Flop in the air – der FC St. Pauli und das Kopfballspiel

Flop in the air – der FC St. Pauli und das Kopfballspiel

Noch im Herbst war sie das Prunkstück, inzwischen ist sie das Sorgenkind: Es ist egal, ob Philipp Ziereis, James Lawrence oder Jakov Medić hinten verteidigen, die Defensive des FC St. Pauli ist momentan in der Luft wackelig. Lösungen für das Problem müssen dringend gefunden werden.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Offensiv hat der FC St. Pauli beim Spiel gegen Jahn Regensburg viel von der in der Hinrunde so rauschhaften offensiven Power gezeigt. Defensiv hat das Team aber einiges vermissen lassen, was noch in der Hinrunde gut aussah. Der FC St. Pauli fängt sich momentan zu viele Gegentore, hat die defensive Stabilität der Hinrunde verloren.

Es waren aber auch ungeahnte Höhen, in denen sich das Team befand. Ende Oktober stellte der FC St. Pauli nicht nur das punktemäßig beste Team der Liga, sondern war auch in Sachen Zweikämpfen auf einem Aufstiegsplatz: Nur Werder Bremen hatte nach rund einem Drittel der Saison eine bessere Zweikampfquote vorzuweisen.
Diese Zahlen lesen sich nach fast zwei Dritteln der Saison nicht mehr so gut. Der FCSP ist in der Zweikampfstatistik ins Mittelfeld abgerutscht. Das ist aber noch nicht das Problem, denn das Innenverteidiger-Trio Medić, Ziereis und Lawrence ist in den Statistiken zu Boden-Zweikämpfen weiterhin gut dabei: Medić (75%) und Lawrence (74%) sind in den Top10 der zweikampfstärksten Innenverteidiger zu finden. Lediglich Philipp Ziereis ist mit 70% gewonnener Duelle Liga-Durchschnitt. In der Zentrale wird der Großteil der Duelle weiterhin gewonnen.

Duelle in der Luft sind ein Problem

Nachdem ich letzte Woche noch davon schrieb, dass es sich bei den Defensiv-Problemen eher um Dinge wie „Bereitschaft“ handeln würde, hat mir das Spiel gegen Regensburg die Augen geöffnet. Bei Kopfball-Duellen wäre „Liga-Durchschnitt“, wie es bei den Boden-Zweikämpfen der Fall ist, bereits wünschenswert. Ein Blick in die Statistik zeigt: Der FC St. Pauli hat eine krasse Problemzone.

Sebastian Schonlau köpft für den Hamburger SV den Ausgleich gegen den FC St. Pauli.
Ein besonders schmerzhaftes Exemplar: Sebastian Schonlau gleicht per Kopf im Derby aus.
(c) Peter Böhmer

Allgemein führt der FCSP die wenigsten Kopfballduelle aller Teams in der 2. Bundesliga. Das sagt noch nichts über die Qualität in der Luft aus, eher etwas über die Spielweise. Bei der Quote gewonnener Duelle liegt das Team mit etwas mehr als 46% im unteren Liga-Mittelfeld. Auch hier ist ein Rückschritt im Vergleich zur Hinrunde erkennbar. Die vermeintlich leicht unterdurchschnittliche Quote bei Kopfballduellen kommt aber deshalb zustande, da das Team z.B. mit Jackson Irvine über einen auf seiner Position extrem kopfballstarken Spieler verfügt (er gewinnt mehr als zwei Drittel seiner Duelle). Schaut man auf Defensiv-Zentrale zeichnet sich ein ganz anderes Bild…

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Luftduelle in der Zentrale – Unzureichend

Der Blick auf die fünf Spiele im Jahr 2022 offenbart, dass die Probleme beim FC St. Pauli in Kopfballduellen ziemlich groß sind. Denn die Quoten der defensiven Zentrale lesen sich erschütternd: Philipp Ziereis hat 2022 die Hälfte seiner Duelle in der Luft gewonnen. Jakov Medić gewann etwas mehr als ein Drittel. James Lawrence nur eines von sechs. Eric Smith eines von acht.

Ja, die Datenlage ist dünn, aber so wirklich besser wird das auch nicht, wenn man die letzten zehn Spiele betrachtet: Smith ist mit 44% gewonnener Duelle auf Platz 27 von 36 aller Sechser der Liga zu finden, Philipp Ziereis mit 52% auf Platz 42 von 67 Innenverteidigern platziert. Die 40% von Lawrence und 35% von Medić sind schlicht indiskutabel und bedeuten die Plätze 64 und 66 von 67(!) Innenverteidigern.

