Die Saison 21/22 der Sechser des FC St. Pauli

Die Saison 21/22 der Sechser des FC St. Pauli

Bevor der FC St. Pauli in die neue Saison startet, wollen wir uns die Leistungen der Spieler in der Saison 21/22 genauer anschauen. Dazu haben wir tief in die Statistiken geschaut. Diese zeigen: Auf der Sechs muss dringend (personelle) Stabilität her.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Um die Saison 21/22 abzuschließen, haben wir uns die Leistungen sämtlicher Spieler des FC St. Pauli anhand von Statistiken genauer angeschaut. Aufgrund der Fülle von Daten, werden wir das nach Positionen getrennt raushauen. Bereits veröffentlicht wurden Analysen zu den Torhütern, den Innenverteidigern und den Außenverteidigern. Nun also die Sechser des FCSP.

Spielminuten

Die meisten Einsatzminuten auf der Sechser-Position sammelte Eric Smith im Saisonverlauf. Allerdings lag er mit seinen 1.388 Minuten nur knapp vor Afeez Aremu (1.336). Beide kamen vor allem aufgrund von Verletzungen nicht auf noch mehr Spielzeit. Und das fasst eigentlich das ganze Dilemma auf dieser Position sehr gut zusammen. Rico Benatelli kommt auf 842 Spielminuten, allerdings stand er nur viermal in der Startelf. Stattdessen war er der am häufigsten eingewechselte Spieler beim FC St. Pauli in dieser Saison (19x kam er von der Bank).

Zum Saisonende hin, als sowohl Aremu, als auch Smith und zeitweise sogar Benatelli ausfielen, kam dann Jackson Irvine auf dieser Position zum Einsatz. In vier Spielen startete er auf der Sechser-Position und in weiteren Spielen rückte er während des Spiels auf diese. Die Leistungen von Irvine werden wir uns aber dann bei der Betrachtung der Achter des FCSP genauer anschauen. Trotzdem sollten wir davon ausgehen, dass wir ihn auch in der kommenden Saison ab und an auf der Sechs sehen werden, wenn Smith und Aremu weiterhin körperlich nicht auf dauerhaft auf die Beine kommen.

Vor der Saison war ich der Ansicht, dass die Sechser-Position beim FC St. Pauli so etwas wie das Prunkstück im Kader ist. Benatelli hatte in der Vorsaison auf dieser für ihn ungewohnten Positionen gute Leistungen gezeigt, Afeez Aremu deutete immer wieder sein großes Potenzial an und Eric Smith hob das gesamte Spiel des FCSP auf ein neues Level, wenn er denn fit war. Das ist enorm wichtig, da ein guter Sechser alle Spieler um sich herum automatisch verbessert, wenn er selbst gute Leistungen zeigt. Die Sechs ist aus meiner Sicht die wichtigste Position im Kader, nicht nur, aber besonders bei der Spielweise des FC St. Pauli.

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So zeigte die Rückrunde der Saison dann auch, was mit dem Spiel des FCSP passieren kann, wenn es auf der Sechs Probleme gibt. Und nach dieser Saison ist dann auch klar, dass die Sechs weiterhin problembehaftet ist. Der Blick in die Daten bestätigt das:

Rico Benatelli – (fast) perfekt, aber (zu) vorsichtig

Ich finde die Radar-Grafiken nicht immer perfekt, um Daten zu präsentieren. Allerdings geben sie die Möglichkeit eine Menge Daten so zu präsentieren, dass bereits auf den ersten Blick sichtbar ist, ob Spieler in relevanten Kategorien gut oder nicht so gut sind. Bei Rico Benatelli wird aber die Radar-Grafik aufs Äußerste gedehnt. Denn er ist ein sehr vorsichtiger Spieler, besonders dann, wenn es um das Passspiel geht. Sieht er aber die Option einen Pass in der Offensive zum Mitspieler zu bringen, dann kommt dieser auch oft an. Genauer gesagt kommt er zu 92% beim Mitspieler an, welches die beste Passquote aller zentralen Mittelfeldspieler bedeutet. Sowieso ist Benatelli mit einer Quote von 93% erfolgreicher Pässe der passsicherste Feldspieler der gesamten Liga.

Seine Radar-Grafik führt aber ein doch recht komisches ZickZack-Muster, da er eben relativ wenige risikoreichere Pässe spielt, diese aber dann mit einer hohen Erfolgsquote. Ich weiß auch jetzt nicht, nachdem der Vertrag von Benatelli beim FCSP nicht verlängert wurde, was ich von dieser Spielweise halten soll.

Radar-Grafik von Rico Benatelli im Vergleich zum Median aller zentralen Mittelfeldspieler der 2. Bundesliga der Saison 21/22.

