„Two-Face“ St. Pauli

„Two-Face“ St. Pauli

Problemanalysen – diese dürften einen großen Teil der Arbeit der sportlich Verantwortlichen beim FC St. Pauli in dieser Woche ausmachen. Nach dem Unentschieden gegen Paderborn muss der Fokus mal etwas genauer auf die Bereiche gelegt werden, die ursächlich für die eher maue Punkteausbeute der letzten Spiele sind. Ein Bereich davon ist ziemlich eindeutig: Je länger eine Halbzeit dauert, umso schwieriger wird es für das Team.
(Titelbild: Peter Böhmer)

„Der frühe Vogel fängt den Wurm“ – dieses Sprichwort lässt sich ganz sicher auch auf den FC St. Pauli übertragen. Denn die Anzahl an frühen Toren, die das Team in dieser Saison bereits erzielt hat, ist enorm und einer der Gründe, warum das Team so weit oben in der Tabelle steht.

In den Pflichtspielen der bisherigen Saison hat der FC St. Pauli bereits elf Tore in den ersten 15 Minuten erzielt. Die Gegner trafen in dieser Spielphase nur dreimal. Da können die anderen beiden Abschnitte der 1. Halbzeit nicht mithalten. In den Phasen 16.-30. Minute und 31.-45. Minute hat der FC St. Pauli jeweils ein ausgeglichenes Torverhältnis.
Auch kurz nach der Halbzeit ist der FCSP besonders stark: Im Abschnitt zwischen der 46. und 60. Spielminute erzielte das Team diese Saison acht Tore und fing sich nur drei. In den folgenden Abschnitten ist die Bilanz knapp positiv.

Torbilanz des FC St. Pauli, aufgeteilt nach Minuten

Schaut man sich also die gesamte Saison an, ist der FC St. Pauli ein Kick-Starter und hat leichte Probleme, je länger eine Halbzeit dauert. Blickt man nur auf die letzten zehn Pflichtspiele, verändert sich diese Statistik ein wenig: In den letzten zehn Spielen waren es in der gesamten 2. Halbzeit gerade einmal vier Tore, die erzielt wurden. Die gegnerischen Teams trafen in dieser Phase neunmal.

Die weiteren Statistiken zeigen ebenfalls, dass die zweiten Halbzeiten des FC St. Pauli zuletzt enorm nachgelassen haben. Die durchschnittliche Anzahl der Torschüsse sank in der zweiten Halbzeit von knapp sechs auf fünf, während die der Gegner von sechs auf sieben stieg. Die Quote gewonnener Defensivduelle sank ebenfalls nach dem Halbzeitpfiff von starken 62.7% auf bestenfalls mittelmäßige 56.6%. Auch Ballbesitz (von 54% auf 51%) und die so wichtigen Pässe ins letzte Drittel (von 30 auf 25 pro 45 Minuten) sind in der zweiten Halbzeit deutlich niedriger als noch in den ersten 45 Minuten.

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Ist das Zufall oder ein echter Trend? Zumindest bei den frühen Toren, bin ich inzwischen sicher, dass es sich nicht mehr um einen Zufall handelt. Denn vor mehr als zehn Monaten habe ich mich schon einmal mit frühen Toren des FC St. Pauli befasst. Wenn das Team also mal nur drei-vier Spiele lang früh treffen würde und sich kein Gegentor finge, dann wäre das sicher noch kein Trend. Aber da das Team seit mehr als einem Jahr immer zu Spielbeginn so stark ist, kann der Zufall mehr und mehr ausgeschlossen werden.

Ob es sich um einen Zufall mit den zuletzt eher schwächeren zweiten Halbzeiten handelt, da bin ich mir nicht sicher. Aber es gibt zumindest Hinweise darauf, dass das Spiel des FC St. Pauli vor allem in den zweiten 45 Minuten ein wenig hakt. So sagte Timo Schultz auf der Pressekonferenz nach dem Paderborn-Spiel:

In der zweiten Halbzeit hat man mit der 2:1-Führung schon gemerkt, dass die Jungs nicht mehr ganz so ins Risiko gegangen sind, das Freilaufverhalten nicht mehr so deutlich war (…) und dann haben wir unsere Klasse nicht mehr so auf den Platz bekommen, wie wir das eigentlich gewohnt sind.

