Vorbericht: FC St. Pauli – 1. FC Kaiserslautern (20. Spieltag, 22/23)

Vorbericht: FC St. Pauli – 1. FC Kaiserslautern (20. Spieltag, 22/23)

Am Sonntag empfängt der FC St. Pauli den 1. FC Kaiserslautern. Der Aufsteiger spielt eine extrem starke Saison mit dem so typischen Spiel ganz nach der Idee von Trainer Dirk Schuster. Der Vorbericht.
(Titelbild: Stefan Groenveld)

Im „Vor dem Spiel“-Gespräch hat sich Michael mit Stefan vom FCK-Blog unterhalten. Hört da sehr gerne rein.
Der Rückblick auf bisherige Begegnungen fällt dieses Mal relativ kurz aus. Ich erinnere mich an Sonne, Badeklamotten, das kühle, salzige Nass – und daran, dass ich das für ein leider genau so zu erwartendes Spiel unterbrechen musste. Denn im Hinspiel hat sich der FC St. Pauli im Netz der Spinne verfangen. Hoffen wir mal, dass sich diese Geschichte nicht wiederholt.

Vor dem Spiel wird es eine Schweigeminute für die Opfer des schweren Erdbebens in der Türkei und Syrien geben. Einen Spendenaufruf gibt es von Ultrà Sankt Pauli.
Der FC St. Pauli wird bei dem Spiel in Sondertrikots mit dem Schriftzug „Kein Platz für Rassismus“ auflaufen. Alle Infos dazu findet ihr hier.

FC St. Pauli: Wer kann spielen, wer fehlt?

Für das Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern wird der FCSP auf einige Spieler verzichten müssen. Christopher Avevor (wird diesen Samstag 31 Jahre alt) wird sicher fehlen. Bei ihm gelte es abzuwarten, es gebe immer wieder leichte Rückschläge sagte Hürzeler auf der Pressekonferenz, ein zeitnaher Einsatz ist ausgeschlossen. Betim Fazliji hatte unter der Woche Probleme am Oberschenkel. Es ist laut Hürzeler ein „kleines muskuläres Problem“, welches untersucht wurde, aber glücklicherweise nichts Schwerwiegendes ergeben hat. Ob er am Wochenende dabei sein kann, muss abgewartet werden.

Bielefeld, Deutschland, 22.10.2022 - Manolis Saliakas und Betim Fazliji (FC St. Pauli) sind enttäuscht nach der Niederlage gegen Arminia Bielefeld - copyright: Peter Boehmer
Ob Betim Fazliji am Sonntag im Kader stehen wird, muss leider bezweifelt werden.
(c) Peter Boehmer

Fehlen wird zudem Luca Zander, der sich aktuell im Lauftraining befindet und aller Vorraussicht nach nächste Woche wieder Teile des Mannschaftstrainings mitmachen kann. Fortschritte macht auch David Nemeth, der aber „sehr behutsam aufgebaut wird“. Unter halber Belastung auf dem Laufband ist Etienne Amenyido unterwegs und entsprechend auch keine Option für das Wochenende. Der Rest des Kaders ist laut Hürzeler einsatzbereit.

1. FC Kaiserslautern: Wer kann spielen, wer fehlt?

Die personelle Situation beim FCK scheint fast perfekt zu sein. Einzig Boris Tomiak wird sicher fehlen (Gelbsperre) – was allerdings ein ziemlich herber Verlust ist, da Tomiak eine der Säulen im bisherigen Saisonverlauf gewesen ist und sich bereits Gerüchte um Interessenten aus der Bundesliga verbreiten. Wer ihn ersetzen könnte, ließ FCK-Trainer Dirk Schuster auf der Pressekonferenz offen, sprach von „zwei-drei Optionen“. Winter-Neuzugang Nicoali Rapp dürfte aber die wahscheinlichste Option sein.

Ansonsten seien alle Spieler laut Schuster mehr oder weniger einsatzbereit. Das bedeutet also auch, dass Philipp Klement nach Oberschenkelproblemen wieder zurückkehren wird, der unter der Woche pausierende Hendrick Zuck einsatzfähig ist und auch Marlon Ritter, der zuletzt nach einer Verletzung nur zu Kurzeinsätzen kam, wieder dabei sein wird.

Einige unken: Es ist nicht das erste Mal, dass Marlon Ritter nicht ganz so fit ist. Das hindert ihn aber nicht an guten Leistungen: Sieben Tore hat er bereits vorgelegt in dieser Saison.
(Lobeca/Krause/imago images/via OneFootball)

Was hat der FCK zu bieten?