Sicher ist aber, dass Benatelli auf dem Platz ein enormer Aktivposten war, der den Ball und damit das Spiel stets an sich riss (durchschnittlich mehr als 40 erhaltene Pässe pro Spiel sind extrem viele). Defensiv würde ich ihn als ähnlich geschickt wie offensiv bezeichnen: Er führte sehr wenige Duelle, aber wenn er sie führte, dann einigermaßen erfolgreich. Das ist defensiv aber sicher nicht der Anspruch an einen Sechser in einer Mittelfeldraute beim FC St. Pauli. Allerdings hat die Saison gezeigt, dass es anscheinend entweder Abräumer oder Aufbauer auf dieser Position gibt. Den Aufbauer haben wir nun gesehen, jetzt kommt der Abräumer.

Deutschland, Darmstadt, 21.04.2021, Fussball 2. Bundesliga 30. Spieltag Fortuna Duesseldorf - FC St. Pauli in der Merkur Spiel-Arena Rico Benatelli (FC St. Pauli) im Zweikampf mit Edgar Prib (F95)
Gute Quoten, aber wenig Risiko – Rico Benatelli ist ein Ballmagnet, aber brachte er das Spiel des FCSP auch immer voran?
(c) Peter Böhmer

Afeez Aremu – Unsicherheit schlägt Endgegner

Zurechtgestutzt. Das ist das Wort, was mir in Bezug auf die Leistungen von Afeez Aremu in der Rückrunde einfällt. Nach rund einem Drittel der Saison zeigte die Statistik richtig starke Defensivleistungen von Endgegner Afeez. Diese wurden im Verlauf der Rückrunde massiv nach unten korrigiert, sind aber weiter deutlich über dem Durchschnitt, wie die Radar-Grafik zeigt:

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Radar-Grafik von Afeez Aremu im Vergleich zum Median aller zentralen Mittelfeldspieler der 2. Bundesliga der Saison 21/22.

Afeez Aremu war auch in der Rückrunde weiterhin ein Spieler, der defensiv enorm stabil stand, viele Zweikämpfe gewinnen und Pässe abfangen konnte. Das machte ihn enorm wertvoll für das Team. Selbst dann noch, wenn man die unterdurchschnittliche Kopfballstatistik betrachtet und sein, ich kann es nicht anders schreiben, teils seeehr behäbiges defensives Umschaltverhalten.

Deutlich weniger erfolgreich war Afeez Aremu bei seinen Offensivaktionen. So ist die Quote bei Pässen ins Angriffsdrittel mehr als ausbaufähig und nicht nur das Gefühl, auch die Daten zeigen, dass Aremu von Spiel zu Spiel schwächer wurde in seinem Passspiel. Es war für eigentlich alle spürbar, dass Afeez Aremu bereits mit einer einzigen unglücklichen Aktion auf dem Platz nahezu komplett den Faden verlor und im Anschluss meist fehlerbehaftet blieb. Das ist, nicht nur angesichts seines großen Potentials, wirklich schade und niemandem zu gönnen.

Deutschland, Hamburg, 29.04.2022, Fussball 2. Bundesliga 32. Spieltag, FC St. Pauli - 1. FC Nuernberg im Millerntor-Stadion Afeez Aremu (FC St. Pauli)
Defensiv ist Afeez Aremu ganz sicher eine große Stütze. Offensiv war es leider eher anders herum.
(c) Peter Böhmer

Klar, wird es nie geben, aber ein Spieler namens Rico Aremu oder Afeez Benatelli würde jedem Team gut tun. Denn die beiden haben ziemlich gegensätzliche Stärken und Schwächen. Auf der einen Seite ein Spieler, der vor allem defensiv stark ist und auf der anderen jemand, der das eigene Aufbauspiel maßgeblich antreibt. So bleibt aber Afeez Aremu weiterhin ein Versprechen, bei dem ich sehr hoffe, dass er mit einer gehörigen Portion Selbstsicherheit und Verbesserungen im taktischen Bereich in Zukunft eine richtig große Rolle beim FC St. Pauli einnehmen wird.

Eric Smith – einmal richtig fit werden

Eine Idee davon, wie ein Spieler namens Rico Aremu aussehen könnte, lieferte Eric Smith in der letzten Saison. Zumindest dann, wenn er fit war. Und das war er leider zu selten. Immer wieder warfen ihn Verletzungen zurück, gerade dann, wenn er näher an seine Top-Form kam. Ich habe bis heute immer noch das Gefühl, dass wir bisher noch gar nicht die volle Leistungsfähigkeit von Smith auf dem Platz gesehen haben. Und trotz dieses Defizits der fehlenden Fitness zeigen seine Daten mindestens, dass er den Ansprüchen an Sechser in der Liga genügen kann:

Radar-Grafik von Eric Smith im Vergleich zum Median aller zentralen Mittelfeldspieler der 2. Bundesliga der Saison 21/22.