Timo Schultz auf der PK nach dem Paderborn-Spiel

Das ist sicher eine der möglichen Erklärungen für nachlassende Torgefahr in der zweiten Halbzeit. Wenn der FC St. Pauli führt, wird nicht mehr so sehr das Risiko gesucht, wird lieber abwartend gespielt und eher darauf geachtet, dass die defensive Positionierung passt. Ob diese Spielweise aber wirklich hilfreich ist, scheint gar nicht sicher. Denn dem Team gelang es zuletzt einfach nicht das eigene Tor sauber zu halten, fing sich in den letzten zwölf Spielen immer mindestens ein Gegentor.

Uwe Hünemeier feiert den Ausgleich des SC Paderborn gegen den FC St. Pauli
Zuletzt gab es in der 2. Halbzeit zumeist immer was für die Gegner des FC St. Pauli zu feiern.
(c) Peter Böhmer

So ist es dann auch verständlich, dass sich Timo Schultz nach dem späten Ausgleich durch Paderborn nicht so sehr über das Gegentor ärgerte, sondern eher darüber, dass sein Team es nicht schaffte „den Sack zuzumachen„, also nicht das dritte Tor zu erzielen. Nur dadurch gelingt es den anderen Teams überhaupt wieder in die Spiele zurückzukommen. Das war zuletzt immer der Fall, wenn der FCSP in Führung ging: Paderborn konnte zweimal ausgleichen, der HSV das Spiel gar drehen, Düsseldorf glich aus, Schalke, Sandhausen und Nürnberg (zum 1:2 und 2:3) schafften jeweils den Anschluss. Nur im Spiel gegen Sandhausen hatte der FCSP mit dem Tor zum 3:1 noch das letzte Wort und schaffte es frühzeitig, die Entscheidung herbei zu führen.

Was auch immer vor dem jeweiligen Anpfiff in der Kabine geschieht, es scheint enorm zu helfen, denn die ersten 15 Minuten der jeweiligen Halbzeit sind die stärkste Phase des FC St. Pauli. Vielleicht ist es die Konzentration, die in diesen Abschnitten besonders hoch ist. Vielleicht rückt das Team mehr und mehr von seinem (taktischen) Plan ab, je länger die jeweilige Halbzeit dauert, lässt sich vom Gegner oder anderen Einflüssen aus dem Konzept bringen. Sollte dem so sein, wäre es sicher ein guter Ansatzpunkt für eine Problemanalyse – oder, weil wir ja positiv bleiben, eine Analyse der eigenen Stärken, die in andere Spielabschnitte übertragen werden soll.

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//Tim

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6 thoughts on “„Two-Face“ St. Pauli

  1. Jou – ist schon auffällig! Mich stört angesichts dieser wiederholten Verläufe, dass zu spät gewechselt wird. Gegen Paderborn war es kräftezehrend; insbesondere Smith, Zander und Irvine wirkten reif für die Bank. Da hätte Hilfe vom Trainer kommen können. Gerade Dzwigala wird offenbar chronisch unterschätzt. In der 89. Minute bei 2:2 kann es nur noch um Zeitgewinn gehen, nicht um neue Impulse.

    1. Mich würde in dem Zusammenhang mal interessieren, wie da etwaige Müdigkeitsanzeichen observiert werden. Das kann man ja tatsächlich ganz gut, wenn man ein paar Daten der Spieler observiert und die Spieler mit ihren Leistungslimits kennt. Da bin ich sicher, dass dann noch sehr viel früher gewechselt werden würde.

  2. Ich hatte gegen Paderborn auch das Gefühl, dass es am Ende ein Kraft-Thema war. Die Jungs schienen einfach durch zu sein. Im Spiel gegen Paderborn zeigt der Kicker unfassbare 125,94 km, die der FCSP gelaufen ist. Kein Wunder, dass da einige müde waren. Keine Ahnung, ob es dazu gute Statistiken gibt (Anzahl Sprints pro Spielabschnitt? Gelaufene Kilometer pro Spiel-Abschnitt? – jeweils im Verhältnis zum Gegner), aber die Frage wäre für mich, ob es überhaupt möglich ist, die Intensität der ersten 15 Minuten jeweils eine ganze Halbzeit zu gehen.

    1. Solche Statistiken gibt es, aber ich habe keinen Zugriff darauf. Ich denke auch eher, dass es eine Frage der Konzentration zu Beginn der Spiele ist, die eben im weiteren Verlauf nachlässt. Das hängt natürlich auch mit der Müdigkeit zusammen, aber vielleicht gibt es da ja noch weitere Dinge, die da mit reinspielen.

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