FC St. Pauli – Karlsruher SC – Wir ham Simon, was habt ihr?

FC St. Pauli – Karlsruher SC – Wir ham Simon, was habt ihr?

Es war ein Fest, was der FC St. Pauli in der ersten Halbzeit gegen den Karlsruher SC ablieferte. Alles war wieder da: Die rauschhafte Offensive, das bissige Gegenpressing und die stabile Defensive. Daher ist das 3:1 gegen den KSC hochverdient, auch wenn die zweiten 45 Minuten offensiv nicht mehr mithalten konnten.
(Titelbild: Joern Pollex/Getty Images/via OneFootball)

Den Spielverlauf des gestrigen Heimsieges findet ihr in unserem Spielbericht.

Die Aufstellung

Christopher Buchtmann, Simon Makienok und Nikola Vasilj waren neu in der Startelf im Vergleich zur unglücklichen Pokalniederlage gegen Union Berlin. Für sie mussten Dennis Smarsch, Afeez Aremu und Maximilian Dittgen weichen. Der FC St. Pauli kehrte wieder zu seinem 4-4-2 mit Mittelfeldraute zurück. Dabei agierte Jackson Irvine, wie von einigen vorher vermutet, auf der Sechser-Position.

Der KSC wechselte ebenfalls im Vergleich zum Pokalspiel das Personal: Für Jerome Gondorf und Kyoung-rok Choi kamen Marc Lorenz und Lucas Cueto in die Startelf. Das Team von Christian Eichner ordnete sich in einem 4-3-3 an. Fast schon ungewohnt für die Gegner des FC St. Pauli, dass sie sich nicht in einer Dreierkette angeordnet hatten. Die Zuordnung auf den Außenbahnen, die bei einem System mit einer Dreierkette ziemlich klar ist, war dann auch das größte Problem für den KSC in der ersten Halbzeit.

PRessingverhalten des Karlsruher SC im Spiel beim FC St. Pauli

Schlappes Pressing gegen gutes Aufbauspiel

Das Pressingverhalten des Karlsruher SC aus der ersten Halbzeit ist aus meiner Sicht ein gutes Beispiel, wie man genau nicht gegen den FCSP pressen sollte. Denn zum einen ließ der KSC den Innenverteidigern des FCSP viel Zeit bei Ballbesitz, lief also nicht direkt an (das ist auch der wichtige Unterschied zur zweiten Halbzeit). Mit dieser Zeit konnten Medić und Beifus viel anfangen. Denn es gab ein weiteres zentrales Problem, welches bei zu viel Zeit für die Innenverteidiger noch viel größer wurde: Die beiden offensiven Außenspieler Goller und Lorenz mussten jeweils eine Doppel-Aufgabe verrichten.
Der KSC stellte sich der Viererkette des FCSP in vorderster Reihe immer mit drei Spielern entgegen. Hofmann lief den ballführenden Innenverteidiger immer aus der Mitte des Spielfeldes an, versuchte aber hauptsächlich Irvine in seinem Deckungsschatten zu halten. Es war dann also der äußere offensive Spieler, der Druck auf den ballführenden Innenverteidiger machen musste. Das Problem: Dieser Spieler hätte eigentlich zeitgleich Druck auf den Außenverteidiger ausüben sollen.

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Der FC St. Pauli hatte also verhältnismäßig wenig Probleme, die erste Reihe vom KSC zu überspielen. Gelang das, zum Beispiel durch eine schnelle Verlagerung oder durch einfache Pässe auf die Außenbahn (welche die Innenverteidiger ja mit verhältnismäßig wenig Gegnerdruck spielen konnten), hatten Zander oder Paqarada meist ziemlich viel Platz vor sich. Denn der nächste Gegenspieler waren die beiden Achter vom KSC, die sich aber erst einmal aus der mannorientierten Verteidigung gegen St. Paulis Achter lösen mussten. Die Außenverteidiger des KSC liefen auch nicht aggressiv an, vermutlich deshalb, da sich Kyereh, Makienok und Burgstaller zentral gerne zu einem Knäuel zusammenfanden und daher die Viererkette nicht aufgelöst werden sollte. Gerade lange Bälle auf Makienok waren ein probates Mittel, um gut auf aggressiveres Pressing der Karlsruher zu reagieren.

