Ein Rückschlag nach vorn

Natürlich hätten wir gewinnen müssen. Zum einen, um den Anschluss an die Teams auf den Aufstiegsrängen zu halten (deshalb war es gestern ein Rückschlag), zum anderen, weil wir dieses Spiel dominiert und fast vergessenen Ballbesitzfußball des FCSP gesehen haben (deshalb war es gestern ein Schritt nach vorne). Und mit dieser Erkenntnis, dem Fortschritt, der irgendwie aufgrund der fehlenden Tore auch ein Rückschlag war, starten wir in eine Analyse des Spiels.

Der MSV Duisburg ist in gar keiner so schlechten Form. Und mit dieser Aussage möchte ich gleich mal Wind aus den Segeln derer nehmen, die rumpupen, dass man ja als Tabellen-4. gegen den Tabellen-17. gefälligst haushoch zu gewinnen habe. Ich mag mich wiederholen, aber: Die zweite Liga ist einfach viel zu dicht beieinander um von den Tabellenständen auf ein klares Spiel schließen zu können oder das gar zu verlangen (vor allem nach unserer Vorgeschichte mit 0-8 Toren aus den letzten beiden Spielen). Mit dem Spiel gegen den FCSP hat der MSV in den letzten vier Spielen nur ein einziges Gegentor kassiert. Zwar haben die dabei jeweils kein Offensivfeuerwerk abgebrannt (nur zwei eigene Tore), aber doch immerhin sechs Punkte mitgenommen und sind nun seit vier Spielen ungeschlagen. Beim Spiel am Millerntor hatte der MSV Duisburg dann auch nur in einer Phase von etwa 15 Minuten in der ersten Halbzeit mit Nachdruck ihr Interesse an einem eigenen Torerfolg gezeigt. In allen anderen Phasen hat der FCSP dieses Spiel dominiert.

52% Ballbesitz. Das erscheint auf den ersten Blick nicht ein besonders hoher Anteil zu sein. Allerdings muss dabei berücksichtigt werden, dass der FCSP vor diesem Spieltag mit durchschnittlich 43,7% Ballbesitz den niedrigsten Anteil aller Zweitligisten aufwies. Ja, Ballbesitz alleine ist ein Parameter mit wirklich schwacher Aussagekraft (ich bringe im Verlauf des Textes noch ein paar weitere, die das Bild etwas runder machen). Doch zeichnete es den FCSP bei diesem Spiel aus, dass tatsächlich nahezu gänzlich auf lange Bälle in die Spitze und dem Spiel auf zweite Bälle verzichtet wurde.

Der MSV verteidigte konsequent in einem 4-1-4-1, mit Fröde als Sechser und Verhoek als leichten Störfaktor für das Aufbauspiel des FCSP. Beim Aufbau des FCSP rückten die Außenverteidiger Carstens und Buballa weit mit auf, insbesondere in der 2.Hlabzeit sogar bis in die letzte Linie von Duisburg. Die äußeren Mittelfelder, Miyaichi und Møller-Dæhli hingegen bewegten sich meist mehr in den Halbräumen und schufen so Platz für die Außenverteidiger. In der ersten Halbzeit war es meist Marvin Knoll der sich zwischen die beiden Innenverteidiger fallen ließ. Diese Dreierreihe konnte meist recht ruhig, da nur von Verhoek leicht gestört, aufbauen. Ziel war es hierbei den Ball auf einen der Außenverteidiger zu spielen, welches jedoch meist durch die breite Staffelung des MSV mit der Viererkette im Mittelfeld nicht direkt möglich war. Daher war es die Aufgabe der eigenen Mittelfeldspieler sich immer wieder etwas tiefer anzubieten. Durch dieses tiefe Anbieten wurde vertikaler Druck auf die Viererkette des MSV aufgebaut, welche dann die Abstände nicht mehr ganz halten konnte. Wurde das erreicht, so konnte der Ball dann über den Umweg im Zentrum auf die Außenbahn geleitet werden. Das funktionierte eigentlich ziemlich gut, da sich die Mittelfeldspieler recht variabel zeigten: Sowohl Buchtmann als auch Møller-Dæhli , aber auch – wenn Zehir sich zwischen die Innenverteidiger fallen ließ – Knoll boten sich für diese, den Angriff eröffnende Aktion immer wieder tief an. Besonders in der zweiten Halbzeit konnten so etliche Angriffe eingeleitet werden. In der ersten Halbzeit gab es mit der Taktik noch einige Anpassungsschwierigkeiten, da Bälle zu früh ins Mittelfeld gespielt wurden.

