Luhukay raus – alles gut?

Der FCSP trennt sich nach Saisonende von Jos Luhukay. Das war absehbar, aber sorgt weder auf der einen noch auf der anderen Seite für Freudensprünge. Denn das Kernproblem bleibt bestehen und wird nur mit der Neubesetzung des Trainerpostens nicht gelöst sein.
(Titelbild: Peter Boehmer)

Was sich in den letzten Wochen mehr und mehr abzeichnete, wurde gestern Abend dann auch halbwegs offiziell vermeldet: Jos Luhukay wird seinen bis 2021 gültigen Vertrag nicht erfüllen. Nach dem Saisonende nächsten Sonntag wird es nicht weitergehen. Das ist zwar noch nicht offiziell vermeldet, aber das der kicker so einen Wortlaut wählt und das am Ende doch nicht stimmt, ist schon sehr unwahrscheinlich. Und das obwohl es zwei Tage vorher noch anderslautende Meldungen zu einem Verbleib über die Saison hinaus gegeben hatte.
Klar war in jedem Fall schon vor dem gestrigen Spiel, dass es nach Saisonende unabhängig vom Klassenerhalt eine intensive Analyse der Situation geben würde. Und es war bereits mehr als deutlich, dass der Weg des FC St. Pauli nicht weiter mit Jos Luhukay gehen würde.

Damit zieht der FCSP einen Schlussstrich unter eine Beziehung, die als unglücklich bezeichnet werden kann. Sie begann im April letzten Jahres unter gänzlich anderen Vorzeichen, mit formulierten Zielen, die wir heute nicht einmal mehr vorsichtig in den Mund nehmen würden (oder glaubt jemand von euch momentan an den Aufstieg 20/21?). (Anm. Maik: Natürlich! Und DFB-Pokalsieger werden wir auch! #NurNochPositiv)
Und sie begann zu Saisonbeginn 19/20 eben auch mit einer PK, die bereits zeigte, dass Jos keine Lust hat sich an die vorgefundenen Gegebenheiten anzupassen. Es sollte nicht das einzige Mal bleiben, dass es beim öffentlichen Auftreten von Jos Luhukay Berichtenswertes für Medien gab.

Die Hinrunde war schwierig aufgrund von vielen Verletzungen und wohl auch aufgrund der häufiger vorgetragenen deutlichen Kritik von Luhukay an Spielern. Und doch zeigte der FCSP auf dem Platz sehr viel mehr als es die Tabellenposition vermuten ließ: Es gab eine Grundidee von offensivem Fußball. Und mich persönlich (ich habe keine Ahnung, wie oft ich diese Worte bereits geschrieben habe) beeindruckte immer wieder, dass die Gegner in der Hinrunde reihenweise ausgecoacht wurden. Ich war nicht viel weniger als begeistert von der fachlichen Expertise des Trainers.
In der Rückrunde änderte sich jedoch einiges. Gab es vor der Coronapause noch, auch punktemäßig, Gutes zu sehen, so schien die Pause dem Team nicht gutgetan zu haben. Aus spielerischer Sicht stellte die Coronapause einen klaren Bruch dar und der FCSP aus der Hinrunde war nicht mehr zu sehen. Das Gegenteil war der Fall: Die gegnerischen Teams schienen nun ihrerseits gut auf den FCSP eingestellt. Es gäbe wohl nicht viel Widerspruch, wenn ich die Siege gegen Aue und Nürnberg als glücklich bezeichne. Und im gleichen Maße wie der Vorteil auf dem Platz schwand, stieg auch die nach Saisonbeginn in den Hintergrund gerückte Kritik am Führungsstil von Luhukay. Viele störten sich daran, dass Luhukay immer wieder mit deutlicher Kritik an den Spielern öffentlich auffiel. Den für alle unübersehbaren „Gipfel“ der Misstöne zwischen Spielern und Trainer konnten wir dann in der Halbzeitpause des Spiels gegen Aue sehen, als Jos noch auf dem Platz Henk Veerman zusammenfaltete mit der Begründung, dass dieser den (von Diamamtakos verschossenen) Elfmeter hätte schießen sollen. Der Glaubwürdigkeitsfaktor dieser Darstellung leidete enorm, da Henk direkt nach seinem Tor in der ersten Halbzeit zum Stare-Down gen Trainerbank angesetzt hatte. Diesen hatte er anscheinend gewonnen.

