Vorbericht: 1. FC Heidenheim – FC St. Pauli (26. Spieltag, 22/23)

Vorbericht: 1. FC Heidenheim – FC St. Pauli (26. Spieltag, 22/23)

Der FC St. Pauli reist zum Top-Spiel nach Heidenheim. Dort erwartet den FCSP ein formstarker Gegner. Und zudem droht ein möglichwerweise schwerwiegender Ausfall. Der Vorbericht.
(Titelbild: Peter Boehmer)

Das „Vor dem Spiel“-Gespräch führte Casche mit einer neuen Stimme des Heidenheimer Kosmos: Petra Neher feierte zuletzt im Rasenfunk ihr Debüt und wurde daraufhin direkt vom MillernTon gescoutet. Hört gerne mal rein.
Den Spielbericht werdet ihr höchstwahrscheinlich erst am Montag hier auf der Seite finden. Familiäre Verpflichtungen über Ostern, ihr kennt es vielleicht (das Argument „Sonderzug“ hätte ich aber natürlich lieber genannt). Das Spiel kann ich schauen, für eine direkte Analyse wird die Zeit aber nicht reichen.

Der Blick zurück

Großer K(r)ampf
Was den FC St. Pauli ganz sicher gegen Heidenheim erwartet, ist die große Herausforderung in Sachen Intensität. Heidenheim ist das deutlich laufstärkste Team der Liga und der FCSP versuchte im Hinspiel mit allen Mitteln dagegenzuhalten. So sehr, dass sogar Marcel „Die Lunge“ Hartel kurz vor Ende den ersten Krampf seines Lebens hatte. Und Krampf ist dann auch das Wort, was zu diesem Spiel passte.

Freude, schöne Defensive
Wenn die beiden Teams am 27. Spieltag 22/23 aufeinandertreffen, dann ist es ein Top-Spiel. Das war es auch im Frühjahr 2022 am 27. Spieltag und da gewann der FC St. Pauli knapp, aber verdient mit 1:0 und machte vermeintlich einen sehr großen Schritt in Richtung Aufstieg, übernahm wieder die Tabellenführung. Wenige Tage danach trat der FCSP in Rostock an…

So spielt ein Aufs… gewinnt man in Heidenheim!
Wirklich berauschend war der letzte Auftritt des FC St. Pauli auf der Ostalb. Innerhalb kürzester Zeit drehte das Team einen Rückstand und gewann am Ende mit 4:2 in Heidenheim. Sollte es diesen Samstag auch wieder ein solches Ergebnis geben, dann habe ich gar keine Probleme damit noch einmal den Titel des damaligen Artikels zu verwenden.

Into the wild!
Sowieso auswärts in Heidenheim: Jahrelang gab es da für den FC St. Pauli weder Punkte noch Tore zu holen und dann gab es zwei Spiele in Serie mit vier FCSP-Treffern bei den sonst so heimstarken Heidenheimern. Und das in äußerst gewöhnungsbedürftiger Trikotkombination…

Effizienz ist die Faulheit der Intelligenten
Und gleich noch einmal vier FCSP-Treffer gegen Heidenheim. Zu Beginn der Saison 20/21 zeigte sich der FC St. Pauli enorm effizient. Was damals niemand wusste: Es sollte mehr als ein Dutzend Spiele dauern, bis der FCSP danach wieder ein Spiel gewinnen konnte.

Heidenheim – das übliche, dies das
Wie bescheiden, aber irgendwie auch schön (vor allem aber lange) Auswärtsfahrten nach Heidenheim sind, liefert der letzte Bericht in dieser Liste. Und was in puncto Aggressivität notwendig ist, um auswärts in Heidenheim zu bestehen. Nein, so ein Spiel brauche ich nicht noch einmal.

FC St. Pauli: Wer kann spielen, wer fehlt?

Ich hatte gehofft, dass ich unter dieser Überschrift die „üblichen Verdächtigen“ aufzählen und dann schnell weiter zum kommenden Gegner ziehen kann. Aber nein, ein Ausfall von Eric Smith droht. Der Abwehrchef hat Probleme am Hüftbeuger und musste deshalb das Traning unter der Woche abbrechen. Der Verein vermeldete, dass sein Einsatz „fraglich“ sei, was an sich schon verwunderlich ist, da leichtere Blessuren eigentlich nicht mehr vermeldet werden. Entsprechend vermuten einige dahinter einen Bluff.

