FC St. Pauli gegen Hansa Rostock – (k)eine Lovestory

FC St. Pauli gegen Hansa Rostock – (k)eine Lovestory

Es gibt ja diese Vereinsbeziehungen, die etwas „inniger“ sind als andere. Die zwischen dem FC St. Pauli und dem FC Hansa Rostock ist ganz sicher eine davon. Nach fast zehn Jahren Pause kommt es dieses Wochenende wieder zum Aufeinandertreffen. Zeit also, dies in der gewohnten Detailtiefe aufzuarbeiten.
(Titelbild: Stefan Groenveld)

Die Statistik

Fangen wir mit dem Langweiligsten an: Wie lief das bisher sportlich? 18 Spiele gab es bisher zwischen beiden Teams – aber was gab es noch nie? Ein Unentschieden! Ja, gemäß sämtlicher „Jinxed it!“-Theorien dieser Welt wird es nun am Sonntag dazu kommen, aber warten wir es ab. Von diesen 18 Partien gab es sechs in der 1. Bundesliga, nur eine davon konnte der FCSP für sich entscheiden, fünf hingegen der FC Hansa. Welches der eine Sieg war? Kay Stisi-Day… mehr dazu später.

In der 2.Bundesliga hingegen neigt sich die Waage zunehmend in Richtung Braun-Weiß. Denn nachdem Hansa gleich die ersten drei Partien für sich entscheiden konnte, gewann St. Pauli sieben der letzten neun Begegnungen und sogar die letzten fünf in Serie. Und was da insgesamt für Geschichten dabei waren – wir sollten ein Buch darüber schreiben.

Romeo & Julia

Einen gewissen Anteil an der besonderen Beziehung beider Vereine und seiner Fanszenen hat ein Spielfilm – und das können ja nun auch nicht viele Duelle von sich behaupten. 1993 wurde „Schicksalsspiel“ veröffentlicht, ein Film, in dem einige bekannte Personen der Fanszene verewigt wurden, die in kleinen Interviews der fiktiven Handlung einen realistischen Anteil hinzufügen.
Mit Benno Fürmann, Nicolette Krebitz, Steffen Wink, Katja Woywood und nicht zuletzt Jürgen Vogel war aber auch die Riege an jungen Schauspieler:innen durchaus beachtenswert. Sowohl Bernd Schadewald (Regie und Drehbuch) als auch Niels Bruno Schmidt (Hauptdarsteller „Roland“) und Nicolette Krebitz („Conny“) wurden 1994 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.
Die Handlung nutzt Shakespeares Romeo und Julia als Vorlage und verlagert die Story (zugegeben: sehr(!) klischeehaft) in einen Ost-West Konflikt der beiden Vereine und ihrer Fanszenen. St. Pauli Fan Roland verliebt sich beim Auswärtsspiel in Conny, die zwar keinen direkten Fanbezug zu Hansa hat, aber in einer Rostocker Fankneipe arbeitet – und deren Bruder („Lalla“, Jürgen Vogel) selbstverständlich eingefleischter Hansa-Fan ist.

Wenn Ihr den Film noch nicht kennen solltet: Popcorn ranschaffen und anschauen – aktuell ist er sogar (höchstwahrscheinlich nicht ganz legal) in einem gewissen Videoportal frei zugänglich und in voller Länge zu finden.

Die frühen 90er

Auch wenn wir hier beim MillernTon schon alle sehr alt aussehen, so fanden die ersten Spiele noch ohne unsere Anwesenheit statt. In der Saison 92/93 gewann Hansa als Erstligaabsteiger beide Spiele mit 2:0. Hansa beendete die Rekordsaison der 2. Liga (24 Teams, 46 Spieltage) im Mittelfeld. Der FCSP rettet den Klassenerhalt erst mit einem dramatischen letzten Spiel gegen Hannover 96, in dem Leonardo Manzi durch sein Tor in der 73. Minute das Millerntor erbeben ließ – aber das ist eine andere Geschichte.