Simple as fuck. Durch eine Rückwärtsbewegung von Møller-Dæhli ergibt sich die Möglichkeit den hoch positionierten Buballa anzuspielen.

Auch der MSV versuchte einen Spielaufbau mit einer Dreierkette. Hierbei fiel Sechser Fröde zwischen die Innenverteidiger. Meist steht der FCSP mit einem 4-4-2 in der Grundformation gegen den Ball. Gegen Duisburg kam es aber häufig vor, dass sich Miyaichi oder Møller-Dæhli mit in vorderste Reihe begaben und so bereits enormen Druck auf die erste Aufbaureihe der Duisburger ausübten. Auch das funktionierte sehr gut. Am besten vor allem dann, wenn Knoll und Zehir mannorientiert gegen Schnellhardt und Albutat spielten und verhinderten, dass diese sich tief als Anspielstationen anbieten konnten. War dies nicht der Fall, so konnte der MSV durchaus auch mal schnell durch das Zentrum spielen. Meist war es Schnellhardt (der Name ist Programm), der sich durch einen kurzen Sprint von Knoll löste und dann aufdrehen und so Souza oder Nielsen ins Spiel bringen konnte. Hingegen blieb Albutat eigentlich das gesamte Spiel über eher blass.

Es erschient vollkommen logisch, dass gegen eine Dreierkette mit einer Dreierkette gepresst wird. Warum also wurde das in anderen Spielen vom FCSP nicht getan? Nun, ein Anlaufen der Verteidiger mit eben der gleichen Anzahl an Angreifern bedeutet auch, dass sich die nummerische Gleiche in den hinteren Teilen des Spielfeldes fortsetzt. Bei so einem Pressing wird das gegnerische System quasi gespiegelt. Es ergeben sich also in allen Teilen des Spielfeldes 1-gegen-1 Situationen, also durchaus ein Risiko. Wenn allerdings so tief aufgebaut wird, wie es der MSV gemacht hat, dann bleibt selbst beim Überspielen der ersten Pressingreihe immer noch genug Zeit mit möglichst vielen Spielern hinter den Ball zu gelangen, bevor es dann wirklich brenzlig werden würde. Dies ist ein klarer Wechsel im grundlegenden System des FCSP. Im bisherigen Saisonverlauf wählte der FCSP hier eher immer die Variante ‚Safety first‘. Dabei rückten die äußeren Mittelfelder immer mit den Außenverteidigern mit, agierten also mannorientiert. Wenn diese dann sich weit nach vorne orientierten (siehe Santos beim Derby), dann bewegten sich auch die äußeren Mittelfelder des FCSP mit in die eigene letzte Reihe. Gegen den MSV waren diese Bewegungen teilweise auch zu sehen, jedoch meist nur im Moment des defensiven Umschaltens. Sobald sich alle Spieler in der Formation eingefunden hatten, rückten die äußeren Mittelfelder wieder vor und agierten somit raumorientiert.

So agiert man gegen eine Dreierkette! Die FCSP-Spieler laufen die Verteidiger erst an, wenn der Pass auch gespielt wurde. Vorher wird nur diese eine Passoption ‚angeboten‘. Funktioniert nur, wenn beide Sechser mannorientiert agieren.

Diese Art des Pressings funktionierte sehr gut gegen den MSV Duisburg, sodass vor allem in der zweiten Halbzeit eigentlich kaum noch ein geordneter Spielaufbau der Gäste zu erkennen war. In der ersten Halbzeit war es allen voran das tiefe Anbieten von Schnellhardt, welches ab und an für ein Misslingen des partiell hohen Pressings sorgte.