„Uns erwartet die aktuell stärkste Mannschaft der Liga“, sagte Fabian Hürzeler und setzte damit gleich mal die Benchmark. Der FCK belegt den vierten Platz in der Liga und damit mehren sich recht zarte Hoffnungen auf einen echten Coup: Der direkte Durchmarsch aus der dritten in die erste Liga. Zwar ist Tabellenführer Darmstadt schon sieben Punkte weg, aber der dritte Platz ist greifbar (Heidenheim hat nur einen Punkt Vorsprung).

Nach bereits überzeugendem Saisonstart konnte der FCK zwischendurch sieben Spiele nicht gewinnen, spielte dabei sechsmal in Serie Unentschieden. Den Endpunkt dieser Serie markiert das deutliche 0:3 Mitte Oktober gegen Jahn Regensburg. In der Folge verlor Kaiserslautern nicht mehr, ist seit inzwischen sieben Partien ungeschlagen und hat davon sechs gewinnen können (fünf in Serie). Wie schafft es der FCK so stark zu sein?

Pizza-Grafik mit Kern-Statistiken des 1. FC Kaiserslautern nach 19 Spieltagen der 2. Bundesliga 22/23.

Die Statistiken des FCK sind wahrlich bemerkenswert. Denn sie zeigen genau das, was den Fußball von Dirk Schuster ausmacht. Das Team steht sehr tief (höchster PPDA der Liga), agiert aus einer enormen Kompaktheit heraus und lässt die Gegner einfach mal machen (zweitniedrigster Ballbesitzanteil). Die perfekte Blaupause lieferte tatsächlich das Hinspiel, als sich der FC St. Pauli 90 schwere Minuten lang die Zähne an dieser ungemütlichen Verteidigungsarbeit ausbiss.

Schuster-Ball at it’s best!

Wenn es dann mal beim FCK nach vorne geht, dann meist sehr effizient, vor allem aber mit einem klaren Plan. Fabian Hürzeler betont „die individuelle Klasse in der Offensive mit Boyd im Zentrum, der die Bälle gut festmacht und Redondo und Opoku mit Speed auf den Außen“. Das Team geht bei seinem eher selten vorhandenen Offensivspiel (wenigste Pässe ins letzte Drittel) hohes Risiko (schlechteste Quote bei Pässen ins letzte Drittel), ist dabei aber sehr erfolgreich (schon acht Kontertore).

Diese Spielweise ist alles andere als neu. Ein Wandspieler vorne drin, zwei schnelle offensive Außen, dazu eine kompakt und tiefstehende Defensive – das klingt ganz nach Darmstadt 98 aus der Aufstiegssaison 14/15, als das Team unter der Leitung von Dirk Schuster sensationell den Durchmarsch aus der dritten in die erste Liga schaffte. Das ist inzwischen acht Jahre her. Entsprechend stellt sich die Frage, warum es gegnerischen Teams anscheinend immer noch nicht gelungen ist diese Spielweise zu knacken.

„So ein Mann-gegen-Mann ist einfach schwer zu bespielen und die Liga ist extrem ausgeglichen. Es ist nicht so, dass es eine Mannschaft gibt, die spielerisch über allem steht. Da sind viele Spiele ausgeglichen, weshalb so ein Spiel wie das von Kaiserslautern sehr effektiv ist, wenn man die entsprechenden Spielertypen hat.Für die Gegner ist das dann auch irgendwann eine Kopfsache, man wird dann ungeduldig, zu offensiv und kassiert dann den ein oder anderen Konter.“

Fabian Hürzeler über den Erfolg des Schuster-Ball

Was bei all den Ausführungen von Fabian Hürzeler deutlich wird: Der 1. FC Kaiserslautern ist sicher das unangenehmste, was die 2. Bundesliga zu bieten hat (und mit einem Durchschnittsalter von 28.4 Jahren auch das älteste). Der Respekt vor der körperlichen Spielweise und der individuellen Qualität in der Offensive ist sehr groß. Es dürfte für den FC St. Pauli die bisher schwerste Aufgabe unter dem neuen Cheftrainer werden.