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Das erste Spiel in der Saison 93/94 war dann schon ein Vorgeschmack auf das, was in den kommenden Jahrzehnten folgen sollte: Drama pur! Dirk Zander brachte St. Pauli am Millerntor nach einer Viertelstunde in Front, Hansa drehte das Spiel noch vor der Pause und erhöhte nach einer Stunde sogar auf 1:3 – die Entscheidung? Angesichts bis dahin betriebenen Chancenwuchers bei Braun-Weiß nicht zwingend – und erneut Zander erzielte in der 64. Minute den Anschluss. Zwei Minuten später fliegt Hansas Heiko März mit Gelb-Rot vom Platz und jetzt war natürlich alles wieder möglich! Sogar Hamburger Wetter – und ein Wolkenbruch mit Gewitter, das für eine Spielunterbrechung in der 84. Minute sorgte. Das komplett durchnässte Publikum am Millerntor sang und feierte weiter und nach zehn Minuten wurde wieder angepfiffen. Carsten Pröpper hat die große Chance zum Ausgleich – und im Gegenzug fällt das 2:4. Jetzt aber die Entscheidung? Nein, in der 86.Minute gibt es Strafstoß für Braun-Weiß! Martin Driller läuft an, schießt – und Keeper Daniel Hoffmann, der kurz zuvor für den verletzt ausgeschiedenen Jens Kunath eingewechselt worden war, kann parieren. Hansa gewinnt an einem denkwürdigen Nachmittag also auch das dritte Aufeinandertreffen beider Teams.

Immerhin: Das Rückspiel an einem Montagabend im April 1994 konnte der FC St. Pauli für sich entscheiden, Carsten Pröpper erzielte per Kopf in der 78.Minute das 1:0 – für einen FCSP, der an dem Tag eher die etwas glücklichere Mannschaft war.
Am Saisonende verspielte man den zwischendurch schon fast sicher geglaubten Aufstieg noch, trauriges Ende war ein 1:4 in Wolfsburg. Hansa landete erneut im Mittelfeld.

Die Saison 94/95 sah das erste Aufeinandertreffen schon am 2. Spieltag im Ostseestadion vor. Nur 150 Gästefans reisten am Dienstagabend mit und Abendblatt-Reporter Dieter Matz berichtete von „gewalttätigen Äußerungen und Auftritten einiger Hansa-Hooligans“, allerdings auch davon, dass der Auftritt des eigenen Teams noch viel mehr Angst und Schrecken verbreitete, denn nach dem 0:0 zu Saisonbeginn gegen den VfL Wolfsburg gab es in Rostock eine verdiente 0:3-Niederlage.

Georg Dardenne leitete das Rückspiel im Februar 1995 am Millerntor bereits unter gänzlich anderen sportlichen Vorzeichen, es war ein Spitzenspiel. Das Abendblatt berichtete am folgenden Tag, dass es von Seiten der etwa 1.000 Rostocker Fans „erhebliche Randale vor und während des Spiels“ gab und das Spiel kurz vor dem Abbruch stand. Nebelgranaten und bengalische Feuer, einiges davon dann auch auf dem Rasen – woraufhin der Übersteiger seine Ausgabe Nr. 12 mit einem entsprechenden Foto und dem Begriff „Küstennebel“ betitelte. Uli Maslo ließ sich nach dem Spiel mit „Die standen am Zaun und wollten mir an die Wäsche. Viele hatten den blanken Hass in den Augen!“ zitieren und Manager Jürgen Wähling brachte erstmals die Diskussion auf, ob man das Gästekontingent für Hansa denn nicht vielleicht bei zukünftigen Spielen sperren könne (später mehr dazu). Am Ende stand aber ein 2:0-Erfolg für Braun-Weiß durch Tore von Juri Sawitschew und Jens Scharping, was die Serie von ungeschlagenen Partien in der Liga auf 15 hochschraubte.
Ein bekanntes Phänomen: Nach emotionalen Höhepunkten verlieren wir ja gerne mal, die Serie riss am nächsten Spieltag in Mannheim. Am Saisonende stand trotzdem der Aufstieg – und zwar für Hansa und den FCSP.

Die Duelle fanden also in der Saison 95/96 ihre Fortsetzung in der 1. Bundesliga und im September 1995 stand meine (Maik) erste Fahrt nach Rostock an. Ich wohnte zu der Zeit noch in Bremen und fuhr meist mit zwei Freunden im PKW zu den Spielen, für diese Partie war das aber natürlich keine Option und wir wählten die Anreise per Bahn ab Hamburg. Beste Idee im Nachhinein. Die Hinreise verlief noch entspannt, im Stadion wurde man im Gästeblock dann gleich von zwei Seiten freudig erwartet. Rechts von unserem Block ein fröhlicher Mob aus Nazis, links auf der Tribüne die „normalen“ Rostocker Hools. Ich habe in der ersten Hälfte nichts vom Spiel mitbekommen, da ich ständig nach rechts schauen musste um den mit Erde gefüllten Bechern, Steinen und Sitzbänken(!) auszuweichen.