Hamburg, Deutschland, 01.10.2022 - Eric Smith (FC St. Pauli) im Spiel gegen den 1. FC Heidenheim - Copyright: Peter Boehmer
Eric Smith droht gegen den 1. FC Heidenheim auszufallen.
(c) Peter Boehmer

Ich persönlich halte einen Einsatz für unwahrscheinlich. Bei Smith ist aufgrund seiner Verletzungshistorie besondere Vorsicht angebracht. Klar, das Spiel in Heidenheim gehört sicher zur Fraktion „Do or Die“ in Sachen Aufstiegskampf. Aber ich denke nicht, dass hier Risiko eingegangen wird, auch wenn ein Ausfall von Smith ziemlich schwer wiegen dürfte.

Klar ist, dass Etienne Amenyido, David Nemeth, Igor Matanovic und Maurides für die Partie ausfallen werden. Auch Sören Ahlers wird aufgrund einer Sehnenverletzung fehlen, wäre aber vermutlich als dritter Torwart eh nicht mit nach Heidenheim gereist.

1. FC Heidenheim: Wer kann spielen, wer fehlt?

Von Seiten des 1. FC Heidenheim gibt es zwei Veränderungen im Kader: Andreas Geipl ist wieder fit und Denis Thomalla steht nach seiner Sperre von zwei Spielern wieder zur Verfügung, wie Frank Schmidt auf der sehr angenehmen Pressekonferenz vermeldete. Ob Lennard Maloney, der aufgrund einer Rippenprellung gegen Kaiserslautern ausgewechselt wurde, einsatzfähig ist: unklar.

Sicher fehlen werden aber Nachwuchsangreifer Elidon Qenaj aufgrund einer Knieverletzung und der in dieser Saison schon groß aufspielende Adrian Beck aufgrund einer Achillessehnenoperation. Ansonsten ist der 1. FC Heidenheim von Verletzungen eher verschont geblieben, aber das ist eh eines der Merkmale des Teams, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt.

Was hat Heidenheim zu bieten?

Klar, der FC St. Pauli ist mit neun Siegen in Serie das Team der Rückrunde. Aber auch der 1. FC Heidenheim ist in absoluter Topform: Von den letzten 14 Spielen ging nur eines verloren (überhaupt erst drei Niederlagen in dieser Saison). Zehn Siege holte das Team von Schmidt in dieser Zeit und steht völlig zurecht auf dem zweiten Tabellenplatz. Zu diesem Zeitpunkt der Saison muss man ganz klar sagen: Die Heidenheimer hätten den Aufstieg verdient.

Pizza-Grafik mit Kern-Statistiken des 1. FC Heidenheim nach 26 Spieltagen der 2. Bundesliga-Saison 22/23

Verdient wäre ein Aufstieg nicht nur aufgrund der Leistungen in dieser Saison. Der 1. FC Heidenheim mischt seit Jahren immer wieder oben mit in der Tabelle der zweiten Liga, spielt ein fast konstant hohes Niveau. Ich möchte behaupten, dass ich einige Teams der Liga einzig anhand ihrer Pass- und Lauf-Statistiken identifizieren kann. Beim 1. FC Heidenheim ist dies am einfachsten.

Heidenheim mit markanten Merkmalen…

Denn im Lauf der Jahre veränderten sich die Grundprinzipien nur ganz leicht und entsprechend sind auch die Statistiken immer mit den gleichen Ausschlägen vorhanden. Der 1. FC Heidenheim ist seit Jahren das laufstärkste Team der Liga. Egal ob Laufdistanz, Anzahl der Sprints oder Anzahl der intensiven Läufe – überall setzt dieses Team den Maßstab. Seit Jahren, immer wieder. Übrigens ist seit dieser Saison der FC St. Pauli das zweitstärkste Team in Sachen Läufe.

Ebenfalls ziemlich markant ist die Stärke in der Defensive. Der 1. FC Heidenheim stellt seit Jahren immer wieder eine der besten Defensiven der Liga, in dieser Saison haben sie bisher die drittwenigsten Gegentore bekommen. Das ist ein Ausdruck der extrem körperlichen Spielweise. Die Heidenheimer führen die zweitmeisten Zweikämpfe und die meisten Kopfballduelle, jeweils mit guten Erfolgsquoten (der FCSP ist übrigens das zweikampfstärkste Team der Liga). Das Team von Frank Schmidt agiert dabei nur partiell mit einem hohen, aber immer mit einem intensiven und sehr gut abgestimmten Pressing.

Hamburg, Deutschland, 18.03.2022 - Frank Schmidt, Trainer des 1. FC Heidenheim beim Spiel gegen den FC St. Pauli - Copyright: Peter Boehmer
Frank Schmidt war schon Cheftrainer in Heidenheim als Fabian Hürzeler noch als Jugendspieler aktiv war.
(c) Peter Boehmer

Und noch etwas ist markant: Der 1. FC Heidenheim spielt nach Ballgewinn sehr vertikal, also sehr schnell ins letzte Drittel. Es wird seltener ruhig aufgebaut, sondern eher der Risikopass nach vorne gewählt. Das zeigt sich auch daran, dass das Team die drittmeisten Pässe in das letzte Drittel spielt, aber die drittwenigsten davon erfolgreich sind (und auch diese Statistik ist seit Jahren nahezu unverändert).