Und so entwickelte sich am Freitag ein Spiel, bei dem der FCSP gänzlich flach aufbauen konnte. Dieser Aufbau wusste zu gefallen. Mir zumindest. Ich vernahm jedoch immer und immer wieder hörbaren Unmut darüber, wenn der Ball dann doch noch einmal hinten rum gespielt wurde, damit eine Verlagerung möglich ist. Leute, wenn Duisburg keine Räume anbietet, dann gibt es keine andere Möglichkeit als den Ball über die eigenen Verteidiger zirkulieren zu lassen. Mir haben die variablen Bewegungen im Mittelfeld gefallen. Und im Vergleich zu anderen Spielen war ein klarer Fokus auf eben diesen Ballbesitzfußball zu erkennen (gespielte Pässe vs. Duisburg: 514; vs. Sandhausen: 469, vs. Paderborn: 305, vs. Ingolstadt: 326). Hättet ihr es lieber, wenn da wieder lange Bälle nach vorne geknolzt werden, sobald sich beim ersten Versuch keine flache Anspielstation bietet?! Ich jedenfalls nicht. Mir ist es lieber, wir bleiben im Ballbesitz, auch wenn das bedeutet, dass wir eine ganze Aktion abbrechen und neu aufbauen müssen. Gut, der MSV hat es auch nicht darauf angelegt, den FCSP in diesem Stadium des Spielaufbaus zu stören. Trotzdem, der FCSP schaffte es immer und immer wieder die Bälle kontrolliert in das letzte Drittel zu befördern. Ein Beleg dafür sind die gespielten Pässe im Angriffsdrittel (FCSP: 176,  MSV: 88). Erzwungenes Spiel über zweite Bälle? Fehlanzeige. Das führt dann auch zu weit weniger Ballverlusten (gegen Ingolstadt waren es 46, gegen den MSV halb so viele). Nur, es fehlten halt die nötigen Tore. Chancen dafür waren durchaus vorhanden (expected Goals 1,3 zu 0,4).

Somit gewinnt der FCSP mal wieder ein Spiel nicht, bei dem er sich die drei Punkte durchaus verdient hätte. Das hatten wir auch lange nicht mehr. Insgesamt war es aber ein guter Auftritt. Warum es trotzdem Pfiffe für das eigene Team nach Spielende gab, verstehe ich nicht (ohnehin verstehe ich Pfiffe gegen das eigene Team nicht). Nein, es war ein Auftritt mit einer klaren Spielanlage und mit einem gut aufgelegten Zehir, der vor allem in der zweiten Halbzeit einige gute Angriffe initiierte. Mit Alex Meier, der bei langen Bällen von Duisburg defensiv gegen Verhoek agierte und diese Kopfballduelle meist gewann. Leider mit Miyaichi, dem irgendwie das Ballgefühl abhanden gekommen zu sein scheint. Und nein, nicht mit Flum, dem in diesem System von Zehir der Rang abgelaufen wurde. Und leider auch nicht mit Allagui, dem eher ein System mit zwei Stürmern entgegenkommt.

Auf den Rängen wurde dann mächtig an Beziehungen gearbeitet. Es wurden von Nord und Gegengerade viele Herzen in Richtung Südtribüne versendet, welche sich ihrerseits zu Spielbeginn ganz errötet zeigte. Und zusätzlich wurde sich noch kollektiv gegen Kollektivstrafen gestellt. Viel wurde über diese Thematik geschrieben. Sicher wird auch noch viel darüber geschrieben. Ich tue es an dieser Stelle nur kurz: All You Need Is Love!

//Tim

Links:
– Zaphod Beebleblox: Alles schon gesehen, nur mit Toren isses schöner
– Magischer FC: Titel sind überbewertet
– Bilder: Stefan Groenveld: „Sankt Pauli hat die Bombe

16 thoughts on “Ein Rückschlag nach vorn

  1. Slarti says:

    Gegen Hintenrum, wenn vorne dicht ist, ist nichts einzuwenden. Das frustrierende war der Eindruck, das im letzten Drittel immer dann, wenn es wirklich gefährlich hätte werden können, der falsche Pass schlecht gespielt oder der falsche Laufweg gewählt wurde. „Ballbesitzfussball“ ist ja kein Wert an sich, sondern Mittel zum Zweck.