Hälfte zwei wurde dann von einer Nebelbombe unterbrochen, die Klaus Thomforde zu Tränen rührte und zu seiner Auswechslung führte – heutzutage wohl sichere drei Punkte für den dadurch personell benachteiligten Verein, damals leider nicht. Sportlich war das 2:0 durch Tore von Beinlich und Baumgart eine klare Sache. Nach dem Spiel wurden die Shuttle-Busse zum Bahnhof reihenweise durch Wurfgeschosse entglast und an den Straßen standen immer wieder Personen, die in unsere Richtung den Hitlergruß machten. Für mich bis heute eines der prägendsten Auswärtserlebnisse, ohne Frage. Im Übersteiger#17 kotzte sich „lüh“ auf zwei Seiten über die mediale Berichterstattung zum Spiel aus, insbesondere die Zitate von Rostocks Präsidenten Diestel hatten es ihm angetan.

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Gegen Hansa läuft eine Medienkampagne, ein Frontalangriff auf das Erscheinungsbild des Vereins. Es scheint, hier wird ein zweites Lichtenhagen konstruiert. Hier wird versucht, den Eindruck zu vermitteln, dass Hansa-Fans zu Übergriffen neigen.

Hansa Präsident Diestel in der NNN vom 26.9.95, zitiert aus Übersteiger Nr.17

Krasse Selbstbild/Fremdbild-Verzerrung, Respekt.
ÜS-Autor „Regnar“ ging noch ein bisschen weiter, berichtete von 12-jährigen Mädchen, die den Hitlergruß machten und von Steine werfenden Rentnern und forderte am Ende sogar, beim DFB eine Ausnahmegenehmigung zu stellen, keine Karten nach Rostock schicken zu müssen. Dies wäre immer noch eine bessere Variante als ein sonst womöglich erzwungener Umzug in den Volkspark. Doch es sollte anders kommen.

(Nachtrag, Danke an Klaas für die Erinnerung in den Kommentaren: Die „Strafe“ für Hansa war ein Heimspiel an neutralem Ort… wofür man das Berliner Olympiastadion auswählte und das alles zu einem riesigen Event erklärte. Zusatzeinnahmen inklusive. NDR)

Nach diesem ereignisreichen Hinspiel kam Hansa Rostock im März 1996 nämlich doch ans Millerntor. Genauer gesagt war es der 24.März 1996. Seitdem ist der 24.März ein Feiertag beim FC St. Pauli. Es ist der „Kay-Stisi-Tag„, den ihr hier im Video noch einmal nachempfinden könnt. In einem nervenaufreibenden Spiel konnte sich der FC St. Pauli letztlich mit 3:2 durchsetzen, da Stisi, erst kurz zuvor eingewechselt, in der 88. Minute sein erstes und einziges Tor für die Profis des FC St. Pauli erzielte. Ganz sicher, wie auch das Hinspiel schon, eines der denkwürdigsten Spiele – und eben der einzige St. Pauli-Sieg gegen Hansa in der 1. Liga.