Im Stile eines Spitzenteams

Die Ausführung über das unpassende Verhalten der Karlsruher soll nicht bedeuten, dass der FC St. Pauli nur aufgrund von Fehlern des gegnerischen Pressings eine so gute erste Halbzeit spielte. Denn man muss die sich bietenden Räume auch erstmal so freispielen und nutzen, wie es der FCSP gemacht hat. Das Ausspielen des freien Außenverteidigers, die Verlagerung auf den ballfernen Außenverteidiger oder aber der lange Ball in die Spitze: All das hatte Hand und Fuß, den Stil eines Spitzenteams.

Exemplarisch für die perfekte Nutzung der Räume steht das 1:0, als relativ simpel Luca Zander angespielt werden konnte, der dann den Freiraum vor sich nutzte. Dieses Tor wurde im letzten Drittel richtig klasse ausgespielt. Das ist dann für das gegnerische Team schlicht nicht zu verteidigen.
Exemplarisch für das schnelle Verlagern auf den ballfernen Außenverteidiger steht das 2:0, als Jackson Irvine toll Paqarada auf der anderen Spielfeldseite in Szene setzte, sodass der FCSP dann kurzzeitig sogar in Überzahl auf die letzte Kette des KSC zulaufen konnte.
Exemplarisch für die „Exit-Strategie“ auf Makienok steht das 3:0, als dieser den langen Ball von Beifus sogar mit der Brust runternahm und allein damit seinen Gegenspieler aussteigen ließ. Mehr Schönheit als die Ballannahme und den folgenden Torabschluss werdet ihr dieses Wochenende vermutlich nicht finden.
Was soll ich sagen?! Es waren seeehr zufriedenstellende erste 45 Minuten.

Deutschland, Hamburg, 05.03.2022, Fussball 2. Bundesliga 25. Spieltag, FC St. Pauli - Karlsruher SC im Millerntor-Stadion Jubel bei Daniel Kofi Kyereh (FC St. Pauli) nach dem Tor zum 1:0 mit Guido Burgstaller (FC St. Pauli)
Daniel-Kofi Kyereh ist einfach in absoluter Topform.
(c) Peter Böhmer

Häufig habe auch ich in den letzten Wochen über die fehlende „Bereitschaft“ geschrieben. Das ist ja ein sehr weicher Faktor und ich tue mich schwer damit, den auch nur ansatzweise bemessen zu können. Es ist dann doch eher ein Gefühl gewesen, dass die Bereitschaft zuletzt fehlte. Gegen den KSC war aber durchaus auffällig, dass viele Bälle im Gegenpressing gewonnen wurden. Das Team war besonders im Mittelfeld ziemlich giftig und gallig und konnte die Bälle direkt wieder zurückerobern. Ein zentrales Element war hierbei auch Christopher Buchtmann. Dessen Startelf-Einsatz erklärte Timo Schultz, damit, dass sich Buchtmann durch „Lautstärke, Griffigkeit und Aggressivität“ auszeichne, er dabei „die Mannschaft mitnimmt“ und sich „mit allen anlegt, auch mit den Mitspielern„. Da habe Schultz vor dem Spiel das Gefühl gehabt, dass sein Team am Ende der Englischen Woche genau diesen Spielertyp gebraucht habe. Die meisten Fouls des Spiels hat Buchtmann auf jeden Fall in seinem Fleißheftchen stehen.

Fehlende Aggressivität war dann auch aus Sicht von KSC-Trainer Christian Eichner das Kernproblem seines Teams (sehe ich etwas anders). Er monierte auf der Pressekonferenz nach dem Spiel, dass sein Team „körperlos gespielt“ und „keine Zweikämpfe geführt“ hätte und ging dabei vor allem mit seiner Viererkette hart ins Gericht („So kannst du gegen das Dreieck (gemeint: Burgstaller, Makienok, Kyereh) nicht verteidigen„).
Auch wenn Eichner die Ereignisse der ersten Halbzeit vor allem auf die Einstellung seines Teams zurückführte, reagierte er doch mit einer Umstellung für die zweiten 45 Minuten. Mit der Einwechslung von Schleusener für Lorenz wurde das Team auf ein flaches 4-4-2 umgestellt. Cueto und Goller besetzten die linke bzw. rechte Mittelfeldseite. Zudem lief das Team nun wesentlich aggressiver an, sodass für den FC St. Pauli nicht mehr viel übrig war von der vielen Zeit aus der ersten Halbzeit.

