FC St. Pauli – SpVgg Greuther Fürth 2:1 – Reife (Team-)Leistung

FC St. Pauli – SpVgg Greuther Fürth 2:1 – Reife (Team-)Leistung

Der FC St. Pauli gewinnt in einem wirklich ansehnlichen Spiel gegen Greuther Fürth. Zwei frühe Tore kurz nach Anpfiff halfen dabei enorm. Die Art und Weise wie der Vorsprung gegen eines der besten Teams der 2.Liga gehalten wurde, lässt sich als reife Leistung bezeichnen. Denn bis auf den Anschlusstreffer ließ der FCSP in der zweiten Halbzeit wenig bis gar nichts zu.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Die Aufstellung

Zwei Veränderungen gab es im Vergleich zur Niederlage in Düsseldorf. Für Tore Reginiussen rückte Philipp Ziereis wieder in die Startelf. Reginiussen war nicht ganz fit, weshalb er auch gar nicht im Kader auftauchte. Auf der Sechs startete Rico Benatelli wieder anstelle von Afeez Aremu.
Keine Wechsel gab es bei Greuther Fürth. Der angeschlagene Paul Jaeckel wurde noch rechtzeitig wieder fit und konnte starten. Nach dem überzeugenden 3-0 zuletzt gegen Osnabrück gab es nicht viel Anlass zum wechseln.

Somit starteten beide Teams im zuletzt praktiziertem 4-4-2 mit einer Mittelfeldraute. Ich hatte im Vorbericht überlegt, dass der FCSP als Reaktion auf die ziemlich starke Raute von Fürth mit einem 3-5-2 reagieren könnte. Das wäre aber natürlich die Variante „Wir stellen uns auf den Gegner ein, weil wir unserem Spiel nicht vollends vertrauen“ – ich muss mich auch nach nun inzwischen mehr als drei Monaten daran gewöhnen, dass der FCSP ebenfalls ein funktionierendes Spiel hat und sich nicht immer komplett dem Gegner anpassen muss. Das ich so denke liegt wohl daran, dass es jahrelang genauso praktiziert wurde. Welche Wohltat, das dem nicht mehr so ist.

Spieglein, Spieglein…

Schon bemerkenswert wie ähnlich beide Teams den Spielaufbau gestalteten, aber dann doch, trotz gleicher Grundordnung unterschiedliche Wege gingen. Beide Teams pressten relativ hoch, Greuther Fürth sogar sehr hoch, sodass gerade der FCSP ein paar Probleme mit dem geordneten Aufbauspiel hatte. Fürth hingegen konnte das hohe Pressing des FCSP einige Male umspielen und brach dabei meist immer auf der Außenbahn durch. Allerdings scheiterte das Team sehr oft an der gut arbeitenden Defensivzentrale des FCSP. Das soll aber das Pressing des FC St. Pauli gar nicht schlechtreden, denn es gibt inzwischen einen deutlichen Schritt nach vorne beim Verhalten im Team-Verbund.

Dass die Außenverteidiger der Gegner meist von den Halbpositionen, also zuletzt immer von Zalazar und Becker angelaufen werden, hatte ich ja bereits mehrfach beschrieben. Dieses Anlaufverhalten gibt es auch weiterhin. Allerdings nur, wenn die Außenverteidiger noch nahe genug am eigenen Tor stehen. Wenn sie hingegen weiter vorne positioniert sind, dann übernehmen die Außenverteidiger des FCSP das Anlaufen, während die Spieler auf den Halbpositionen im Zentrum bleiben. Dieses Anlaufverhalten sorgt dafür, dass die gesamte FCSP-Viererkette deutlich auf die ballnahe Seite schieben muss. Das kann zu Fehlern führen, wenn die Abstände nicht stimmen. Allerdings ist der Vorteil, wenn die Halbpositionen zentral bleiben können enorm und der FCSP hat es schon ganz gut hinbekommen im Team das Pressing so zu variieren und zu verschieben.