Irgendwas ist hier passiert. Aus irgendeinem Grund hat die gesamte defensive Zentrale des FC St. Pauli ihr solides bis gutes Kopfballspiel verloren. Gerade die Schwäche von Medić bei Kopfbällen ist verwunderlich. Vor seiner Verletzung im Spiel gegen Darmstadt zählte er zu einem der besten der Liga in Sachen Kopfballspiel, gewann starke 63% seiner Duelle (= Top10). Eric Smith hatte vor seiner Verletzung in den ersten vier Saisonspielen einfach mal alle seine Kopfballduelle gewonnen. Philipp Ziereis führte zwar zu Saisonbeginn nicht viele Duelle, aber hatte zeitweise die beste Quote bei Kopfballduellen in der gesamten Liga. Einzig bei James Lawrence könnte man sagen, dass er noch nie kopfballstark war. Aber sogar bei ihm hat die Quote noch einmal bedenklich nachgelassen.

Eric Smith und Philipp Ziereis vom FC St. Pauli sind enttäuscht nach der Niederlage gegen Holstein Kiel im Dezember 2021.
Wo fing das an? Was ist passiert? Was hat deinen Kopfball bloß so ruiniert?
(c) Peter Böhmer

Was tun gegen Kopfballschwäche?

Gute Frage. Die Kopfballstärke von Medić wiederfinden, das wäre wohl bereits eine Lösung. Aber auch die anderen Spieler haben im Saisonverlauf nachgelassen. Es wäre also zu einfach nur Medić zu nennen. Der Blick hin zu anderen Spielern im Kader macht die Sache auch nicht einfacher: Marcel Beifus hat in der Regionalliga eine ordentliche Quote von 58% bei Kopfbällen, aber das ist wohl nicht in die 2. Liga übertragbar. Adam Dźwigała hat letzte Saison als Innenverteidiger 56% seiner Duelle gewonnen und war damit erheblich stärker als das Duo Lawrence/Ziereis. Diese Saison ist er mit 81% gewonnener Duelle quotenmäßig einer der besten Spieler der Liga. Allerdings kam er hauptsächlich auf der rechten Abwehrseite zum Einsatz. Da ist es ebenfalls fraglich, ob das so einfach in die Innenverteidigung zu übertragen ist. Weniger als eins von vier Duellen in der Luft gewinnt der quotenmäßig schlechteste Kopfballspieler auf der Sechser-Position: Afeez Aremu.

Eine einfache Lösung, zum Beispiel durch personelle Wechsel, gibt es für das Problem bei Kopfbällen also nicht. Dabei ist es zwingend notwendig in diesem Bereich besser zu werden. Das hat spätestens das Spiel gegen Regensburg gezeigt. Erfolgreiche lange Bälle der Gegner waren aber z.B. auch gegen Aue schon ein Problem. Die nun folgenden Spiele werden dahingehend nicht einfacher. Mit Hannover und dem KSC kommen zwei Teams mit sehr kopfballstarken Stürmern ans Millerntor. Wohlwissend, dass das keine Probleme löst, werde ich am Dienstag beim Training an der Kollaustraße mal schauen, in welchem Zustand das Kopfballpendel ist…

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// Tim

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8 thoughts on “Flop in the air – der FC St. Pauli und das Kopfballspiel

  1. Danke Tim für die schonungslose Analyse, die sicherlich nicht nur Dich kopfschüttelnd zurück lässt.
    Ich muss gestehen, dass ich den offensichtlichen Leistungsabfall von Medic als Hauptursache für unsere vielen Gegentore ausgemacht hatte. Deine Analyse-Zahlen zeigen aber nun, dass es leider die gesamte Luft-Verteidigung betrifft; was die Sache nicht besser macht.
    Vielleicht sollte man mal die Zeugwart*in fragen, ob sie den Spielern Blei in die Schuhe stopfen? *grins

    Frag doch bitte bei der nächsten PK mal Schulle, was sie dagegen zu tun planen….also gegen die Kopfballschwäche, nicht gegen die Zeugleute

    Greetz

  2. Gerade in Regensburg haben wir aber auch die Flanken viel zu einfach zugelassen. Wenn kein Druck auf den Flankengeber ausgeübt wird, kommen auch bessere Bälle rein.

    Ich bleibe gerade auch bezüglich der Kopfballduelle bei meinem Vorschlag Irvine auf die 6 zu stellen und Becker auf die 8.

    1. Das mit den zu einfach zugelassenen Flanken ist natürlich auch ein Faktor, keine Frage! Aber Irvine auf die Sechs? Nee, Aremu kommt zurück, und dann läuft das. Und zur causa Becker, also für mich ist er grade auch durch die Tatsache, das wir nun ein Luxusproblem im Mittelfeld haben (Eti und Kofi!) erstmal hintendran.