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    1. Tim says:

      Ich geb dir recht, da saß sicher nicht jeder Laufweg und auch nicht jeder Pass.

      Was mich stört ist die Erwartungshaltung, gegen einen tiefstehenden Gegner, der defensiv kaum was zugelassen hat die letzten Spiele, nach zwei deftigen eigenen Niederlagen zuletzt und mit veränderter Taktik.

      Und da der Ball nicht verloren wurde, möchte ich mal behaupten, dass es für einen Großteil im Stadion nicht einfach ist, den falschen Laufweg und falschen Pass zu erkennen (ich tue das meist auch erst im Re-Live). Nein, mein Eindruck ist, dass die recht stumpfen Unmutsäußerungen dem Rückpass an sich galten. Und dafür habe ich kein Verständnis.

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      1. Slarti says:

        Mein Eindruck war eher, dass der Unmut dem Empfinden galt, dass der FCSP noch drölf Tage hätte weiterspielen können, ohne ein Tor zu erzielen. Und das Empfinden hatte ich auch.

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        1. Tim says:

          Eine allgemeine Unzufriedenheit mit lautem Unmut zufällig immer genau in den Momenten, in denen das Spiel hinten herum neu aufgebaut wird? Das mag für dich stimmen, Slarti. Ich möchte aber behaupten, dass ein Großteil derer, die in solchem Momenten pfeifen, etc. sich über den Rückpass als solches aufregten. Und dafür habe ich kein Verständnis.

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          1. Slarti says:

            Ah, ok – Pfiffe habe ich erst ab der 89. Minute mitbekommen und sie dann in den beschriebenen Kontext gestellt.

          2. Tim says:

            Ich möchte sicher auch nicht das Motzen auf den Tribünen allgemein verteufeln. Mir platzt auch häufig genug der Kragen. Nur fand ich es genau in den Momenten eher unangebracht

  2. Paul says:

    Moin,
    super Analyse., wie immer. Danke dafür. Zwei Dinge:
    1. Buchmann spielte meiner Wahrnehmung nach im Offensivmodus viel weiter zurückgezogen. Er war Knolls (so Knoll denn zwischen den Verteidigern stand) dessen erster Anspielpartner in der Mitte. Deswegen war Zehirs Rolle dabei etwas unklar. Sie standen sich da etwas auf den Füßen. In der zweiten Halbzeit übernahm er dann noch mehr Verantwortung im Spielaufbau.
    2. Die Pfiffe ertönten, weil das Team in den letzten Minuten nicht die geforderte Leidenschaft an den Tag legte, das Spiel noch mit allen Mitteln für sich entscheiden zu wollen. Tat sie auch nicht. Trotzdem sind Pfiffe blöd.

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    1. Tim says:

      Moin Paul,

      danke für deine Rückmeldung!
      jo, gerade die Rollen von Knoll und Buchtmann waren auffällig anders als vorher. Knoll positionierte sich relativ hoch, wenn er nicht zwischen die IV fiel. Und Buchtmann ließ sich häufig eben tief fallen, um sich da Bälle abzuholen.

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  3. jens says:

    Freut mich hier wieder ne unaufgeregte Auseinandersetzung mit dem Dargebotenem zu lesen, vielen Dank!

    Hab es ähnlich gesehen und war überrascht, das es grade am Anfang ganz gut lief.
    Hatte Schlimmeres erwartet, sehe deshalb die gehaltene Null und den Punkt als einen Fortschritt.
    Obwohl ich mir im Verlaufe des Spiels mehr erhofft hatte…

    Pfiffe und Unmutsbekundungen kann ich zwar nachempfinden, aber nicht verstehen.

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    1. Tim says:

      Jo, hatte mir auch mehr erhofft. Ganz grundsätzlich hätte das Tor ja auch nur noch fallen müssen (siehe Chnace Meier, xG-Werte)

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