(c) Peter Boehmer

Auch dadurch wurde die Kritik am Trainer medial immer lauter. Und immer undeutlicher wurden die Stimmen aus dem Feld der Verantwortlichen, die sich in der schwierigen Phase im Spätherbst 2019 noch klar hinter Jos Luhukay positioniert hatten. Und das ist ja auch immer schon ein Zeichen dafür, dass die Zweifel am Trainer wachsen. Daher wird nun sicherlich niemand den Wechsel auf der Trainerbank als überraschend vermelden.
Es folgte eine spielerische Offenbarung beim Spiel in Hannover. Diese wurde nur noch dadurch getoppt, dass sich Jos auf der Pressekonferenz zu der Aussage hinreißen ließ, dass die Medien gefälligst die Spieler und nicht, wie sonst immer, den Trainer ins Gebet nehmen sollten. Und auch wenn ich diese Meinung inhaltlich nachvollziehen kann, so musste ich meinen Ärger darüber Luft verschaffen. Nur zwei Tage später gab es dann eine weitere Pressekonferenz, die ebenfalls für mediale Aufmerksamkeit sorgte: Denn in einer emotionalen Rede setzte Luhukay zu der These an, dass er eben sehr wohl Kritik an seiner eigenen Person zulasse („Ich bin mein größter Kritiker!„). Eine Aussage, die im Kontext der gesamten Saison zumindest zweifelhaft erscheint. Aber die PK zeigte in jedem Fall, dass sich Jos Luhukay den Ernst der Lage um seine Person bewusst gemacht hatte. Es blieb bei dem Versuch die Dinge in ein anderes Licht zu rücken.

Jos Luhukay war mit klaren Absichten gestartet: Er wollte und sollte im Team aufräumen. Er sollte den Schlendrian in der Truppe auflösen, die Spieler dazu bringen, das Maximale aus sich herauszuholen und eben auch immer ein wenig mehr als vom Trainer verlangt zu tun. Dieser Vorwurf an den Kader ist nicht neu. Er wurde bereits unter Kauczinski klar geäußert, sogar Ewald Lienen ärgerte sich häufig über sein Team.
Und was tut man, wenn es unter Variante A (Kauczinski) nicht funktioniert? Man versucht es mit Variante B. Jos Luhukay war auch bei seinen vorherigen Trainerstationen nicht dafür bekannt, dass er ein dicker Buddy der Spieler ist. Wenn ich mich auf ein Wort zu seiner Person beschränken müsste, dann wäre es wohl „Grantler“. Aber das beschreibt ihn eigentlich völlig unzureichend, denn ich habe Jos Luhukay von außen als einen Getriebenen, vom Ehrgeiz zerfressenen, alles dem Erfolg unterordnendem Perfektionisten wahrgenommen. Und als jemand, der sich nicht viel daraus macht, wie er damit bei anderen Leuten ankommt. Nur war eben der letztgenannte Punkt ein großes Problem.

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Denn Jos Luhukay ist nicht daran gescheitert, dass sein Team sich fußballerisch nicht verbessert hätte. Im Gegenteil, Jos hat einzelne Spieler, aber auch das gesamte Team spielerisch besser gemacht (wenngleich die Ergebnisse fehlten). Jos Luhukay ist auf menschlicher Ebene gescheitert. Und das ziemlich krachend. Ich schrieb bereits letzte Woche, dass es aufhören muss, dass ein Trainer des FCSP immer und immer wieder seine Spieler in aller Öffentlichkeit rundmacht. Das können wir drehen und wenden, wie wir wollen: Es passt einfach nicht zu uns als Verein. Und da ist es auch, und das ärgert mich schon ziemlich, unwichtig, dass Jos mit seiner Kritik am Kader meist nicht einmal Unrecht hatte. Aber auf dem Weg zu einer anderen Mentaliät in der Kabine hat er diese wohl verloren.

