn Regensburg spielte bis zum Halbzeitpfiff nur noch lange Bälle und verzichtete komplett auf einen geordneten flachen Spielaufbau.

Das Defensivverhalten des FC St. Pauli war also sehr stabil. Jahn Regensburg gelang es während des gesamten Spiels nicht, eine längere Druckphase zu entwickeln, geschweige denn überhaupt ernsthaft gefährlich vor dem gegnerischen Tor aufzutauchen. Das lag auch daran, dass sich der FCSP komplett unbeeindruckt vom hohen Pressing der Regensburger zeigte. Timo Schultz hatte auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gesagt, dass das hohe Pressing von Regensburg auf den Seiten und hinter der letzten Linie Räume bietet. Diese Räume gab es auch, aber bevor diese bespielt werden konnten, eröffnete der FC St. Pauli sein Spiel meist im linken Halbraum.
Jahn Regensburg agierte in einem 4-4-2, allerdings mit einer Doppel-Sechs und nicht, wie der FCSP mit einer Mittelfeldraute. Im hohen Pressing ordnete sich das Team in einer Art 4-2-4 an, wobei aber die Doppelsechs merkwürdig defensiv stand. So defensiv, dass der FC St. Pauli die erste Pressinglinie meist mit einer simplen Bewegung überspielen konnte. Marcel Hartel musste sich aus seiner Halbposition schlicht ein wenig in den defensiven Halbraum lösen. Die beiden Sechser Gimber und Besuschkow gingen selten bis nie in diese Räume mit. Regensburg versuchte stattdessen mit den Außenverteidigern auf die Halbräume zu pressen, was aber nahezu immer zu spät der Fall war. Und auch darauf war der FC St. Pauli vorbereitet: Sobald sich die gegnerischen Außenverteidiger auf den Weg zu z.B. Hartel machten, der sogar immer wieder ohne jeglichen Gegnerdruck aufdrehen konnte, machte sich mindestens ein FCSP-Stürmer auf den Weg nach Außen. Dieser Raum war verwaist durch das Vorrücken der Außenverteidiger (und das ist vermutlich der Raum gewesen, den Timo Schultz meinte, als er sagte, dass Regensburg Raum auf der Seite und hinter der letzten Kette geben würde).

Jahn Regensburg versuchte das gesamte Spiel über diese Räume zu schließen, aber der FC St. Pauli war einfach enorm gut auf das Pressing von Regensburg vorbereitet und nutzte immer wieder klug die Lücken, die sich auftaten, wenn Regensburg verschob. Dadurch konnte der FCSP das Pressing immer wieder überspielen und sich auch danach meist dem Zugriff von Regensburg entziehen.

Je länger das Spiel dauerte, umso besser wurde der FC St. Pauli. Offensiv gab es haufenweise Chancen und gute Situationen. Gefühlt jeder freie Ball landete beim FCSP und die Sicherheit in den Kombinationen war schlicht beeindruckend.
Ich hatte es bereits im Bericht zum Sieg gegen Holstein Kiel geschrieben, dass das Spiel des FC St. Pauli im letzten Drittel vermutlich keinem Muster folgt. Es gibt da keine festen Abläufe, keine Räume, die bewusst freigespielt oder gesucht werden. Es wirkt aber so flüssig, das es fast einstudiert wirkt. Aber die Abläufe sind zu vielfältig um wirklich einstudiert zu sein. Klar, ein paar grundlegende Prinzipien gibt es schon, Besetzung der Box etc., aber wie sich da hin kombiniert wird, scheinen die Spieler selbst zu entscheiden. Und sie scheinen intuitiv die richtige Raumaufteilung zu haben, um zweite Bälle zu gewinnen und um Kombinationen aufzuziehen, die wir bisher wohl selten bis gar nicht am Millerntor gesehen haben. Es macht einfach großen Spaß dieser Truppe beim Fußballspielen zuschauen zu dürfen.