  3. Ich habe auch so ein Gefühl, die Kopfballstärke der Gegner (oder die Schwäche der IV) könnte auch etwas damit zu tun haben, dass mehr Zeit zum Flanken ist und diese damit auch genauer kommen. Ergo – insgesamt fehlender defensiver Druck auf den Gegner. Wenn ich sehe, wie oft ein Smith im Mittelfeld einfach nur hinterher hechelt und selbst im Laufduell ohne Ball gegen Spieler mit Ball manchmal nicht wirklich mithalten kann …. ich sehe da also auch eher ein grundsätzliches Problem auf der 6, was hoffentlich mit Aremu bald geschlossen ist. Der Gegner muss wieder Angst haben, dass da immer sofort einer ist, sobald man den Ball am Fuß hat. Und es muss auch mal wehtun. Das ist momentan leider oft nicht so. Und Kofi hat doch auch immer viel unauffällige, defensive Laufarbeit verrichtet. Vielleicht konnte diese Lücke während seiner Fehlzeit auch nicht wirklich geschlossen werden.
    Wie auch immer – eine kopfballstarke Kante wäre im nächsten Jahr ein sinnvoller Einkauf. Denn in der ersten Liga wird es ja nicht einfacher …

  4. Im Grunde richtig beobachtet.
    Andererseits haben wir mE gerade „nur“ 3-4 Spieler mit einem Leistungsabfall zur Hinrunde und das sind leider ausnahmslos die kopfballstärksten.
    Wenn Medic,Smith,Ziereis und Lawrence wieder in die Spur kommen,wird es auch in dem Bereich wieder besser.
    Hoffe da dann einfach mal auf das Trainerteam und die Spieler selbst.

  5. Ich denke das reine Kopfballspiel der genannten Spieler ist nicht das Problem, sondern eher die Abstimmung in der Mannschaft. Das beginnt beim Zulassen der Flanke, weil die Außen nicht draufgehen oder die Achter beim doppeln zu spät dran sind bzw. Smith das Zentrum hält und auch nicht hilft. Aber auch die Abstimmung in der Hintermannschaft passt nicht. Zierreis verteidigt den Raum statt den Mann, so dass Medic im Zweifel gegen 2-3 Spieler steht, statt gegen einen richtig.

    Und auch auf der 6er Position sehe ich die „Kopfballschwäche“ nicht nur im Kopfballspiel. Beispiel Regensburg: Vasily haut die Abstöße zum Ende der zweiten Hablzeit nur noch unmotiviert und ungenau nach vorne, Ball fliegt in Richtung Kyereh, Smith sieht das, eilt zur Hilfe, ist aber dadurch zu spät dran und verliert das Duell.

  6. Ich finde (subjektiv!), Medics Leistung hat erheblich abgebaut. Erstaunlicher Weise sind es nicht die verlorenen Kopfballduelle, die mir besonders in Erinnerung sind, sondern die vielen „einfachen“ Fehler, die zu Gegentoren geführt haben.
    Was sein Kopfballspiel angeht, darf man wohl davon ausgehen, dass auch seine Nasenverletzung eine Rolle spielt. Wenn die aus dem Kopf raus ist, dann dürfte er auch wieder besser in die Duelle kommen – hoffentlich!
    Was die Kopfballstärke der IV im Allgemeinen angeht, muss man eigentlich nur einen Blick auf die Größenverhältnisse werfen: Mit Ausnahme Medic‘ sind alle IVs (teils deutlich) unter 1,90m. Gegen die meisten MS haben die Jungs somit einen Größennachteil, den sie durch besseres Timing, bessere Sprungkraft und bessere Antizipation und Stellungspiel ausgleichen müssten. Das kann jedoch nur bedingt gelingen (ist halt nicht jeder ein Östigard).

    Was mich gegen Regensburg jedoch viel mehr geärgert hat, ist das Defensivverhalten des MF. Beginnend mit dem insgesamt eh z.Z. schwach spielenden Smith, der selten dort war, wo er hätte sein sollen bzw. und vor allem seine Mitspieler nicht dirigeren konnte. Insbesondere auf den Halbpositionen fand ich die Defensivleistung erschreckend.
    Jeder wusste vorher, dass Regensburg gerne flankt und dies auch häufig frühzeitig. Dennoch haben Hartel (immerhin ab & an) und Irvine (nie!) versucht, Druck auf den Ballführenden aufzubauen. Da wurde nur brav und passiv 30m vor dem Tor die Stellung gehalten, so dass die Regensburger in Ruhe eine Flanke nach der anderen schlagen durften.
    Neben der schlechten Chancenverwertung in HZ 1 war dies m.M.n. der zweite Beleg dafür, dass wir aktuell kein Spitzenteam sind. Ein solches hätte nämlich darum gefightet, rauszurücken, um wenigstens in der eigenen Hälfte Druck und Zugriff auf den Ballführenden auszuüben und dadurch den Gegner vom eigenen Tor wegzuhalten. So, wie unsere Jungs gespielt haben, spielen normalerweise Abstiegskandiddaten, wenn sie Angst haben, das bis dato erspielte Zählbare doch noch zu verlieren. Zumeist passiert dies dann ja auch.

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