Jos Luhukay steht also beim FCSP in der nächsten Saison nicht an der Seitenlinie. Der Großteil des Kaders wird jedoch auch weiterhin bei uns in Lohn und Brot stehen. Und das ist womöglich, wie bereits häufig beschrieben, ein Problem. Denn obwohl der Kader zweifelsohne über großes Potenzial auf einzelnen Positionen verfügt, erscheint es, als wenn die Spieler das Maximum ihrer Leistungsfähigkeit nicht oder nur zu selten erreichen. Und das liegt nicht an Jos Luhukay und einem schlechten Führungsstil. Zumindest ist es nicht erst aufgrund seines Führungsstils passiert. Nein, an diesem Thema sind auch vorherige Trainer gescheitert. Es liegt an den Spielern höchstselbst. Daher ist es natürlich mehr als ärgerlich, dass den Spielern mit der Absetzung des Trainers nun einmal mehr eine Art Alibi verschafft wird für die Nicht-Leistungen, die sie teilweise geboten haben.

Jos Luhukay wurde also ans Millerntor geholt, um die Probleme im Kader zu lösen. Er hat diese Problematik über die gesamte Saison deutlich angesprochen, wurde aber mehr und mehr zum Teil des Problems. Und mit seiner Absetzung werden die Probleme nicht gelöst sein. Denn es bleibt ein weiterhin übervoller Kader, der anscheinend die nötige Eigenmotivation vermissen lässt. Auch der nächste Trainer wird mit diesen Problemen konfrontiert werden. Denn ohne einige Abgänge im Kader wird es auch nicht übermäßig viele Zugänge geben. Und die Winterpause hat gezeigt, dass es einige Spieler gibt, die trotz der Aussichtslosigkeit beim FCSP nicht unbedingt den Verein wechseln wollen – mutmaßlich aufgrund in der Vergangenheit unterschriebener üppig dotierter Verträge, was man ihnen ja nicht mal vorwerfen kann. Eine Mammutaufgabe für Sportchef Andreas Bornemann. Denn was es beim FCSP braucht, ist ein kompletter Umschwung der Mentalität. Und diesen bekommen auch viele andere Teams nicht hin (Hallo hsv!). Und andersherum leben viele Teams auch davon, dass sie im Kader eine gewissen Mentalität haben (Hallo Heidenheim!). Die musst Du erstmal aus dem Team herausbekommen. Das wird nicht hauptsächlich durch einen Trainerwechsel möglich sein.

Ich werde mich sicherlich nicht an Diskussionen um einen Nachfolger von Jos Luhukay beteiligen. Aber es liegt der Name eines aktuellen U19-Trainers auf der Hand. Von außen betrachtet gibt es nicht viel, was gegen Timo Schultz spricht. Da können wir uns sicher sein, dass sich auch die Verantwortlichen dessen bewusst sind. Aber natürlich wäre es ziemlich unprofessionell, wenn man nicht trotzdem auch andere Optionen in Betracht ziehen würde. Die Liste an Trainern, die gerade bei keinem Verein (oder zumindest nach Saisonende) in Lohn und Brot stehen, ist lang. Beispiele? Schwarz, Meyer, Grammozis, Zorniger. Sicher werden auch Namen von Trainern gehandelt, die bei anderen Teams erfolgreiche Arbeit nachgewiesen haben (Thioune, Baumgart, ein Blick in die 3. Liga lohnt sicher auch). Egal wer es wird, solange der Schlendrian im Kader bestehen bleibt werden wir uns sportlich nicht verbessern.

Was bleibt ist ein Scheißgefühl. Das leider passende Ende zu einer enttäuschenden Saison. Das Team erscheint nicht als solches sondern eher wie ein Scherbenhaufen an Einzelspielern. Das Präsidium musste erkennen, dass die selbsternannte 1A-Lösung so nicht funktioniert hat und der Sportchef hat die undankbare Aufgabe nun neben einer Baustelle der Größe des Berliner Flughafens namens Kader auch noch einen neuen Trainer für die Baustelle zu suchen (nein, Bob, der Baumeister wird es leider nicht). Und das alles findet auch noch aufgrund der Coronakrise im Rahmen einer doch recht ungewissen (finanziellen) Zukunft statt, wodurch es womöglich noch weniger Abnehmer für Spieler geben wird.
Sicher ist: Diesen Sommer wird nahezu jeder Handgriff sitzen müssen.

// Tim

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