Wie gelingt es, dass ein Team seit Jahren fast unverändert auf so einem hohen Niveau agiert? Eigentlich sind gewisse Abnutzungserscheinungen in der Zusammenarbeit von Trainern und Spielern normal. Irgendwann kann das Rad nicht mehr so überdreht werden, irgendwann zünden die (rhetorischen) Impulse des Trainers nicht mehr. Wie schafft Frank Schmidt es als Trainer von seinem Team immer diesen maximalen Einsatz herauszuholen, Fabian Hürzeler?

„Der erste Punkt ist eine klare Spielidee zu haben, sodass er immer Klarheit, Transparenz und Konsequenz den Spielern gegenüber ausüben kann. Er weiß wie er spielen will und wenn das ein Spieler nicht macht, dann, glaube ich, dass er sehr kosequent sein kann. Der zweite Punkt, und der ist viel wichtiger, ist die menschliche Komponente. Du musst eine Mannschaft immer packen und greifen können. Das schafft er auf seine Art und Weise wirklich sehr beeindruckend. Deshalb ist er für mich einer der besten, wenn nicht sogar der beste Trainer der Liga.“

Fabian Hürzeler über die Arbeit von Frank Schmidt in Heidenheim

…und gnadenloser Effizienz

Aber eine Sache hat sich verändert bzw. ist in dieser Saison noch etwas extremer als in den Vorjahren und damit einer der Hauptgründe, warum Heidenheim in dieser Saison der Aufstieg zuzutrauen ist: Aus der Pizza-Grafik wird deutlich, dass das Team von Frank Schmidt zwar die meisten Tore erzielt hat, aber beim xG-Wert nur auf Platz 13 liegt. Der Unterschied zwischen xG-Wert und real erzielten Treffern liegt bei 19 (!) Toren. Die Effizienz vor dem gegnerischen Tor ist unfassbar hoch (zum Vergleich: auf Platz 2 liegt Arminia Bielefeld mit einem Wert von +4.9).

All diese Eigenschaften, die den 1 FC Heidenheim ausmachen, finden sich vor allem in einem Spieler wieder: Tim Kleindienst hat die meisten Zweikämpfe und die meisten Kopfballduelle aller Spieler in der Liga gewonnen. Zudem hat er die meisten intensiven Läufe und die drittmeisten Sprints gezogen (Teamkollege Jan-Niklas Beste führt hier das Tableau an). Und nicht zuletzt hat er bei einem xG-Wert von 10.5 satte 20 Treffer erzielt. Kleindienst ist sicher der Top-Stürmer der Liga, aus meiner Sicht ist er auch ein Top-Defensivspieler, wenn man sieht, wie viel er im Pressing investiert. Diese Kombination macht ihn dann wohl zum aktuell besten Spieler der 2. Bundesliga.

Hamburg, Deutschland, 01.10.2022 - Tim Kleindienst (1. FC Heidenheim) und Afeez Aremu (FC St. Pauli) im Zweikampf - Copyright: Stefan Groenveld
Tim Kleindienst führt mit 20 Treffern die Torschützenliste der 2. Bundesliga an.
(c) Stefan Groenveld

Mögliche Aufstellung

Mit der Rückkehr von Denis Thomalla (Schmidt: „Da mache ich kein Geheimnis: Der Denis wird auflaufen“) ist die geballte offensive Power des 1. FC Heidenheim wieder gemeinsam auf dem Platz versammelt. Thomalla, Kleindienst, Beste und der zuletzt richtig starke Florian Pick sind zusammen für 36 der 52 Heidenheimer Tore verantwortlich.

Keine Abweichung ist von der Grundformation des 1. FC Heidenheim zu erwarten. Frank Schmidt vertraut da bereits seit langer Zeit auf eine Formation mit einer Viererkette, mal mit einem, mal mit zwei Sechsern davor, immer aber mit offensiven Außenbahnspielern. Zuletzt agierte das Team mit einem recht klaren 4-2-3-1. Für Thomalla, der als hängende Spitze agiert, muss wohl Kevin Sessa weichen.

Erwartete Aufstellung beim Spiel 1. FC Heidenheim gegen FC St. Pauli
Erwartete Aufstellung beim Spiel 1. FC Heidenheim gegen FC St. Pauli

Wer könnte Smith ersetzen?