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Ein Muster gab es dann aber doch: An nahezu all diesen Ballzirkulationen war Daniel-Kofi Kyereh beteiligt. Ich möchte behaupten, dass Kyereh sich üblicherweise in seinem Spiel immer wieder kleinere bis größere Auszeiten nimmt. Momente, in denen er ein wenig teilnahmslos wirkt. Gegen Regensburg war aber das Gegenteil der Fall, da war er das gesamte Spiel über der Dreh- und Angelpunkt einer völlig frei drehenden FCSP-Offensive. Wie er sich zwischen den Ketten bewegt und sich damit dem Druck der Gegner immer wieder entzieht, ist beeindruckend. Mit welcher technischen Finesse er in engen Situationen den Ball behauptet oder zum Mitspieler leitet, ist schlicht erstklassig. „Der weiß gar nicht, wie gut er ist“ sagte mir mal ein uns bekannter Zweitliga-Trainer. Ich hoffe sehr, dass das auch viele andere Klubs nicht wissen.

Kyereh – tatsächlich hinten links. // (Lobeca/Roberto Seidel/imago images/via OneFootball)

Schön, aber nicht effektiv?

Zurück zum Spiel:
So schön das Offensivspiel und auch die Defensivarbeit auch waren, über Sieg und Niederlage entscheidet bekanntlich die Anzahl an Toren. Das einzige Manko des FCSP-Spiels war der mangelnde Ertrag in Form von Toren. Es war schon fast paradox: Der FC St. Pauli legt, wie schon in den Heimspielen zuvor gegen den HSV und Kiel, eine famose erste Halbzeit hin, ist vor allem zum Ende der Halbzeiten brutal überlegen und geht in zwei dieser Spiele mit einem Unentschieden in die Kabine.

Aber auch in der zweiten Halbzeit konnte der FC St. Pauli Druck entfachen und war auch weiterhin das spielbestimmende Team. Und das obwohl sich Jahn Regensburg an das Aufbauspiel des FC St. Pauli anzupassen versuchte. Während in der ersten Halbzeit die beiden Sechser von Regensburg doch sehr starr auf ihren Positionen verharrten, folgten sie nun Hartel und Becker (wenn der sich fallen ließ, was er seltener machte als Hartel), wenn diese sich aufmachten in die defensiven Halbräume. Zudem meine ich eine leichte Umstellung erkannt zu haben: Jahn Regensburg stellte sich defensiv nun nicht mehr in einem 4-4-2 sondern vielmehr in einem 4-2-3-1 auf, da sich Andreas Albers in den Zehnerraum fallen ließ.
Die Folge: Die Achter des FCSP waren nicht mehr ganz so einfach anspielbar, aber dafür schoben die Außenverteidiger nun deutlich höher im Aufbau und das Duo Lawrence/Medić hatte sehr viel mehr Freiheiten und Ruhe im Spielaufbau. Die Umstellung änderte auch nicht wirklich etwas daran, dass der FC St. Pauli auf der Außenbahn durchbrechen konnte. Besonders Regensburgs Rechtsverteidiger Konrad Faber konnte auch in der zweiten Halbzeit immer wieder erfolgreich von seiner Position gelockt werden.

Ohnehin war es die linke Seite von der die Impulse ausgingen und das wohl auch sollte. Die rechte Seite mit Jannes Wieckhoff wurde häufig erst ignoriert bis sich alles auf der anderen Seite verdichtete und dann mit einem Diagonalball gesucht. Das Passmuster der beiden Außenverteidiger zeigt das relativ deutlich: Leart Paqarada hat 47 Pässe empfangen. 34 davon waren in der eigenen Hälfte, 13 in der des Gegners. Jannes Wieckhoff hat deutlich weniger Pässe emfpangen, nämlich nur 21. Von diesen 21 hat er aber 11 in der gegnerischen Hälfte und 10 in der eigenen empfangen und grundsätzlich einige Offensivaktionen auf seiner Seite gehabt. Bemerkenswert auch, wie sehr Afeez Aremu seine Rolle auf dem Platz als Rückversicherung für die aufdrehende Offensive verstand. Und bemerkenswert, wie gut er das machte.