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Der FC St. Pauli findet den Exit

Timo Schultz sagte im Anschluss an die Partie, dass sein Team diese Situationen, in denen der Druck des KSC größer wurde, zu selten mit der Exit-Strategie auf Simon Makienok gelöst habe. Er hätte sich gewünscht, dass sein Team noch häufiger das Pressing überspielt und somit mehr Leute hinter dem Ball hat. Diese große Stärke, die das Team mit Makienok auf dem Platz hat, würde sein Team noch zu wenig nutzen, da viele zentrale Spieler den Ball einfach zu gerne am Fuß haben wollen.
Das die Worte „selten“ und „Makienok“ in einem Satz fallen, hätte ich nach diesem Spiel eigentlich nicht erwartet. Simon Makienok war sowohl offensiv als auch defensiv enorm wichtig für das Team. Satte 17 Kopfballduelle hat er geführt. 16 (!) hat er gewonnen. Mit neun Klärungen hat er besonders im eigenen Strafraum eine zentrale Rolle bei den vielen Einwürfen und Ecken gespielt. Das war ganz groß vom großen Simon. Doppel-Torschütze im Derby hin oder her: Gestern zeigte Simon Makienok sein bestes Spiel im Trikot des FC St. Pauli.

Nun war aber die zweite Halbzeit nicht wirklich so erquickend, wie es noch die ersten 45 Minuten waren. Dabei war die Defensive, abgesehen vom Gegentor und nur zwei weiteren wirklich gefährlichen Chancen des KSC, eigentlich ziemlich stabil. Zwei Faktoren führten aber dann doch zu einem massiv anderen Eindruck des Spiels: Das hohe Risiko des KSC und die niedrige Effizienz des FCSP.
Mit seinem nun höheren Pressing ging der KSC nämlich durchaus ins Risiko, stand defensiv meist Mann-gegen-Mann. Und dem FC St. Pauli gelang es auch einige Male gefährlich umzuschalten. Nur verpasste es das Team aus diesen Situationen das vierte oder fünfte Tor zu erzielen, den Deckel dann auch einfach mal draufzumachen auf diese Partie.

Stattdessen konnte sich der KSC dank einer Standard-Situation und eines erstklassigen Philipp Hofmann zumindest wieder ein bisschen zurück in das Spiel beißen. Und es war dann doch ein wenig mehr als einfach nur die mangelnde Effizienz, die beim FC St. Pauli für Schwierigkeiten sorgte. Denn es ist schon auffällig, dass das Team nicht zum ersten Mal eine leistungsschwächere zweite Halbzeit zeigt. Timo Schultz sagte dazu, dass sein Team ein wenig den Zugriff verloren hätte, in der vorderen Linie keinen ausreichenden Druck mehr auf den Ball erzeugte und die hintere Kette „zu schnell gefallen“ sei. Hier besteht Verbesserungsbedarf. Und damit schließen wir das Kapitel zweite Halbzeit einfach mal schnell (da werden sich die Verantwortlichen schon ausreichend mit befassen).