Gegen Fürth konnten Zalazar und Becker somit häufig im Zentrum bleiben. Wenn sie dennoch mal auf die Außenverteidiger pressten (wenn diese tief in der eigenen Hälfte standen), waren es Zander und Paqarada, welche die Deckung der Gegenspieler im Zentrum übernahmen, sich also auf die Halbposition bewegten. Diese Übergabe der Deckungsaufgaben im Zentrum funktionierte ziemlich gut, sodass Greuther Fürth sein eigentlich sehr rund laufendes Aufbauspiel zwar teilweise durchbrachte, aber eben nicht mehr in der Häufigkeit wie in den meisten Spielen dieser Saison.

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Varianten im Anlaufverhalten bei Ballbesitz der gegnerischen Außenverteidiger:
links: Anlaufverhalten bei eher tiefstehenden Außenverteidigern – bei dieser Konstellation waren es weiterhin die Halbpositionen, die anliefen. Die FCSP-Außenverteidiger rückten dann vor auf die Halbpositionen.
rechts: Anlaufverhalten bei hochstehenden Außenverteidigern – Zentrum bleibt dicht und die Außenverteidiger schieben direkt rauf auf die gegnerischen Außenverteidiger. Hierbei muss die eigene Viererkette mit verschieben, da sich sonst im Rücken Räume für tiefe Läufe ergeben.

Oops… they did it again

Joa, der Spielverlauf ist dann so in etwa auch zu erwarten gewesen, sag ich mal ganz locker. Zumindest von all denen, die diesen Artikel zu den Leistungen in den einzelnen Spielabschnitten gelesen haben. Der FC St. Pauli zeigte einmal mehr, dass er besonders in den ersten Minuten eines Spiels richtig stark ist und ging nicht unverdient durch Luca Zander im Anschluss an einen Eckball in Führung. Drei Torschüsse in der Anfangsviertelstunde gab der FCSP ab, Fürth keinen einzigen (xG: 0.47 – 0.0).

Aber wer den Artikel gelesen hat, wusste auch, dass der FCSP in der letzten Viertelstunde der ersten Halbzeit alles andere als dominant ist. So auch gestern als Fürth in diesem Abschnitt vier Torschüsse abfeuerte und der FCSP keinen. Die Viertelstunde vor der Pause war also mal wieder die schlechteste des FCSP (xG: 0.0 – 0.56).

Ich kann mir weiterhin nicht erklären, wie dieser Unterschied zustande kommt, was dazu führt, dass der FCSP immer stark aus, aber schwach in die Kabine kommt. Aber natürlich nehme ich jede Führung gerne mit. Denn das ist so ziemlich das beste, was dem FCSP passieren kann:

Was Stefan Leitl sagt

Um hier zu gewinnen, musst Du in Führung gehen“ – Sicher haben es andere Trainer auch schon gedacht, aber bisher hat es noch niemand so deutlich ausgesprochen, wie Stefan Leitl, Trainer von Greuther Fürth, auf der Pressekonferenz nach dem Spiel. Der machte, gut angefressen ob der Niederlage und da ihm viermal die nahezu identische Frage gestellt wurde, ganz deutlich, wie schwer ein Spiel gegen den FCSP in Rückstand zu spielen ist. Denn das Prunkstück ist und bleibt das sehr gute Umschaltspiel. Liegt ein Team zurück und riskiert offensiv mehr, ergeben sich zwangsläufig mehr und mehr Räume für Konter. Diese Räume hat der FCSP in dieser Saison immer nutzen können, da die Spieler im Team tempomäßig bärenstark sind. Die frühen Tore spielen den Stärken des FCSP also perfekt in die Karten.
„Das entscheidende Tor nicht zu früh schießen“ sagt Blog-Kollege Maik immer gerne. Für den FCSP kann ein Spiel aktuell jedoch nicht besser laufen als mit einer frühen Führung, da sie häufig genug bereits eine Art Vorentscheidung ist.