Am Ende der Saison 95/96 zog Rostock als Aufsteiger sogar in den UI-Cup ein (und verzichtete auf die Teilnahme, da man sich auf die Bundesliga konzentrieren wollte…). Der FC St. Pauli sicherte sich am 33. Spieltag mit einem Punkt in Karlsruhe den Klassenerhalt.
Die Saison 96/97 verlief dann verhältnismäßig ruhig. Am 12. Spieltag trafen beide im Ostseestadion aufeinander und Hansa erzielte in den Minuten 32, 36 und 38 die drei Treffer zum 3:1-Sieg. Die Rostocker Polizei wählte hier die „lustige“ Deeskalationsmethode, Gästefans einfach so lange wie möglich am Bahnhof festzuhalten, sodass diese zum großen Teil erst nach einer knappen halben Stunde Spielzeit im Stadion waren – pünktlich zu den Gegentoren. Das Rückspiel am 24. April 1997 gehört zu den ganz wenigen Begegnungen der 1. Bundesliga-Geschichte, die an einem Donnerstag ausgetragen wurden – und es war ein Abstiegsendspiel. Vor dem 29. Spieltag stand Rostock auf dem ersten Nichtabstiegsplatz, drei Punkte vor dem FCSP. Nach dem Spiel waren es dann sechs Punkte, da Steffen Baumgart das einzige Tor des Abends für die Gäste erzielte. St.Pauli erholte sich von diesem Tiefschlag nicht mehr und stieg sang- und klanglos ab, ohne noch einen weiteren Punkt zu holen. Immerhin wurde der Verein dadurch auch von Uli Maslo erlöst. Vielen dürfte noch die Sonderzugfahrt nach Bochum am 33. Spieltag in Erinnerung sein, u.a. deshalb, weil Carsten Pröpper im Partywagen der erste war, der sich bei „Steht auf, wenn Ihr Maslo wollt“ auf den dreckigen Boden schmiss.

Es dauerte etwas, bis sich die Wege in der Saison 2001/02 wieder kreuzten, erneut in der 1. Liga. Nach respektablen Unentschieden zum Saisonauftakt gegen Hertha und in Wolfsburg empfing Aufsteiger St. Pauli die Kogge am 3. Spieltag am Millerntor. Die 0:1-Niederlage fällt eher in die Kategorie „unglücklich“, denn das Chancenplus stand am Ende deutlich auf unserer Seite. Das Rückspiel am 19. Spieltag in Rostock war dann schon fast so etwas wie die letzte Chance für den FCSP auf den Klassenerhalt, denn nur zwölf Punkte hatte man bis dahin einsammeln können – doch mit dem 1:0-Sieg für Hansa (Foulelfmeter, 82.) begruben die meisten dann auch die letzten Hoffnungen.
Kleiner Funfact: Nur drei Tage später besiegte man am Millerntor den Weltpokalsieger FC Bayern und verkaufte im Anschluss daran wohl ein paar T-Shirts. Am Abstieg änderte dies aber alles nichts mehr.

Wiedersehen in der 2.Liga

Bekanntlich dümpelte der FC St. Pauli nach einem sofortigen weiteren Abstieg vier Jahre in der Regionalliga herum. Hansa Rostock hingegen blieb zehn Jahre lang in der 1. Bundesliga. Nach der Saison 04/05 stieg der Klub in die 2. Liga ab, konnte nach zwei Jahren aber wieder aufsteigen. Es blieb jedoch ein einjähriges Intermezzo im Oberhaus. Zur Saison 08/09 befand sich der Klub wieder in der 2. Liga. Zusammen mit dem FC St. Pauli, der dort bereits im Vorjahr wieder angekommen war.

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Sportlich war das erste Aufeinandertreffen seit mehr als sechs Jahren leider eine deutliche Angelegenheit. Hansa Rostock gewann im September 2008 das Spiel in Rostock, auch dank zwei Assists von Fin Bartels, deutlich mit 3:0. Das interessierte nach Abpfiff jedoch eher wenig. Vielmehr sorgten Aufeinandertreffen von Fans vor und nach den Spielen für mediales Interesse (youtube):

Das Rückspiel war sicher eines der sportlich denkwürdigsten Spiele, die es jemals am Millerntor zu sehen gab. Nach nicht einmal fünf Minuten lag Hansa Rostock mit 2:0 vorne, es drohte ein echtes Desaster zu werden. Irgendwie rettete sich der FC St. Pauli in die Halbzeit.

Zum geplanten Wiederanpfiff der zweiten Halbzeit wechselte Holger Stanislawski gleich dreimal. Der Gästeblock ballerte gefühlt die Pyro-Vorräte der letzten fünf Jahre in die Luft und der Anpfiff verzögerte sich. Das Team des FCSP schaute sich das alles an und schwor sich ein. Als kurz nach Wiederanpfiff der eingewechselte Björn Brunnemann einen Ball samt Rostocker Spieler vor der Gegengerade humorlos und voller Motivation ins Aus grätschte, explodierte diese. Minuten später gab es Elfmeter nach Foul gegen Brunnemann, Morike Sako erzielte den Anschluss. Das Millerntor – ein Hexenkessel. Anschließend erzielte Junior Hoilett zwei Treffern und drehte das Spiel endgültig. Glückseligkeit bei allen Anwesenden, ein legendärer Abend. Noch heute erzählen wir uns in Bierseligkeit die Geschichte von Brunnemann und seiner Grätsche, von jenem Kipppunkt des Spiels, vielleicht sogar der gesamten Derby-Geschichte zwischen Hansa Rostock und dem FC St. Pauli. Der erste Sieg gegen Hansa nach fünf Niederlagen in Folge. Seitdem gab es es nur noch Siege. Der Legendenstatus der Grätsche Brunnemanns wird dabei mit jeder Erzählung größer.

