Arbeitstitel: Derbysieg

Dieser Arbeitstitel wurde am Montag bereits mittags erstellt und ich hatte auch nicht vor den zu ändern. Was eher als kleine Motivation gedacht war, entpuppt sich nun quasi als Orakel schlechthin, sodass wir ab jetzt für jeden einzelnen Bericht solche Arbeitstitel verfassen werden.

Und wie vermutlich viele von Euch, bin ich noch hellwach, Dienstagmorgen um 2.30. Mein Körper könnte sicherlich etwas Schlaf gebrauchen, aber der Kopf möchte noch Eindrücke und Bilder sortieren. Und genau daran werde ich Euch nun teilhaben lassen:

Es gab ein bisschen Feuerwerk beim Fanmarsch der Gäste. Das war es eigentlich auch schon mit meinem Bericht zu den Ereignissen vor dem Spiel. Fast schon zu friedlich erschienen mir die Tage vor dem Derby. Alter, kann doch gar nicht sein, dass wir die Vorstadt zu Gast haben und wir irgendwie alle nicht so richtig Bock darauf hatten. Mag sicherlich auch mit der aktuellen Verfassung des hsv und den Erlebnissen vom letzten März zusammenhängen. Und natürlich hat der hsv in der Causa Jatta auch vieles richtig gemacht. Habt ihr wirklich gut gemacht, hsv, ich find Euch trotzdem scheiße, ok?!
Im Stadion dann mein ein erster Dämpfer mit Abschlach. Musste das sein? Wir müssen ja nicht unbedingt die Hotknives spielen und dem Gegner den Tod wünschen, aber so is nun auch wieder nich so toll. Schwamm drüber, die Stadionregie entschädigte mich zu Beginn der zweiten Halbzeit (später mehr dazu).

Kurz vor Anpfiff gab es dann Choreos auf beiden Seiten zu sehen. Die Südkurve mit einer wahnsinnig komplexen Wende-Choreo, bei der den Montagsspielen, der DFL und dem DFB und der Polizei RB Leipzig mitgeteilt wurde, was von ihnen gehalten wird. Die für Kernaussage unnötigen Finger wurden leider etwas zu spät eingezogen, machten das Bild aber nicht weniger beeindruckend. Und ich kann mich dem ersten Statement gegen Montagsspiele (& somit auch dem zweiten Statement in Richtung DFB/DFL) bedingungslos anschließen. Wir mögen vielleicht eine Wahnsinnsquote bei Montagsspielen haben, aber Scheiße bleibt halt Scheiße, auch wenn wir den montäglichen Zwangstango ziemlich erfolgreich mitspielen (ungeschlagen seit 1.910 Spielen).

Die Choreo der Süd in fünf Schritten. Leider habe ich die perfekten Foto-Momente etwas verpasst. ihr werdet aber sicherlich noch auf anderen Seiten diesen weiten Internets besser getimte Bilder finden.

Im Gästeblock gab es dann noch den elenden Versuch sich zum Arbeiterverein zu machen. Ja, geht ruhig arbeiten (wir schlafen dann unter Brücken oder in der Bahnhofsmission – höhöhö!). Dieser Tweet mit einer angemessenen Einschätzung sollte ausreichen:

Und dann ging es auch schon los auf dem Rasen:
Der hsv startete mit Vagnoman auf der rechten Abwehrseite für den schwer verletzten Gyamerah. Ansonsten gab es keine Änderungen im Vergleich zum Spiel gegen Hannover 96. Gründe dafür gab es auch nicht. Zu dominant und erfolgreich hatte der hsv in den letzten Wochen gespielt. In der Grundformation spielte der hsv also in einem 4-3-3, quasi die Lieblingsformation von Hecking, die er auch schon in Gladbach erfolgreich spielen ließ. Hierbei sollte versucht werden die Außenbahnen nach Spielverlagerungen zu überladen (was letztlich zu Beginn gar nicht funktionierte). Wer zu der Formation des hsv mehr wissen möchte, dem kann ich nur die Artikel von Tobias Escher empfehlen (leider auf einer, *hüstel, hsv-Fanpage, daher müsst ihr die Worte Escher, hsv und Taktik schon selbst in eine Suchleiste eintippen)
Folgt man den Ausführungen von Escher, so bekam der hsv in den letzten Spielen eigentlich nur dann ernsthafte Probleme, wenn ein hohes Pressing gespielt wurde. Das ist aber nur schwerlich über 90 Minuten durchzuhalten, sodass sich in den vorherigen Spielen meist immer die individuelle Qualität des hsv am Ende durchgesetzt hat.
Mit diesem Wissen war mir ehrlich gesagt angst und bange vor dem Spiel. Ein dauerhaft hohes Pressing haben wir eigentlich noch nie so richtig hinbekommen. Eher aus der Tiefe auf Umschaltmomente lauernd haben wir diese Saison Qualitäten bewiesen. Der FCSP zeigte jedoch, dass es auch anders gegen den hsv erfolgreich geht und agierte gegen das 4-3-3 mit einer sehr starken Mannorientierung im Zentrum. Die drei Spielmacher des hsv, Fein, Kittel und Kinsombi wurden dabei allesamt in Manndeckung genommen. Ob das nun wirklich ne geplante Manndeckung oder einfach nur beeindruckendes Verschieben und Übergeben unseres Mittelfelds in Raumdeckung war, sei mal dahingestellt (Luhukay meinte auf der PK, das es eher eine Raumverteidigung war – ich bin also doch kein Taktikfuchs!), aber dieser Plan ging wirklich komplett auf. Aber sowas von! Was für eine famose erste halbe Stunde haben wir da bitte auf den grünen Acker gezaubert. Einfach krass, wie wenig der hsv mit seinem Ballbesitz anfangen konnte.

Das 4-3-3 des hsv im Spielaufbau wurde massiv dadurch gestört, dass sämtliche Zentrumsspieler in Manndeckung genommen wurden. Erst nach gut einer halben Stunden „entdeckte“ der hsv, dass die Innenverteidiger unbehelligt mit Ball am Fuß in Richtung FCSP-Strafraum spazieren konnten. Dadurch wurde der FCSP gezwungen seine Mannorientierung etwas zu lösen und allgemein sehr viel tiefer zu agieren (4-5-1), um die Gegenspieler weiter vor sich zu haben.
Klare Mannorientierung im Zentrum.

Und auch offensiv hatten wir was zu bieten. Das lag vor allem an unserem Mut. Also genau der Komponente, die sich so viele von uns beim letzten Derby gewünscht hätten. Statt der vormals häufig gewählten langen Bälle wurde selbst gegen den hsv mutig flach aufgebaut. Beim flachen Aufbau wurden satte fünf Spieler in die vorderste Reihe beordert. Der vertikale Druck auf den hsv war somit enorm und durch die ebenfalls recht starke Mannorientierung der Vorstädter ergaben sich große Räume im Zentrum, die, wenn wir es schafften die erste Reihe des hsv zu überspielen, effektiv genutzt wurden (exemplarisch hierfür ist die erste Chance durch Knoll als Becker im Zentrum freigespielt wurde).
Na klar, so ein Spielaufbau ist nicht ohne Risiko, aber die Räume bei erfolgreichem Überspielen der ersten Reihe sind so enorm. Das lohnte sich.

Mutiger Aufbau des FCSP mit fünf Spielern in vorderster Reihe. Letztendlich konnte der hsv durch seine starke Mannorientierung zu beginn nur sehr wenig Zugriff auf das Spiel des FCSP erhalten.

Wurde der Druck des hsv im Pressing zu groß, war der lange Ball aber auch kein schlechtes Stilmittel, da mit fünf Spielern in vorderster Reihe schon ordentlich Druck auf den zweiten Ball erzeigt werden konnte.
Und so tief haben wir auch gar nicht gepresst. Ich würde es eher als gesundes Mittelmaß bezeichnen, bei wir partiell auch mal sehr hoch anliefen.