Schweren Herzens wird beim FC St. Pauli wohl eine personelle Veränderung anstehen. Für den Ausfall von Eric Smith stünden zwei Spieler als Ersatz bereit: Betim Fazliji könnte die Rolle im Aufbauspiel ausfüllen und vertrat Smith bei seinem letzten Ausfall gegen Magdeburg, allerdings leider nicht überzeugend. Die andere Option gab es beim vorletzten Smith-Ausfall: Adam Dźwigała übernahm in Nürnberg den Posten als rechter Innenverteidiger, Jakov Medić rückte auf die zentrale Position in der Kette.

Ich tippe auf die zweite Variante, da der FC St. Pauli laut Hürzeler zwar nicht mannorientiert auf Tim Kleindienst reagieren möchte („Wir können ihn nur gemeinsam verteidigen“), aber sehr wohl auf die Stärke der Heidenheimer bei Flanken vorbereitet sein muss. Und da ist Dźwigała wohl die bessere Option.

In der Offensive hatte der FC St. Pauli vor allem zuletzt gegen Jahn Regensburg Probleme. Das eigene Aufbauspiel war doch sehr stark durchsetzt mit individuellen Fehlern, aber die Regensburger hatten auch gute Antworten auf das Positionsspiel des FCSP gefunden (genau das betont übrigens auch Frank Schmidt auf der Pressekonferenz). Muss man nun gegen so ein starkes Umschaltteam wie Heidenheim besondere Vorsicht im Aufbauspiel walten lassen, Fabian Hürzeler?

„Natürlich werden wir gegen so eine Mannorientierung von der Positionierung, von den Prinzipien her etwas anders sein. Sie werden extrem versuchen auf Ballgewinne zu gehen, wenn wir ins Zentrum reinspielen werden sie versuchen nach vorne zu verteidigen und das wollen wir ihnen natürlich nicht geben. Aber trotzdem wollen wir auch in Heidenheim versuchen unseren Stil durchzubringen.“

Fabian Hürzeler über mögliche Veränderungen im eigenen Aufbauspiel

Top-Spiel, Sonderzug, Aufstiegskampf

Keine Frage, das Spiel des FC St. Pauli beim 1. FC Heidenheim ist ein absolutes Spitzenspiel. Damit hatten vor wenigen Wochen wohl nicht einmal die kühnsten Optimisten gerechnet, dass der FCSP in diese Sphären kommen könnte. Aber durch neun Siege in Serie hat sich das Team die Chance erspielt mit dem zehnten Sieg in Serie endgültig im Aufstiegsrennen anzukommen.

Das sollte bereits Motivation genug sein. Wer noch welche braucht, die/der schaut sich bitte einfach die Ausführungen von Frank Schmidt an (Minute 7:10 bis 9:30 in diesem Video). Mehr geht eigentlich nicht. Aber doch: Da fährt ja ein Hypetrain Sonderzug nach Heidenheim. Choo-Choo!

Forza!
// Tim

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Sofern nicht anders markiert, stammen sämtliche Statistiken von Wyscout.

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7 thoughts on “Vorbericht: 1. FC Heidenheim – FC St. Pauli (26. Spieltag, 22/23)

  1. Dear Tim,
    I don’t really remember how Medic behave in the game in Nuremberg but I’m certain that in the last friendly against Hannover, MEdic as the central defender was not acting like Smith when in possession. By that I mean that he stayed in a central defender role alongside Mets. What I noticed , though, is that Zander , who played as the right center back actually had an even different role : he did not stay behind, but did nit play as a six either. Instead, he pushed forward and positionned himself almost near the opposing area to provide aother pass solution there, or in other words, he did not participate in the build up play from behind and with the ball but from upfront without the ball.
    I’m not versed enough in the zweite liga tactics to foresse if this choice against Hannover would be relevant against Heidenheim. Do you think it is something that could be an option ?

      1. Thank you for your answer Tim. Zander was playing as a (right) center back tho. And that is what was surprising and remarkable. The right wing back (or full back) was Wieckhoff if i remember correctly. (And Mets on the left center back position played as ussual, staying back at all times)

  2. Schöner Artikel. Danke.
    Der link führt zur falschen PK, zumindest, was den einleitenden Satz angeht. Ansonsten natürlich die richtige.

      1. Als ich gestern auf „diesem Video“ geklickt habe, kam die PK mit Hürzeler, ehrlich. Das passte aber inhaltlich nicht zu deinem Satz, erst recht nicht mit der Zeitangabe. Habe mir dann die Heidenheimer PK angesehen und da passte es wieder.
        Jetzt führt auch der link dorthin. Seltsam.
        Sorry für Verwirrung.

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