HAMBURG, GERMANY - MARCH 05: Guido Burgstaller (C) of St. Pauli and Daniel O'Shaughnessy and Daniel Gordon of Karlsruhe compete for the ball during the Second Bundesliga match between FC St. Pauli and Karlsruher SC at Millerntor Stadium on March 05, 2022 in Hamburg, Germany.
Guido Burgstaller und seinen Mitspielern gelang es in der zweiten Halbzeit nicht, aus den vielen guten Umschaltmomenten etwas Zählbares herauszuholen.
(Joern Pollex/Getty Images/via OneFootball)

Alles wie gehabt + Simon

Trotzdem überwiegt bei mir und hoffentlich auch vielen anderen der Eindruck aus der ersten Hälfte. Der Eindruck davon, dass das Team trotz vieler Verletzungssorgen zu seiner Stärke aus der Hinrunde zurückgefunden zu haben scheint. Und dank eines fitten Simon Makienok (der sogar ein Sonderlob von Schultz bekam, was für den FCSP-Trainer wirklich untypisch ist) nun sogar über eine zusätzliche Strategie verfügt, die jeden Gegner erst einmal vor eine schwere Aufgabe stellt. Dazu dann noch Kofi, der einfach den Unterschied macht in der Offensive, GB9, der immer dann trifft, wenn es der FCSP am nötigsten hat, die „Lunge“ Hartel und Jackson Irvine, der vermutlich auch als Tor- oder Platzwart einen exzellenten Job machen würde.
Durch den Sieg und die zeitgleichen Niederlagen von Schalke und dem HSV, hat sich der FC St. Pauli nun wieder ein Polster von fünf Punkten auf den vierten Platz erarbeitet. Vor dem Start in die Englische Woche stand der FCSP auf jenem vierten Platz. Sieben Tage also zwischen „Wenn wir das nicht gewinnen…“ zurück zu großer Überzeugung. So schnell kann es gehen. Dafür liebe ich den Fußball.

Urplötzlich ist alles wieder da. Nicht nur die Hoffnung, dass es sich um diese eine Saison handelt, in der alles zusammenpassen könnte. Nein, auch der Glaube an den großen Wurf ist wieder da (die Liebe sowieso, is‘ klar). Sicher wurde das Team zwischenzeitlich zurechtgestutzt. Aber nun ist vieles von dem zurück, was uns in der Hinrunde so viel Freude bereitete. So schnell wird aus den vielen Fragen nach der Form der Hinrunde ein „Da ist sie doch! Und jetzt haben wir auch noch Simon!„-Gefühl. Das fühlt sich einfach nur gut an.

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Immer weiter vor!
//Tim

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3 thoughts on “FC St. Pauli – Karlsruher SC – Wir ham Simon, was habt ihr?

  1. Hi Tim,

    Vielen Dank für einen (zwei) Superberichte. Es bringt natürlich mehr Spass die nach einem doch sehr überzeugenden Spiel zu lesen. Ich wollte Dich als Taktikexperten schon länger mal was fragen und dieses Spiel hat mich wieder daran erinnert. Es ist ja oft so (und besonders bei St.Pauli im Moment), dass zwei Halbzeiten in einem Spiel sehr unterschiedlich sein können. Normalerweise reagiert der Trainer des Teams der die schlechtere erste Halbzeit gespielt hat (mit Taktik und/oder Personalanpassungen) und der andere Trainer ändert erstmal nichts, reagiert vielleicht nochmal später in der 2.Halbzeit. Hast Du schonmal gesehen, dass ein Trainer, nach (sehr) guter erster Halbzeit die Taktik geändert hat um dem anderen Trainer wieder einen Schritt voraus zu sein bzw dessen Taktikänderung ins Leere laufen zu lassen? Und denkst Du das wäre sinnvoll oder zu riskant eine funktionierende Taktik zu verändern (ist ja auch nicht klar, ob die Taktikänderung des anderen Trainers funktionert)?
    Würde mich sehr interessieren Deine Meinung zu hören.

  2. Ich frage mich was mit Becker los ist. Letztes Jahr unumstrittener Stammspieler, nächstes Jahr Bundesliga und momentan darf er nichtmal spielen wenn eine 8er Position frei wird (durch Irvine auf der 6).
    Und so wie das gestern lief ist Irvine 6 Buchtmann 8 scheinbar ne Variante die wir in den nächsten Wochen noch öfter sehen dürften.

  3. Freut mich tierisch für den Langen, erstens offensichtlich ein Klasse-Typ und zweitens lässt er endlich die „Der kann nur Derby“-Laberer in meinem Bekanntenkreis verstummen 🙂

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