So kam es, dass wir tatsächlich völlig verdient nach einem schönen Angriff mit 1-0 in Führung gingen. Scheiße, dann hatte ich Stress. Grundsätzlich fühle ich mich ja wohl in der Underdog-Position. Da gibt es so schön wenig zu verlieren. Und dann führste auf einmal. Und das auch noch verdient. Hier gab es also doch was zu gewinnen. Zack, Puls bei 180, spontaner Schweißausbruch bis Spielende, flache Atmung, nur noch stammelnde Kommunikation mit den Nebenleuten. Da war es dann also doch noch, das Derbyfieber.

Die Grundformation bei Ballbesitz FCSP in der ersten Halbzeit. Der FCSP versuchte meist Becker im Zentrum freizuspielen, was teilweise gelang. Ergaben sich keine Flachpassoptionen, so war der lange Ball eine gute Wahl, da die Raumaufteilung für zweite Bälle (und vor allem die Einstellung der Spieler) stimmte.

Und während ich mich gerade damit anfreundete, dass wir doch eigentlich ziemlich gut das Spiel kontrollieren, kam der hsv immer stärker auf. Die Mannorientierung des FCSP im Zentrum führte nämlich dazu, dass beide Innenverteidiger des hsv immer und immer wieder zusammen mit dem Ball bis an unsere Strafraumgrenze spazieren konnten, da schlichtweg niemand für einen Zweikampf zur Verfügung stand (waren ja alle mit Manndeckung beschäftigt).

Gideon Jung mit einem seiner zahlreichen Durchmärsche in der ersten Halbzeit. Der FCSP war daraufhin gezwungen seine Formation etwas raumorienteriter zu gestalten, welches letztlich aber neue Probleme an anderer Stelle schuf.

Auf die zunehmenden Dribblings der Innenverteidiger des hsv reagierte der FCSP mit einer sehr viel stärkeren Raumdeckung und allgemein mit einer viel tieferen Formation, welches sich ganz gut als 4-5-1 beschreiben lässt. Dadurch wurden jetzt aber natürlich Kinsombi, Fein und Kittel von der Leine gelassen und, Alter, die Höllenhunde hatten nur darauf gewartet und brachten ordentlich Chaos in unsere Formation und schafften viele Freiräume, vornehmlich auf den Außenbahnen.
Als der von mir sehnlichst erwünschte Halbzeitpfiff ertönt, frage ich mich mit Blick auf die zweiten 45 Minuten wie wir diesem Druck überhaupt standhalten können. Die Südkurve lieferte die passende Antwort:

(Ich weiß, nicht im Block filmen, weil is kagge, aber immerhin keine Gesichter zu erkennen. Habe das Video trotzdem schon zigmal angeschaut…)

Und wie geil ist bitte die Stadionregie, dass die ‚Antifa Hooligans‘ einfach noch ein zweites Mal abspielen, während die Süd unser Tor verteidigt?! Ja, kostet Geld, sülzsülz, blabla. Wen so eine Choreo nicht pusht, der läuft am Leben vorbei! Besser kann Pyro nicht eingesetzt werden. Der Kessel kochte sofort wieder. Absoluter Siedepunkt. M.E.G.A.

Auf dem Spielfeld dann trotzdem das befürchtete Bild: Der hsv kommt mit ordentlich Schwung aus der Kabine. Hunt kam für Narey, Jatta rückte auf rechts, Kittel auf links und Hunt ins Zentrum. Sind wir mal ganz ehrlich: Dass der hsv in der Viertelstunde vor und nach der Halbzeit kein Tor erzielt hat, grenzt an ein Wunder. Einfach zu hoch die individuelle Klasse. Kannste nicht 90 Minuten lang verteidigen. Geht einfach nicht. Zumal wir nicht einmal mehr in Umschaltmomente kamen.
Der erste richtige Umschaltmoment endete mit einer gelben Karte für Jung. Ja, das war genau die 62.Minute als van Drongelen den eigentlich guten, aber von Knoll technisch schlampigen Freistoß-Trick galant ins eigene Tor abfälschte. Einfach nur wunderschön wie der Ball ganz langsam, mit aller Ruhe in Richtung Torlinie hoppelte. Kein Torwart, kein Spieler, nix mehr im Weg, nur noch etwas Grün und weiße Farbe trennen ihn vom Netz.
Hoppel… hoppel… hoppelhoppel……. – BÄM!

