Kader des FC St. Pauli: Verkleinern, vielleicht verändern

Kader des FC St. Pauli: Verkleinern, vielleicht verändern

Der FC St. Pauli hat nach Ansicht von Cheftrainer Fabian Hürzeler einen zu großen Kader. Ganze 31 Spieler zählt dieser im Moment. Schauen wir also mal, welche Spieler den Verein noch verlassen könnten.
(Titelbild: Stefan Groenveld)

Nachdem der FC St. Pauli mit Elias Saad, Maurides und Karol Mets drei Neuzugänge präsentierte, ist bereits klar gewesen, dass es auch noch Abgänge im Kader geben muss, damit sich das Team in einer für den Trainingsbetrieb angenehmen Größe bewegt. Cheftrainer Fabian Hürzeler sagte hierzu im Fazit des Trainingslagers: „Im Moment ist der Kader zu groß für unsere Verhältnisse. Wir planen schon, den einen oder anderen abzugeben. Wir müssen sehen, ob Spieler unzufrieden sind mit ihrer Situation und wie sich das in den nächsten Tagen entwickelt.“ (Abendblatt (€))

Das sind schon deutliche Worte und öffnet jenen Spielern, die sich mehr Spielzeit wünschen oder beim FC St. Pauli einfach nicht vorankommen, Tür und Tor sich einen neuen Verein zu suchen. Zudem ist davon auszugehen, dass die Spieler selbst intern darüber auch informiert wurden und eine Freigabe erhalten haben, sich mit anderen Vereinen zu unterhalten (sofern das denn überhaupt notwendig ist, denn ab einem halben Jahr vor Vertragsende dürfen Spieler auch ganz offiziell mit anderen Vereinen in Verhandlung treten, ohne die Zustimmung des aktuellen Arbeitgebers). Wir werfen einen Blick auf den Kader und schauen, wie sich dieser entwickeln könnte.

Smarsch vor dem Abflug

Ein Wink mit dem Zaunpfahl dürften die bisherigen Testspiele für Dennis Smarsch gewesen sein. In beiden Partien kam er nicht zum Einsatz, wohl aber die anderen drei Torhüter. Und für den Test gegen Mönchengladbach am kommenden Wochenende kündigte Hürzeler an, dass Vasilj die volle Spielzeit zwischen den Pfosten stehen soll. Die Zeichen bei Smarsch stehen, ein halbes Jahr vor Ende des Vertrages, bereits im Winter auf Abschied.

Das ist alles nicht mehr verwunderlich, denn bereits mit der Verpflichtung von Sascha Burchert kurz vor Ende der Sommer-Transferphase war klar, dass es auf dieser Position auch Abgänge geben wird. Vier Torhüter im Kader sind schlicht einer zu viel. Da Burchert frisch verpflichtet wurde, Vasilj Stammtorwart ist und Ahlers klar die Rolle des dritten Keepers eingenommen hat, dürften Dennis Smarsch, der bei seinen Einsätzen zu Saisonbeginn leider nicht überzeugen konnte, keine Steine bei einem Vereinswechsel in den Weg gelegt werden. Erste Gespräche hierzu haben bereits stattgefunden.

Hamburg, Deutschland - Dennis Smarsch im Tor des FC St. Pauli beim Spiel gegen den SC Paderborn - copyright: Stefan Groenveld
Dennis Smarsch hat beim FC St. Pauli keine Zukunft.
(c) Stefan Groenveld

Was wird aus Matanović?

Auffällig ist, dass der FC St. Pauli in beiden Testspielen seine Anfangsformation nur auf zwei Positionen veränderte: Im Spiel gegen den FC Lugano ersetzte Sascha Burchert den früher abgereisten Nikola Vasilj im Tor und Lars Ritzka kam als linker Schienenspieler anstelle von Leart Paqarada zum Einsatz. Alle anderen neun Positionen blieben unverändert.

Zu dieser Startelf zählte auch David Otto, der jeweils als zentraler Angreifer zum Einsatz kam. Das ist schon etwas überraschend gewesen, denn mit Johannes Eggestein, Igor Matanović und Maurides gibt es durchaus Alternativen für diese Position. Ist das nun bereits ein Hinweis darauf, dass Otto in der Rückrunde eine größere Rolle einnehmen könnte?

Nicht unbedingt, auch wenn ich das ganz und gar nicht ausschließen möchte. Doch Eggestein scheint eher eine Rolle auf der äußeren Angriffsposition zu passen und Maurides war beim ersten Testspiel noch nicht da und hat laut Hürzeler noch Arbeit im Defensivbereich vor sich („Gegen den Ball zu arbeiten, da hat er noch Nachholbedarf, was die Automatismen angeht“). Aber es ist in jedem Fall spannend, dass es Otto ist, der aktuell viel Spielzeit sammelt und nicht Matanović.