Leicht angefressen nach dem 0-1, die Fürther…
(imago images/via OneFootball)

Dabei lief nach der frühen Führung in der ersten Halbzeit weit alles nicht so rund, wie geplant. 75 Ballverluste stehen in den ersten 45 Minuten in der Liste des FCSP. Das sind enorm viele (Fortuna Düsseldorf hatte im Spiel gegen den FCSP 88x den Ball verloren. Allerdings über die gesamte Spielzeit).
Sinnbildlich für dieses sehr unrunde Spiel war einmal mehr Omar Marmoush. Jeder fünfte Ballverlust ging auf seine Kappe. Eine richtig unglückliche Halbzeit für ihn. Aber er zog sich zusammen mit dem Team wieder aus dieser Phase heraus: Mit Anpfiff zur zweiten Halbzeit zeigte der FCSP ein anderes Gesicht.

Hexer Zalazar und eine wundervolle Zahlenkombination

Als Timo Schultz das erste Mal beim MillernTon zu Gast war, hat er sehr eindrücklich davon berichtet, worauf bei der Entwicklung von Jugenspielern geachtet wird. Er betonte unter anderem, dass Spieler sich mit ihren Skills von anderen Spielern abheben müssen, mit einer Art „signature move“ – wenn ich das besondere Können von Rodrigo Zalazar beschreiben müsste, dann würde ich genau das beschreiben, was kurz nach Anpfiff der zweiten Halbzeit passierte: Zalazar erhielt links hinten den Ball und hatte mehrere Gegenspieler vor sich. Mit einer unnachahmlichen Beschleunigung zog er diagonal nach vorne (einzig Marmoush kann da vom Tempo her mithalten). Keiner konnte ihm folgen. Die Überzahl, die Fürth dort aufgebaut hatte, verpuffte. Er dribbelte bis kurz vor den gegnerischen Strafraum. Während des Dribblings verließen mehrere Spieler ihre Position, weil sie Zalazar anlaufen wollten, der jedoch mit viel höherem Tempo einfach vorbeizog. Dieses Lösen der Gegenspieler aus der Kette sorgte unter anderem dafür, dass Guido Burgstaller völlig blank links am Strafraumeck war.
Die Bewegung von Zalazar, sie ist eigentlich nicht zu verteidigen. Vor allem deshalb nicht, da er immer seinen Körper zwischen Ball und Tor hat. Seine Dribblings funktionieren also ähnlich wie die von Arjen Robben, der als Linksfuß auf rechts spielt. Zalazar macht es andersrum und aus einer tieferen Position. Der Wert dieser Dribblings ist unglaublich hoch und aus dieser Position definitiv ein „signature move„, der ihm sicher die ein oder andere Tür bei (sportlich) höherklassigen Vereinen öffnet.

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Wenn ich in zehn Jahren einmal an Rodrigo Zalazar beim FCSP zurückdenke, dann werde ich seine tiefen Dribblings vermissen.
(c) Peter Böhmer

Drei Spiele lang hat Guido Burgstaller nicht getroffen und er hat dabei sämtlichen gesetzten Trigger-Versuchen widerstanden. Aber nicht, weil er es nicht kann, das Toreschießen. Nein, Guido Burgstaller ist einfach ein feiner Kerl, der genau weiß, was sich ziemt, was das FCSP-Herz erwärmt. Denn gestern machte er in seinem 19.Spiel für den FCSP sein 10.Tor – hach, wenn das kein Liebesbeweis ist, dann weiß ich auch nicht.
Und dreimal dürft ihr raten, wie viele Torbeteiligungen Daniel-Kofi Kyereh nach 19 Spielen im FCSP-Dress in der zweiten Liga hatte? Leute, ich bin da einer ganz heißen Sache auf der Spur!
Gegen Kiel könnte Omar Marmoush übrigens seinen 19.Einsatz für den FC St. Pauli machen. Aktuell hat er acht Torbeteiligungen…

Zurück zum Spiel:
Direkt nach dem 2-0 und zwischen der 65. und 75.Minute hatte der FCSP die beste Phase des Spiels und produzierte gute Situationen am Fließband. Ein weiteres, vorentscheidendes Tor entsteht daraus aber leider nicht. Auf der anderen Seite entsteht aber auch wenig Gefahr für das Tor von Dejan Stojanović. Zu gut verteidigte der FCSP viele Situationen, meist immer dann, wenn der Ball das Zentrum erreichte. So darf sich der FCSP am Ende sogar darüber ärgern, dass er sich noch ein Gegentor fing und die richtig gute Abwehrarbeit in der zweiten Halbzeit nicht belohnt wurde.
In der Summe geht dieses Tor aber durchaus in Ordnung, da Fürth in der ersten Halbzeit einige Chancen liegengelassen hat bzw. Stojanović einige Dinger hielt.