Schaut man sich die Pass-Statistiken von Smith im Vergleich zu denen von Benatelli an, so ist es fast umgedreht: Smith spielt überdurchschnittlich viele risikoreichere Pässe, aber seine Erfolgsquote ist unterdurchschnittlich. Ich persönlich ziehe aus diesen Daten, dass Smith nur noch stabiler werden muss im Passspiel, etwas schneller in seinen Entscheidungsabläufen, was mit mehr Zutrauen in den eigenen Körper und viel Spielzeit automatisch kommt. Aber ich muss an dieser Stelle auch zugeben, dass ich ein großer Fan von Eric Smith bin und dass es auch andere Interpretationsmöglichkeiten seiner Statistiken gibt.

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Weniger Interpretationsspielraum sehe ich bei seinen defensiven Leistungen. Zwar sind seine Zweikampfwerte leicht unterdurchschnittlich (besonders im Vergleich zu Aremu), aber in Sachen Anzahl erfolgreicher Defensivaktionen, im Kopfballspiel und bei den abgefangenen Pässen ist er überdurchschnittlich gut.
Ganz grundsätzlich ist der Anspruch an die Sechser-Position beim FC St. Pauli sehr hoch und durchaus komplex. Entsprechend benötigt es einen „kompletten“ Spielertypen, der offensiv und defensiv einiges beitragen kann. Smith ist so ein Spieler. Aber er muss unbedingt endlich richtig fit werden, um auch eine wirkliche Verstärkung für den FCSP zu sein.

Deutschland, Hamburg, 18.03.2022, Fussball 2. Bundesliga 27. Spieltag, FC St. Pauli - 1. FC Heidenheim im Millerntor-Stadion Trainer Timo Schultz (FC St. Pauli) - Eric Smith (FC St. Pauli)
Eric Smith kann ein großer, ein sehr großer Leistungsträger beim FC St. Pauli sein, wenn er endlich richtig fit wird.
(c) Peter Böhmer

Nun ist Rico Benatelli weg. Braucht der FC St. Pauli also noch einen Sechser im Kader? Ich denke nicht. Denn die Formation mit der klassischen Mittelfeldraute wird nur funktionieren, wenn es auch einen klassischen Zehner gibt, den der FCSP in Person von Daniel-Kofi Kyereh höchstwahrscheinlich verlieren wird. Einen direkten Ersatz gibt es nicht im Kader und dürfte auch finanziell nicht erschwinglich sein. Der FC St. Pauli muss seine Formation also womöglich ein wenig anpassen oder sogar etwas größer verändern.

Ich denke, dass es dabei nicht die Viererkette betreffen wird, sondern eher die Strukturen im Mittelfeld/Angriff. Das letzte Spiel der Saison gegen Fortuna Düsseldorf hat da bereits erste Hinweise geliefert, wie ein Spiel ohne Zehner funktionieren kann (es waren dann eher drei Angreifer, die sehr flexibel agierten). Und dafür braucht das Team dann auch keinen weiteren Sechser im Kader, da die Ansprüche an diese Position dann auch sehr gut zu den Fähigkeiten von Jackson Irvine passen sollten. Diese Überlegung habe ich aber nur, solange Eric Smith nicht fit ist.

// Tim

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One thought on “Die Saison 21/22 der Sechser des FC St. Pauli

  1. Wie stets bei der Analyse-Reihe eine schöner, informativer Artikel. Ich vermute auch, dass wir taktische Änderungen größeren oder kleineren Umfangs sehen werden, habe diesbezüglich aber mit Blick auf die kommende Saison doch noch eine Frage: Metcalfe soll ja eher die defensivere Variante eines Irvine sein (wobei ich den schon ziemlich gut auf der 6 fand) – wäre es da nicht naheliegender, dass er als „dritter“ Sechser eingeplant wurde? Hier im Artikel fehlt er ja…

    Natürlich kann noch und wird noch einiges bei den Zu- und Abgängen passieren, aber so, wie es im Moment aussieht, könnte ich mir auch gut vorstellen, dass wir ohne echten Sechser spielen werden, sondern die drei zentralen MF-Spieler sich diese Aufgabe teilen. Man hätte dann z.B. Hartel, Smith und Irvine, welche auch für das Offensivspiel ganz unterschiedliche Qualitäten mitbringen (plus die zwei offensiven AVs natürlich). Insgesamt erlauben die ZMs im Kader doch eine recht große Variabilität, so dass man auch nicht unbedingt an dem ein-Sechser-System festhalten müsste.

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