Der Blick auf die Einsatzzeiten macht deutlich, wie sich das Ranking verschoben hat: Matanović kam gegen Union in der zweiten Halbzeit zum Einsatz und gegen Lugano wurde er erst als dritte Option nach Maurides und Otto eingesetzt. Die beiden vor ihm eingesetzten Spieler hinterließen einen guten Eindruck auf der Position des zentralen Angreifers. Matanović scheint im internen Ranking deutlich abgerutscht zu sein. Das war vor wenigen Monaten noch fast undenkbar. Die Entwicklung von Igor Matanović beim FC St. Pauli scheint massiv ins Stocken geraten zu sein und so ist auch ein vorzeitiges Ende des Leihgeschäfts zwischen Frankfurt und dem FCSP zumindest nicht unrealistisch. Auch hier haben erste Gespräche bereits stattgefunden.

Hannover, Deutschland, 22.07.22 - Igor Matanovic (FC St. Pauli) ärgert sich über eine verpasste Chance - copyright: Peter Boehmer
Kommt der Abschied von Igor Matanović beim FC St. Pauli früher als gedacht?
(c) Peter Boehmer

U23 oder 2. Bundesliga?

Im Trainingslager waren eine ganze Reihe von Spielern dabei, die in der Hinrunde zumeist in der U23 zum Einsatz gekommen sind. Jannes Wieckhoff, Marcel Beifus, Franz Roggow, Niklas Jessen und Lennart Appe haben mit Ausnahme von Beifus keine Spielminuten in der 2. Bundesliga sammeln können. Genau diese Spieler sind aber sicher auf der Suche nach mehr Spielzeit auf höchstmöglichen Niveau, während der Verein eher ein Interesse daran haben dürfte, dass genau diese fünf Nachwuchskräfte mit dafür sorgen, dass die U23 die Klasse in der Regionalliga Nord halten kann.

Appe hinterlässt guten Eindruck

Ein wenig mehr ins Blickfeld geschoben hat sich Lennart Appe. Er kam sowohl beim Test gegen Union Berlin, als auch gegen den FC Lugano zum Einsatz, hinterließ vor allem im Spiel gegen Lugano einen guten Eindruck bei seinen ruhigen und überlegten Aktionen mit dem Ball. Angesichts des langfristigen Ausfalls von David Nemeth und der zum Rückrundenauftakt gültigen Sperre von Betim Fazliji könnte kurzfristig Platz im Kader bestehen, den Appe ausfüllen könnte. Spätestens durch die Verpflichtung von Karol Mets ist aber nicht davon auszugehen, dass er dauerhaft im Kader der Profis auftauchen wird. Zumindest in der Rückrunde wird er weiter in der U23 zum Einsatz kommen. Darüber hinaus dürfte Lennart Appe aber sehr wohl ein ernsthafter Kandidat im Profiteam werden.

Etwas mehr dürfte sich Marcel Beifus erwarten. In seinem zweiten Jahr beim FC St. Pauli kam er erst zum Ende der Hinrunde bei den Profis zum Einsatz, konnte sich dabei aber nicht so richtig in den Fokus spielen. Timo Schultz forderte danach auch öffentlich, dass sich Beifus mehr aufdrängen müsse. Ob ihm das diesen Winter gelingen kann? Mit Karol Mets hat er jedenfalls einen neuen Konkurrenten hinzubekommen und angesichts der doch recht üppig besetzten Innenverteidigung beim FCSP dürfte die Aussicht auf Spielzeit auch in der Rückrunde nicht so viel besser sein. Marcel Beifus ist ein Spieler, der aus meiner Sicht gut in die 3. Liga passen könnte. Er ist jemand, der noch etwas braucht, um dauerhaft in der 2. Bundesliga zum Einsatz zu kommen, aber eventuell der Regionalliga etwas entwachsen ist. Ein Wechsel kann nicht ausgeschlossen werden, auch wenn ihn der FCSP sicher nur ungern gehen lassen würde.

Kein Platz für Roggow und Jessen?