Obwohl das Spiel sportlich legendär war, waren es medial einmal mehr die Geschehnisse rund um das Stadion, die Aufmerksamkeit erzeugten. Wobei auch hier der FC St. Pauli mit 3:2 gewann, wenn man sich den Zusammenschnitt von Extra3 anschaut.

Naki, die Fahne, der Boden, die Südblockade

Es folgte die Aufstiegssaison 2009/10 mit zwei weiteren Siegen gegen Hansa Rostock. Falls ihr Euch nicht an das Hinspiel in Rostock erinnert, hier eine kleine Gedankenstütze:

Als Naki die Fahne in den Boden rammte… (c) Stefan Groenveld

Auch dieses Spiel war denkwürdig. Lange Zeit passierte auf dem Platz herzlich wenig. Bis sich Matze Lehmann in der 76. Minute ein Herz nahm und den Ball nach einem Freistoß aus gut 25 Metern in den linken Winkel hämmerte. Auf die Führung folgte eine längere Spielunterbrechung und auch wir durften zur Abwechslung mal den Schwarzen Peter dafür einsammeln. (YouTube).
Kurz nachdem das Spiel wieder angepfiffen wurde, wurde ein gewisser Timo Schultz auf links freigespielt. Er legte quer zu Marius Ebbers, der gekonnt zu Deniz Naki weiterleitete – 2:0!
Naki musste den folgenden Jubel über das Tor aufgrund einer Geste in Richtung Hansa-Fans teuer bezahlen und wurde zusätzlich mit einer Sperre vom DFB belegt. Über das, was Naki nach Abpfiff tat (ihr könnt es im obigen Bild erahnen) werden heute übrigens Lieder gesungen.

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Auch das Rückspiel sollte der FC St. Pauli gewinnen und damit enorm wichtige Punkte im Aufstiegskampf sammeln. Das interessierte jedoch allerspätestens mit Anpfiff des Spiels eigentlich niemanden mehr. Vor dem Spiel hatte der damalige FCSP-Präsident Corny Littmann Absprachen mit der aktiven Fanszene nicht eingehalten und stattdessen lieber mit der Hamburger Polizei gemeinsame Sache gemacht. Statt 1.400 Gästetickets sollte es nur 500 geben. Die Stellungnahme des Ständigen Fan-Ausschusses sowie eine Stellungnahme von Hansa Rostock und ein Artikel dazu aus dem Abendblatt findet ihr unter diesem Link (FC Hansa). Wer das alles nochmal im Detail nachlesen will, dem empfehlen wir Maiks damaligen Bericht im Übersteiger-Blog sowie den Blick auf die „Südblockade“ mit drei Tagen Abstand.

Die aktive Fanszene hatte sich in einem breiten Bündnis auf einen Boykott verständigt. Der sah vor, dass alle Fans in den ersten Minuten des Spiels nicht nur nicht supporten sondern gleich ganz wegbleiben. Wie ihr auf dem Foto sehen könnt, betraf das die gesamte Südkurve. Der Boykott fand jedoch nicht bei allen Anhänger*innen Anklang, vorsichtig formuliert. An diesem Tag wurde ein Riss innerhalb der Fanszene deutlich und die Geschehnisse hallten lange nach.

(c) Antje Frohmüller

Das Spiel selbst ist schnell erzählt. Der FC St. Pauli war überlegen und konnte kurz vor und kurz nach der Halbzeit je ein Tor erzielen und so für einen ungefährdeten 2:0-Heimerfolg sorgen. Für Aufsehen sorgte eine doppelte Rote Karte. Rostocks Martin Retov trat erst Deniz Naki rüde von hinten um und verteilte danach einen Kopfstoß gegen Fabian Boll. Warum Schiedsrichter Babak Rafati in dieser Situation auch Boll vom Platz verwies, wir wissen es nicht. Zu den vorhandenen Antipathie-Werten zwischen den beiden Fanszenen hat sicher beigetragen, wie Martin Retov im folgenden Heimspiel empfangen wurde.