Den Jubel verdient: Afeez Aremu // (Lobeca/Roberto Seidel/imago images/via OneFootball)

Durch die Umstellung der Regensburger wirkte das Spiel des FC St. Pauli in der zweiten Halbzeit nicht mehr ganz so griffig, wie noch in den ersten 45 Minuten. Aber trotzdem war das Team weiterhin deutlich überlegen und erspielte sich einige gute Chancen. Wenn man dann aber mal die Braun-Weiße Brille abnimmt, dann muss man ehrlich gestehen, dass das 1-0 in einer Phase fällt, in der der FCSP etwas von der Dominanz vermissen ließ und sich das Spiel eher ausgeglichen gestaltete. Hochverdient war die Führung aber natürlich trotzdem.

Es gab in letzter Zeit einige Spiele des FC St. Pauli, die mich begeistert haben. Aber die waren meist auch deshalb begeisternd, da der FC St. Pauli relativ früh in Führung gegangen ist. Eine Führung verändert ein Spiel immer grundsätzlich und sorgt dafür, dass ein Team mehr riskieren muss und dadurch Räume preisgibt. Das war am Sonntag nicht der Fall. Umso höher ist die Leistung des FC St. Pauli gegen Regensburg einzuschätzen. Denn sie haben es geschafft Jahn Regensburg, immerhin bis dahin ohne Punktverlust in der Saison unterwegs, fast das komplette Spiel über zu dominieren. Der FC St. Pauli hat den Druck von Anfang bis zum Ende hochgehalten und dafür gesorgt, dass Regensburg offensiv nahezu nicht existent war und defensiv gefühlt mehr zugelassen hat, als in den kompletten vier Spielen zuvor. Die hochgepriesene Doppelsechs von Regensburg mit Gimber und Besuschkow trat fast gar nicht in Erscheinung. Weder mit offensiven Abschlüssen, noch mit defensivem Zugriff. Die gefährlichen Läufen von Beste und Singh waren nicht vorhanden, die Kopfballstärke von Albers verpuffte. Und defensiv hatte das innenverteidiger-Duo Breitkreuz und Kennedy die deutlich schlechteste Zweikampfbilanz der Saison.

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Selten waren die Tore für den FC St. Pauli so hochverdient wie am Sonntag gegen Regensburg. Und natürlich fielen sie über die linke Seite, nachdem Faber aus seiner Position gelockt wurde. Da konnte es der FCSP sogar verkraften, dass Simon Makienok einen unglücklichen Tag hatte und das von der Vielzahl an Standards wirklich kein einziger auch nur ansatzweise Gefahr für das gegnerische Tor brachte. Hört Euch gerne mal die Pressekonferenz nach dem Spiel an und besonders Jahn-Trainer Mersad Selimbegović. Der macht seinem Team nicht einmal einen Vorwurf für die Niederlage sondern ist einzig voll des Lobes für den FC St. Pauli.

Einfach mal glücklich sein – Guido, Kofi, Leart & Simon Edition. // (imago images/via OneFootball)

Ich wiederhole mich: Dieses Team macht großen Spaß und Lust auf viel mehr. Nachdem es in der Vorwoche schon Eigentor und Platzverweis brauchte, damit sie knapp von Paderborn geschlagen werden konnten (schaut euch mal an, wie die am Wochenende Dresden niedergemäht haben), scheint der FCSP in einem Spiel ohne besondere Vorkommnisse eines der Top-Teams der Liga zu sein. Völlig zurecht steht die Truppe aktuell auf Platz 3. In dieser Verfassung ist das auch eine absolut realistische Endplatzierung.
So. Jetzt ist es raus. Der FC St. Pauli ist schuld, dass ich die ganze Länderspielpause träume…

//Tim

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(Sofern nicht anderweitig markiert, stammen sämtliche Statistiken von Wyscout)

3 thoughts on “FC St. Pauli – SSV Jahn Regensburg 2:0 – Freude schöner Fußballzauber!

  1. Danke Tim,
    neun Punkte aus drei Heimspielen, ja, vielleicht kann man auch mal auswärts siegen?
    Und ich habe gerade richtig Bock mal wieder ins Stadion…

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