Mögliche Aufstellung

Auch wenn Dirk Schuster auf der Pressekonferenz noch offen gelassen hat, wie genau er sein Team nicht nur personell, sondern auch taktisch aufstellt, darf der FC St. Pauli mit einer gegnerischen Viererkette rechnen. Bisher zweimal in dieser Saison (1:1 beim HSV, 0:3 zuhause gegen Regensburg) lief das Team mit einer Dreierkette auf. Interessanter ist, wie sich das Team spieltaktisch verhalten wird. Zwar zeigen die Statistiken, dass der FCK eher tiefstehen dürfte, aber Hürzeler mahnte: „Ich hab auch nicht erwartet, dass Hannover über den ganzen Platz mannorientiert verteidigt und uns hoch anläuft.“

Entsprechend geht es für den FC St. Pauli darum Lösungen gegen das kompakte Defensivspiel des FCK zu finden. Das Anlaufverhalten („Sie versuchen mit Boyd vorne mit -1 anzulaufen, hinten in der Kette ist es dann +1.“) bedingt eine Überzahl in letzter Linie, in der zudem sehr mannorientiert verteidigt werde. Hürzeler: „Da gilt es für uns, dass wir eine maximal hohe Bindung haben, dass wir die Räume groß machen. Denn je enger wir den Raum machen, umso einfacher ist es für sie gegen den Mann zu verteidigen.“

Erwartete Aufstellung beim Spiel FC St. Pauli gegen den 1. FC Kaiserslautern

Personell sind keine Veränderungen beim FC St. Pauli zu erwarten. Und trotzdem wünscht sich Fabian Hürzeler, dass sich im Vergleich zum Hannover-Spiel etwas verändert. „Noch mehr Ruhe“ wünscht er sich im Spielaufbau, um den Gegner noch etwas mehr „zu locken“. Zudem können die Entscheidungsfindung noch verbessert werden, also wie genau das Spiel eröffnet wird („wann hinter die Kette, wann in den Zwischenraum und wann flache Eröffnung“).

Zudem wünscht er sich noch mehr Konsequenz im letzten Drittel („da können wir noch deutliche Fortschritte machen“) und er hat Phasen im Hannover-Spiel gesehen, in denen das Team „zu passiv“ im Defensiv-Verhalten gewesen sei. Grundsätzlich habe er eine Verbesserung nach dem Spiel gegen Nürnberg gesehen, aber das Team sei noch nicht da, wo alle hinkommen wollen. Der Anspruch an das Team, das ist klar zu spüren, wenn Hürzeler spricht, ist enorm hoch.

Charaktertest steht an

Auf den FC St. Pauli wartet also eine richtig schwere Aufgabe. Der 1. FC Kaiserslautern ist in dieser Saison auswärts noch ungeschlagen (vier Siege, fünf Unentschieden). Übrigens: Als Aufsteiger die ersten neun Auswärtsspiele nicht zu verlieren gelang zuletzt dem SSV Ulm vor mehr als 20 Jahren (mit Ralf Rangnick als Trainer) – am Ende gelang der Durchmarsch in die Bundesliga.

Aber der FC St. Pauli braucht sich überhaupt nicht zu verstecken, hat am Millerntor in dieser Saison noch nicht verloren (vier Siege, fünf Unentschieden, 6:1 Tore in den letzten fünf Spielen). Gegen den FCK wird sicher Geduld gefragt sein, der FCSP wird sich oft die Zähne ausbeißen und muss enorm vorsichtig agieren, um Kaiserslautern nicht genau in die Karten zu spielen. Das wird eine enorm schwere Aufgabe, den Hürzeler nicht weniger als einen „Charaktertest“ nennt.

Forza!
// Tim

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Sofern nicht anders markiert, stammen sämtliche Statistiken von Wyscout.

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2 thoughts on “Vorbericht: FC St. Pauli – 1. FC Kaiserslautern (20. Spieltag, 22/23)

  1. Wenn Lautern so tief steht, müsste es dann nicht einen sehr hohen PPDA-Wert haben, weil die Mannschaft sehr viele Pässe zulässt, ehe es zu einer Defensivaktion kommt? Oder habe ich da was nicht verstanden? Bitte um Aufklärung. Habe versucht, die aktuellen Werte zu googeln, aber nicht gefunden. Sind die irgendwo öffentlich einsehbar?

    1. Ja, du hast vollkommen recht. Der PPDA-Wert muss hoch sein. Das ist er im Fall vom FCK auch (liegt über 14 – FCSP bei 8). War falsch ausgedrückt im Text, habe ich jetzt korrigiert.

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