Danach war dann schon recht deutlich die Luft raus. Klarer Wirkungstreffer, auch im Gästeblock. Zu intensiv hatten beide Teams die 65 Minuten vorher bestritten. Mit der Einwechslung von Harnik kam dann die Methode Brechstange beim hsv zum Vorschein. Genützt hat es hauptsächlich den Umschaltsituationen des FCSP, der hier eigentlich das fünfte, sechste, siebte Tor machen muss.
Aber heute wollen wir mal nicht so sein, denn bekanntlich reicht ja ein niedriger Sieg um Stadtmeister zu werden. Die erste zuhause errungene Stadtmeisterschaft seit Hannibal mit Elefanten die Alpen überquerte, oder so (seit 1959 1960, für die, die es genau wissen wollen).

Was in der Nachspielzeit folgte, war dann noch ein billiger „Sieg oder Spielabbruch“-Versuch vonseiten des Gästeblocks. Aber ebenso lässig wie der Ball über die Linie zum 2-0 trudelte, so managte der Schiedsrichter die Minuten bis zum Abpfiff.

Was bleibt von diesem Spiel ist die Legendenbildung. Mats Møller-Dæhli zum Beispiel hat sich endgültig den Status einer Legende auf dem Platz erarbeitet (neben dem Platz ist er es ohnehin schon). Unglaublich woher der die Kraft für diese Tempoläufe, für das Pressing, für die unermüdlichen Dribblings gegen drei-vier Gegenspieler nimmt.
Mats, Du bist das beste was meinem Verein passieren konnte und ich hoffe sehr, dass Du ihm noch lange erhalten bleibst!

Und hätte ich gewusst, zu was für einem Mentalitätsmonster Daniel Buballa mit so einer kleinen Kapitänsbinde am Arm wird, ich hätte schon viel früher für seine Berufung plädiert. Der geht voran und zieht einige mit. Ganz stark.
Führt diese Liste gerne selber weiter aus. Vielleicht denkt ihr dabei noch an die drei U20-Spieler, die in der Startelf gestanden haben oder an einen Stürmer, der Kopfballtore von knapp über der Grasnarbe erzielt.
Oder an den einen Spieler, der bei den beiden jüngsten Derbysiegen im Kader des Teams stand. Der ist nicht nur Legende, sondern auch Fußballgott.

Nun, wer hätte gedacht, dass wir nach sechs Spieltagen, nach Wutrede und schwierigem Auftaktprogramm als Stadtmeister im gesicherten Mittelfeld der Liga zu finden sind. Und das mit einer steigenden Tendenz. Jos Luhukay hob auf der PK nach dem Spiel noch die hervorragende Arbeit der medizinischen Abteilung und der Athletiktrainer hervor und betonte, dass sein Team nun höhere Belastung standhalten könne als noch vor Wochen (ja, er kann auch loben…). Hier scheint ein Plan aufzugehen und das Ende der Fahnenstange ist möglichweise noch nicht erreicht.
Einen Plan haben wir auch für jeden Gegner und auch das ist bemerkenswert. Echt krass wie sehr die Matchpläne der Spiele gegen Bielefeld, Stuttgart, Dresden und nun gegen den hsv zumindest immer zu Beginn aufgegangen sind. Ein weiterer Fingerzeig, wie wertvoll eine fundierte Spiel- und Gegneranalyse ist (welche ja vor der Saison ausgebaut wurde).

Hach, ich könnte noch unzählige dieser Lobeshymnen schreiben. Zumindest bis uns die Klatsche in Osnabrück auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Derbyfluch und so. Aber davon wie wir den Fluch brechen lest ihr dann nächsten Montag mehr.

//Tim

Tolle Bilder von Stefan Groenveld findet ihr hier


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