Könnt ihr die Tabelle lesen?

Jaja, ich kann die Tabelle lesen. Jaja, solange es möglich ist, möchte auch ich noch aufsteigen und den Funken Hoffnung nicht aufgeben. Aber: Die aktuelle Tabelle suggeriert eine sehr viel größere Chance, als sie es eigentlich ist. Zwar sind es aktuell „nur“ vier Punkte Rückstand, aber der FCSP ist zusammen mit Heidenheim das Team ohne noch zu spielende Nachholpartien. alle anderen Teams darüber können punktemäßig noch weiter wegziehen. Fürth spielt z.B. unter der Woche gegen Sandhausen. Auch der HSV und Düsseldorf haben noch je ein Nachholspiel. Holstein Kiel hat sogar vier Spiele weniger als der FCSP und auch der KSC könnte bei aktuell acht Punkten Rückstand auf Rang drei aber auch drei Spielen weniger noch eher eingreifen als der FCSP.

Da müsste also schon sehr viel richtig laufen für den FCSP, damit da noch was geht. Selbst wenn die letzten drei Spiele allesamt gewonnen werden, ist es eher unwahrscheinlich, dass die anderen Teams sich in Niederlagen überbieten. Ist aber natürlich egal, völlig schnuppe, wie genau wir das nun schaffen und wie aussichtslos die Situation nach 31 Spielen gewesen ist. Denn da Omar im nächsten Spiel ja an zwei Toren direkt beteiligt ist, ist der Anfang bereits gemacht.

Immer weiter vor!
// Tim

(Sofern nicht anderweitig markiert, stammen sämtliche Statistiken von Wyscout)

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10 thoughts on “FC St. Pauli – SpVgg Greuther Fürth 2:1 – Reife (Team-)Leistung

  1. Superbericht wie immer!

    Apropos Aufstieg, um noch ein bisschen mehr Motivation im Millernton Team zu erzeugen (weiß nicht ob das nötig ist): ich hab vor der Saison ein bisschen (oder ein bisschen mehr) Geld auf den Aufstieg gesetzt, und denke ich kann dem Millernton 500 Euro spenden falls der Aufstieg noch klappen sollte. Also, drückt die Daumen ?.

  2. Durchschnittliche Punktzahl
    der Plätze 1-4 in der BL2 seit
    Einführung der 3Pkt-Regel in
    der Saison 1995/1996:
    1. 68 (1692/25)
    2. 62 (1557/25)
    3. 60 (1493/25)
    4. 57 (1417/25)

    56 Punkte werden wohl zu wenig sein,
    um noch in die Lotterie „Relegation“ zu
    kommen. Mit 59 Punkten sind wir allerdings
    1994-95 als Zweiter hinter Hansa (65 P)
    aufgestiegen (SUN 15-14-5).

  3. Moin Tim,
    danke. Zu RZ8. Transfermarkt schaut man nicht, shame on me. Jedenfalls kann man anhand der Kurve exponentielles Wachstum erklären.
    Bis zum siebten, im Mai.

  4. Moin Tim,
    wieder eine schöne Analyse von Dir hier, jedoch bei den Aufstiegsträumereien bin ich absolut nicht dabei, zum einen möchte ich die Geldvereine mittlerweile nicht mehr am Millerntor begrüßen wollen, zum anderen sehe ich lieber Unseren eigenen Nachwuchs erfolgreich hier kicken, dieses wäre in LigaEins dann eher noch unwahrscheinlicher…
    „Ich liebe Dich, ich träum von Dir …“
    GlG
    Micky

  5. Moin Tim, klasse Analyse, lese ich immer gerne!
    Danke für den Hinweis auf den MT39 mit Schulle, den kannte ich noch nicht und es ist ein große Spaß die Folge zu hören.

    VG Tom

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