Der FC St. Pauli hilft gerne beim Abstieg

Der FC St. Pauli stieg am Saisonende auf, Hansa stieg in die dritte Liga ab. Aber nur eine Saison später trafen sich beide Klubs wieder in der 2. Liga. Zuerst wurde im November 2011 in Rostock gespielt. Dabei sorgten mal wieder die Geschehnisse auf den Rängen für eine mehrminütige Spielunterbrechung. Absolut unrühmlicher Höhepunkt: Der Gästeblock wurde mehrfach mit Pyrotechnik beschossen. Hierfür wurde später eine Person zu sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Hansa Rostock musste aufgrund der Vorkommnisse ein Geisterspiel austragen. Auch der FC St. Pauli wurde zu einer Geldstrafe wegen des Abbrennens von Pyrotechnik verurteilt. Anfangs wurde auch noch vorgeworfen, dass beim Verlesen der Aufstellung die Rostocker Spieler als „Nazis“ beschimpft wurden. Tatsächlich wurde aber der Name von Deniz Naki gerufen (Spiegel – eine ausführliche Spielzusammenfassung als Video findet ihr hier).

Ach, Fußball wurde nebenbei auch gespielt. In der 8. Minute ging Rostocks Tom Weilandt mit dem Ellenbogen voraus ins Kopfballduell gegen Morena und sah zurecht früh die Rote Karte. Der FC St. Pauli ging durch Kruse in Führung, nach einem Fehler von Tschauner konnte Rostock in der 2.Halbzeit aber ausgleichen. Zwei späte Saglik-Tore sorgten aber für einen St. Pauli-Sieg. Durch die Niederlage rutschte Hansa auf die Abstiegsränge. Diese verließen sie bis zum Saisonende nicht mehr. Gern geschehen!

Ach nee, warte, das „gern geschehen“ passt auch hier genauso gut hin: Drei Spieltage vor Saisonende kam Hansa Rostock ans Millerntor. Allerdings einmal mehr ohne Fans. Die Hamburger Polizei erteilte eine Untersagungsverfügung. Der FC St. Pauli durfte keine Tickets an Gästefans verkaufen. Beide Vereine wehrten sich gegen diese Verfügung, das „Gefahrengebiet“ wurde deutschlandweit bekannt. Zugegeben, wenn der eigene Vereinspräsident im Jahr zuvor noch ähnliches verlangt hat, ist das natürlich auch schwierig mit der Glaubwürdigkeit und so. Die Hansa-Fans jedenfalls meldeten als Antwort darauf einfach eine Demonstration durch den Stadtteil an (die friedlich verlief), viele St. Pauli-Fans verfolgten das Spiel aus Solidarität mit den Rostockern wahlweise gar nicht oder aber außerhalb des Stadions. In Anbetracht dessen, wie der Begriff „Solidarität“ gerade von Rostocker Seite strapaziert wird natürlich ein besonderes Bonbon.

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Der FC St. Pauli gewann letztlich deutlich mit 3:0 durch einen Doppelpack von Ebbers und einem Tor vom inzwischen beim FCSP aktiven Fin Bartels. Da Karlsruhe am gleichen Spieltag drei Punkte gegen Paderborn holte, rückte sogar der Relegationsrang für Rostock mit vier Punkten Rückstand bei noch zwei Spielen in weite Ferne. Eine Woche später verlor Rostock in einem wilden Spiel mit 4-5 gegen Union Berlin und stieg in die 3.Liga ab (zeitgleich verlor der FCSP in Dresden und musste seine Aufstiegshoffnungen begraben).

Neun Jahre lang spielte Hansa Rostock daraufhin in der 3. Liga. Der FC St. Pauli blieb in dieser Zeit Zweitligist. Nun steht das Duell am Millerntor wieder an. Und wie bei den beiden Aufeinandertreffen zuvor, werden (fast) keine Fans von Hansa Rostock im Stadion sein. Auch wenn die Gründe für das Fernbleiben absoluter Bullshit sind, so ein Spiel lebt natürlich auch von der Atmosphäre, von zwei Fanszenen, die sich gegenüber stehen. Na klar, wir kennen viele, wenn nicht gar ausschließlich sympathischere Fußballklubs. Aber diese Abneigung in uns, wir würden sie auch gerne im Stadion zum Ausdruck bringen. Außerdem, dies vergisst man ja auch gerne mal, gibt es (siehe „Vor dem Spiel- Gespräch“) ja auch sympathische Fans bei Hansa.