Sogar mit einem Tor hat sich Franz Roggow für weitere Aufgaben beim FC St. Pauli empfohlen. Ich muss hier gestehen, dass ich bei Roggow sehr subjektiv bin, da ich ihn aufgrund seiner ästhetischen Spielweise mag. Er hat eine sehr gute Übersicht, einen feinen Fuß (wie er nicht zuletzt mit seinem Tor gegen Lugano zeigte) und ist körperlich relativ robust. Einzig eine gewisse Agilität scheint ihm zu fehlen (aber hey, die fehlte Zidane auch). Doch aktuell ist der Konkurrenzkampf auf seiner Position enorm, da sogar die Frage gestellt werden muss, ob Irvine oder Hartel draußen bleiben.

Zwar ist der Weg von Franz Roggow in die Startelf beim FC St. Pauli wohl ziemlich weit, aber er scheint dann doch ein gutes Stück kürzer, als jener von Niklas Jessen, wenn man die Einsatzzeiten der Testspiele betrachtet – denn Jessen kam bisher nicht zum Einsatz. Roggow und Jessen sind 20 bzw. 19 Jahre alt und es ist alles andere als ausgeschlossen, dass sich beide beim FCSP durchsetzen. Es wäre sehr gut, wenn sie der U23 beim Klassenerhalt helfen würden. Allerdings benötigen beide Spielzeit auf dem für sie bestmöglichen Niveau. Ob das für sie die Regionalliga Nord ist oder sie eine andere Herausforderung suchen? Beides ist vorstellbar.

Hamburg, Deutschland, 12.06.2022 - Niklas Jessen und Etienne Amenyido beim Training des FC St. Pauli - copyright: Peter Boehmer
Niklas Jessen hat viel Spielzeit in der U23 gesammelt – ob er das auch weiterhin machen wird?
(c) Peter Boehmer

Wieckhoff als Gewinner der Vorbereitung?

Ganz anders als in der Hinrunde dürften die Aussichten für Jannes Wieckhoff sein. Das hängt zum einen damit zusammen, dass er körperlich wieder auf einem deutlich höherem Niveau angelangt ist, als er es zu Saisonbeginn war. Zum anderen kommt ihm ein System mit offensiv denkenden Schienenspielern wirklich enorm entgegen. Im Testspiel gegen Lugano zeigte er sehr viel von dem, was dem FCSP weiterhelfen kann und was ihn von seinen Konkurrenten auf dieser Position (Manolis Saliakas und Luca Zander) unterscheidet: Hohes Tempo und Fähigkeiten im offensiven Zweikampf.

Ich finde es sehr spannend, wohin die Reise von Jannes Wieckhoff geht. Klar, fehlerlos ist das alles nicht und ich mutmaße hier auf Basis eines Testspiels und der Theorie, welche Skills es im 5-2-3 benötigt, aber sein Tempo könnte dem Team enorm helfen. Noch vor wenigen Wochen hätte ich schwören können, dass die Zeit von ihm beim FC St. Pauli demnächst endet, da es im Team schlicht keinen Platz für ihn gab, andere Fähigkeiten gefragt waren. Nun könnte sich das drehen und Wieckhoff so etwas wie die große Überraschung der Wintervorbereitung werden.

Wie groß ist der Entwicklungsschritt bei Saad?

Wir bleiben beim Tempo und kommen unweigerlich zu Elias Saad, der vor wenigen Wochen aus der Regionalliga zum FCSP wechselte. Fabian Hürzeler hat sich nach dem Trainingslager unter anderem ausführlich zu ihm geäußert: „Elias Saad muss sich noch an die Intensität gewöhnen. Bei uns wird viel mehr trainiert, sein Körper bekommt da eine andere Belastung ab, daran gewöhnt er sich jetzt. Er hat sich auch super integriert und man hat auch schon gesehen, was er einbringen kann. Er ist technisch sehr gut, im Eins-gegen-Eins, ein sehr versierter Spieler mit Zug zum Tor. Wir sind sehr froh, auch ihn bei uns im Kader zu haben.“

Besonders wenn der FC St. Pauli einen vermehrten Fokus auf Umschaltmomente legen wird, könnte Elias Saad eine gewichtige Rolle einnehmen. Allerdings ist der Schritt aus der Regionalliga sehr groß und das deutet Hürzeler mit seinen Worten auch an. Saad muss sich anpassen an das Level in der 2. Bundesliga, nicht unbedingt an die technischen Ansprüche, eher an die Belastung. So eine körperliche Anpassung läuft zumeist in Wellen ab, weshalb nicht unwahrscheinlich ist, dass sich bei Elias Saad im Verlauf der Rückrunde auch ein kleines oder größeres Tal auftun und er (nur) in der U23 zum Einsatz kommen wird. Trotzdem: Das Fragezeichen in welche Richtung es gehen wird, ist bei ihm sicher am größten (auch ein kometenhafter Aufstieg ist denkbar).