Das verändert jedoch nichts daran, dass ein Sieg gegen Hansa Rostock dann doch mehr als einfach „nur“ drei weitere Punkte bedeuten würde. Wir wollen nach diesem Spiel erneut eine braun-weiße Fahne im Rasen sehen, wir wollen uns wieder an legendäre Grätschen erinnern und einen neuen Feiertag ins Leben rufen. Wir wollen dieses Spiel verdammt noch mal gewinnen!

Forza St. Pauli!

// Maik & Tim

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24 thoughts on “FC St. Pauli gegen Hansa Rostock – (k)eine Lovestory

  1. Hallo Maik und Tim,
    Ich möchte euch fragen, ob es mir möglich wäre, diesen großartigen Artikel für die französischsprachige Gemeinschaft der FCSP-Fans zu übersetzen und ihn (mit oder ohne die Abbildungen und Videos, aber mit ausdrücklicher Erwähnung der Autoren und des ursprünglichen Blogs) auf der Website unserer Gemeinschaft zu veröffentlichen.
    Vielen Dank für eure Antwort, ob positiv oder negativ. Und nochmals herzlichen Glückwunsch, denn dies ist eine großartige Informationsquelle für die Entwicklung der Kultur des FC St. Pauli im Ausland!

  2. Super Artikel!

    Man könnte in dem Kommentar zu dem Spiel im September 1995 noch erwähnen, wie die tatsächlich nach dem Spiel verhängte Strafe für Hansa ausgesehen hat: Ein Heimspiel in einem ’neutralen‘ Stadion.

    Was dabei ‚rauskam, haben nämlich viele von uns auch noch gut in Erinnerung – „Spektakel statt Strafe“ trifft’s ganz gut, und auch über die extra Kohle haben sich die Hanseaten mit Sicherheit gefreut –> https://www.ndr.de/sport/fussball/50_jahre_bundesliga/Spektakel-statt-Strafe-Hansa-Rekord-in-Berlin,hansa3693.html

  3. Vor allem habe ich in meiner Erinnerung den sog. „Rostock-Regen“ mit dem Stisi-Tor in Verbindung. Das waren ja zwei verschiedene Spiele… Der Rostock-Regen gehört tatsächlich aber zu meinen persönlichen Highlight-Erinnerungen, trotz jetzt auch Niederlage…

  4. Sehr schöner Bericht, viele Erinnerungen die ich fast vergessen hatte. An fliegende Steine und Bänke erinner ich mich auch noch gut, wobei das glaub früher war also ehr 92 als 95, war damals als MR Fotograf im Innenraum und ein bisschen froh nicht im Block zu stehen.
    Schicksalsspiel hat tatsächlich für mich einigen Einfluss auf die nächsten Jahre gehabt. Die Szenen beim aufeinadertreffen mit den Rostockern waren schon krass und die Polizeischüler:innen die dort als Statist:innen eingesetzt wurden waren von der realistischen Darstellung wohl etwas überrascht und überfordert. Sich mit so einem Mob heute so durch die Stadt zubewegen und in grossen Teilen dort zu übernachten wäreheute sicher unmöglich und nicht mehr genehmigungsfähig.

    1. Danke Dir.
      Ich kann nicht ausschließen, dass auch 92 schon Steine und Bänke flogen, aber zu der Zeit war ich noch braver Zehntklässler in Bremen und nicht mit St. Pauli auswärts unterwegs.
      95 war das definitiv der Fall und das war dann eben auch das Spiel mit Thomfordes Auswechslung.
      Und neben der eigenen Erinnerung hab ich die damaligen Übersteiger als Quelle 😉

  5. Oh, sorry da hasst du mich jetzt missverstanden. Ich wollte deine Aussage überhaupt nicht anzweifeln. 95 war es genau so. Aber da es 95 den MR schon nicht mehr gab muss es früher auch schon solche Vorfälle gegeben haben,weil ich mich an die entsprechenden Bilder von der Tartanbahn aus noch gut erinnern kann. Vermutlich habe ich sogar noch irgendwo in den untiefen des Kellers Bilder von dort…mindestens die entsprechende MR ausgabe vermute ich.