Überzahl auf rechts und im Abwehrzentrum

Des einen Leid, ist des anderen Freud. Wenn sich Jannes Wieckhoff in der Vorbereitung tatsächlich weiter in den Fokus spielen kann, dann dürfte das einen Effekt auf seine Konkurrenten auf dieser Position haben. Denn im Gegensatz zur linken Seite, wo mit Leart Paqarada und Lars Ritzka (dem es aber sicher auch nach mehr Spielzeit dürstet) zwei Spieler konkurrieren, die Situation aber geklärt ist, gibt es mit Manolis Saliakas und Luca Zander noch zwei weitere Spieler auf der rechten Seite. Wenn man die Kadergröße reduzieren möchte, dann dürfte diese Position einer der ersten Anlaufpunkte sein.

Der zweite Anlaufpunkt wäre die Innenverteidigung, wo es mit David Nemeth, Jakov Medić, Eric Smith, Betim Fazliji, Adam Dźwigała, Karol Mets und Marcel Beifus gleich sieben Spieler gibt. Entsprechend scheint eine Luftveränderung bei einem dieser Spieler alles andere als unwahrscheinlich, wobei hier das große Fragezeichen hinter Christopher Avevor noch gar nicht mit einberechnet wurde.

Hamburg, Deutschland, 16.07.2022 - Carlo Boukhalfa (FC St. Pauli) im Laufduell mit Tim Handwerker (1. FC Nuernberg) - copyright: Peter Boehmer
Für Carlo Boukhalfa, letzte Saison Stammspieler in Regensburg, lief die Hinrunde sicher nicht wie erhofft.
(c) Peter Boehmer

Auch im zentralen Mittelfeld ist die Dichte an Spielern hoch, selbst wenn man ohne Niklas Jessen und Franz Roggow kalkuliert. Besonders wenn der FC St. Pauli sein zentrales Mittelfeld tatsächlich dauerhaft auf zwei Sechser reduzieren sollte, könnte hier noch was passieren. Mit Afeez Aremu, Jackson Irvine, Marcel Hartel, Carlo Boukhalfa und Connor Metcalfe gäbe es fünf Spieler für die beiden Positionen. Metcalfe war in den Testspielen bereits auf der offensiveren Position zu finden, sodass auf der Doppelsechs gegen Lugano zuerst das Duo Aremu/Hartel und dann Boukhalfa/Irvine zum Einsatz kam.

Abgesehen von Aremu ist auch den restlichen Spielern eine gute Rolle in höherer Positionierung zuzutrauen. Aus Sicht von z.B. Carlo Boukhalfa, der in der Hinrunde nur sehr sporadisch zum Einsatz kam, könnte eine Veränderung mit Aussicht auf mehr Spielzeit sicher nicht schaden. Aus Sicht des FC St. Pauli wäre es aber sicher ideal, wenn der Kader in diesem Bereich so bleibt wie er ist.

Kommt/Geht noch wer?

Obwohl Fabian Hürzeler betonte, dass der Kader etwas verkleinert werden soll, darf und sollte nicht ausgeschlossen werden, dass noch weitere neue Spieler hinzukommen. Am ehesten würde mir dabei die etwas offensivere Mittelfeldposition in den Sinn kommen. Dem FC St. Pauli fehlt es in diesem Bereich vielleicht ein wenig an Kreativität (Stichwort: Zocker) und ein offensiver Mittelfeldspieler könnte die Flexibilität massiv erhöhen. Da die bisherigen drei Neuzugängen keinerlei Erfahrung in der 2. Bundesliga vorweisen können, wäre vielleicht auch jemand mit ein paar Spielen in dieser doch sehr komplizierten Liga sicher nicht von Nachteil.

Das würde aber auch bedeuten, dass weitere Spieler den Verein kurz- oder langfristig verlassen. Und es kann ja auch sein, dass Stammspieler mit einem Wechselwunsch (und dem entsprechenden Interessenten im Rücken) an den Verein herantreten. Variablen über Variablen…
Jedes Mal, wenn ich mich etwas tiefer mit der Zusammensetzung und den möglichen Veränderungen des FCSP-Kaders befasse wird mir bewusst, wie wahnsinnig komplex (und hochinteressant) der Bereich Kaderplanung ist. Weil es einfach eine ganze Menge Dinge und unterschiedliche Interessen gibt, die beachtet werden müssen. Es ist zu hoffen, dass die Verantwortlichen beim FC St. Pauli hier stets den Überblick behalten.
// Tim

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