  6. Danke für den Artikel! Die Pröpper, Driller, Thomforde …-Zeit waren auch für mich die ersten Spiele des FCSP und ich werde am Sonntag mal wieder das gute „Böklunder“-Trikot aus dem Schrank holen!

  7. Ok die Steine werfenden Rentner waren vielleicht etwas übertrieben aber an das Mädel mit dem Hitlergruß, die war sonst nie da, erinnere mich noch.
    Und der Typ mit dem Hitler European Tour T-Shirt und und und…

    Schon erstaunlich, dass ich damals den Ausschluss der Gäste forderte um dann Jahre später, als es soweit war, aus Solidarität mit draußen zu bleiben. Naja man wird älter.

    Nun wird der Nachwuchs Sonntag sein erstes Spiel gegen die erleben und es sind nicht mal welche da, irgendwie schade.

    1. Zum Ausschluss der Gästefans hab ich aber auch angeführt, dass Du das mit „besser als ein Umzug in den Volkspark“ begründet hast, der ja wahrscheinlich konkret als Drohung im Raum stand.
      Und ich will auch nicht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt haben, welches ich vor zig Jahren mal geschrieben habe, da ändern sich natürlich auch die Ansichten. Ich hab mich beim Lesen jedenfalls sehr gefreut, auch über Herrn „Lüh“.

  8. Danke für diese tollen Artikel! Da kommen wirklich viele, viele Erinnerungen hoch.
    Ist es eigentlich persönliche Legendenbildung bei mir oder kann es sein, dass bei einem Aufeinandertreffen am Millerntor auch anstelle der sonst üblichen Gästehymne „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten gespielt wurde? Kann sich vielleicht noch jemand daran erinnern? Ich ordne es für mich beim legendären 3:2 2009 ein, aber wie gesagt, vielleicht ist es auch eigene Verklärung.

    1. Definitiv, ja, das war beim 3:2. Wir können ja mal abstimmen, was Sonntag als Gästelied gespielt wird. Ich wäre ja für „Unpoliddisch“ von WIZO. Passt zu einer Fanszene, die sich als unpolitisch definiert, aber in vielen Aktionen und Entscheidungen zeigt, dass sie das genau nicht ist.

  9. Das erste Match zwischen dem FCSP und dem FCH fand wohl
    aber schon am 29.Dezember 1990 in Schwerin statt. Das war beim
    2. Schweriner Hallenfußballturnier.

    Nachdem im Januar 1990 das Lineup dieses Turniers aus dem HSV,
    1.FC Magdeburg, Schiffahrt/Hafen Rostock, Post Neubrandenburg und
    ISG Schwerin bestand, waren bei der zweiten Auflage, dem „Deutscher Ring-Pokal“,
    die Dänische Nationalmannschaft, Ajax Amsterdam, Borussia M’gladbach,
    der FC St. Pauli, Hansa Rostock und eine Schweriner Stadtauswahl am Start.

    Der FCSP traf in Gruppe B auf Borussia M’gladbach (2-2) und die dänische
    Auswahl (1-2). Da Borussia M’gladbach das zweite Gruppenspiel mit 1-6
    gegen Dänemark verlor, qualifizierte sich der FCSP aufgrund der besseren
    Tordifferenz für die Finalrunde. Im Halbfinale verlor der FCSP dann gegen
    Ajax Amsterdam mit 1-3. Der FC Hansa unterlag im anderen Halbfinale
    Dänemark mit 2-3 nach Verlängerung.

    Somit trafen der FC St.Pauli und der FC Hansa in Spiel um Platz 3 aufeinander.
    Der damalige Herbstmeister der DDR-Oberligasaison 90-91 und zukünftige letzte
    DDR-Meister gewann damals das kleine Finale mit 8-3 (!) gegen den FCSP.
    Im Finale schlug übrigens die dänische Hallenauswahl Ajax Amsterdam
    mit 5-4 nach Verlängerung.

    In der Winterpause 90-91 sollte übrigens am 9.Februar 1991 noch ein „Freundschaftsspiel“ (;)
    zwischen den FC Hansa und dem magischen FC in Rostock ausgetragen werden, dazu
    kam es dann aber nicht…

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