Die Saison 21/22 der Achter des FC St. Pauli

Die Saison 21/22 der Achter des FC St. Pauli

Bevor der FC St. Pauli in die nächste Spielzeit startet, wollen wir uns die Leistungen der Spieler in der Saison 21/22 genauer anschauen. Dazu haben wir tief in die Statistiken geschaut. Diese zeigen: Von den Halbpositionen muss mehr Torgefahr ausgehen.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Um die Saison 21/22 abzuschließen, haben wir uns die Leistungen sämtlicher Spieler des FC St. Pauli anhand von Statistiken genauer angeschaut. Aufgrund der Fülle von Daten, werden wir das nach Positionen getrennt raushauen. Bereits veröffentlicht wurden Analysen zu den Torhütern, den Innenverteidigern, den Außenverteidigern und den defensiven Mittelfeldspielern. Nun also die Achter des FCSP.

Spielzeit

Neben Nikola Vasilj im Tor gab es vier weitere Säulen beim FC St. Pauli auf dem Platz, was die Spielzeit angeht: Leart Paqarada, Guido Burgstaller, sowie Marcel Hartel und Jackson Irvine. Das ist an sich schon eine Weiterentwicklung beim FCSP, da es lange Zeit nur ein, zwei oder sogar gar keine Spieler gab, die mehr als 30 Spiele in einer Saison absolvieren konnten. Nun gab es mit Irvine und Hartel gleich zwei Spieler auf der Achter-Position, die fast verletzungsfrei durch die Saison kamen und entsprechend zum Erfolg beitrugen.

Gerade Marcel Hartel darf als echtes Duracell-Häschen bezeichnet werden. Seit er Mitte August zum FC St. Pauli kam, verpasste er nur das drittletzte Saisonspiel aufgrund einer Gelbsperre. Ansonsten stand er in allen Spielen, also in 34 Partien, meist für 90 Minuten auf dem Platz und ist so mit 2.878 Einsatzminuten Spitzenreiter. Dahinter folgt Jackson Irvine, der allerdings zu Saisonbeginn eine Verletzung auskurieren musste und dadurch erst etwas später als Hartel zum Einsatz kam, ebenfalls eine Gelbsperre absaß und das Spiel gegen Rostock aufgrund eines positiven Corona-Tests verpasste. Insgesamt waren es für Irvine 31 Spiele mit 2.401 Einsatzminuten.
Mit einigem Abstand zu den beiden, meist fitten, Stammspielern folgen Finn Ole Becker (24 Einsätze, 1.293 Minuten) und Christopher Buchtmann (24 Einsätze, 744 Minuten). Zudem wurde zu Saisonbeginn der inzwischen zu Jahn Regensburg abgewanderte Christian Viet auf der Acht eingesetzt, dessen Spielzeit aber zu kurz ist, um sie statistisch genauer zu betrachten. Auch Rico Benatelli agierte das ein oder andere Mal auf der Acht, allerdings sehr viel häufiger auf der Sechs, sodass wir seine Leistungen im Artikel zu den Sechsern bereits beleuchtet haben.

Deutschland, Dresden, 27.10.2021, Fussball DFB-Pokal 2. Runde, Dynamo Dresden - FC St. Pauli im Rudolf-Harbig-Stadion Jubel bei Christopher Buchtmann (FC St. Pauli) nach nach seinem Tor zum 2:3
24 Einsätze, 744 Minuten – sicher nicht ganz das, was Christopher Buchtmann sich vorgestellt hat.
(c) Peter Böhmer

Interessant finde ich, dass es sich bei Hartel, Irvine, Becker und Buchtmann um die laufstärksten Spieler im Kader des FC St. Pauli handelt. Hartel und Irvine zählen mit durchschnittlich mehr als zwölf Kilometern pro Spiel sogar zu den Top10 der Liga. Das zeigt ziemlich gut, wie hoch der Anspruch an die Achter beim FCSP ist und macht es aus meiner Sicht umso bemerkenswerter, dass Hartel und Irvine so viele Spiele absolvierten.
Aber klar, Laufstärke allein ist nicht alles (vor allem, wenn man nur die Laufdistanz und nicht die Anzahl an Sprints und intensiven Läufen betrachtet). Schauen wir uns also mal die Leistungen der vier Achter beim FCSP genauer an.

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Marcel Hartel – stets eine gute Verbindung

Mit viel Vorschusslorbeeren kam Marcel Hartel im August 2021 ans Millerntor. Direkt nach seinem ersten Einsatz (bei der erfolgreichen Stadtmeisterschaft gegen den HSV) war klar: Hartel ist eine echte Verstärkung für den FC St. Pauli und er füllt die Rolle der Halbpositionen nahezu perfekt aus. Das zeigen auch die Daten:

Radar-Grafik von Marcel Hartel im Vergleich zum Median aller zentralen Mittelfeldspieler der 2. Bundesliga der Saison 21/22.

Im Vergleich zu allen anderen zentralen Mittelfeldspielern der 2. Bundesliga (ausgenommen die Zehner) zeigte Hartel genau die Leistungen, die man von ihm auch erwarten durfte. Defensiv ist er eher unterdurchschnittlich unterwegs, was sicher zum Teil auch einfach körperlich bedingt ist (besonders in der Luft). Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist sein guter Wert bei den abgefangenen Pässen, der zeigt, dass Hartel vielleicht in den direkten Duellen etwas Nachteile hat, diese aber durch geschicktes Stellungsspiel und Laufbereitschaft teilweise ausgleichen kann.

Komplett überdurchschnittlich ist Hartel in allen für seine Position relevanten Offensiv-Kriterien unterwegs. Seine größte Stärke ist sein Passspiel, mit dem er Verbindungen für den FCSP zwischen Defensive und Offensive erschuf und zusammen mit Daniel-Kofi Kyereh die wichtigste Anspielstation für Leart Paqarada war. Diese Stärke, Verbindungen in die Offensive zu schaffen, ist elementarer Bestandteil des FCSP-Offensivspiels und hätte ohne einen regelmäßig auf dem Platz stehenden Marcel Hartel schlicht nicht so zuverlässig funktioniert.

Kurz vor Saisonende, als es sportlich nicht mehr so rund lief, haben wir im Blog bereits einen Artikel veröffentlicht, der eines der Kernprobleme der Achter-Positionen beim FC St Pauli beleuchtete: Fehlende Torgefahr. Zum gleichen Schluss kam auch Timo Schultz in seiner Analyse nach Saisonende. Und das ist ein Punkt, der auch ziemlich direkt an Marcel Hartel zu richten ist. Denn trotz überdurchschnittlichen Werten bei Torschüssen und expected Goals sind nur zwei Saisontore herausgekommen, was nach xG gerne doppelt so viele hätten sein dürfen. Dieses Thema leitet dann auch ziemlich gut zum nächsten Achter des FCSP weiter.

Marcel Hartel und die Torschüsse – die einzig wirkliche Baustelle in seinen ansonsten sehr guten Leistungen für den FCSP.
(c) Peter Böhmer

Jackson Irvine – radikales Element mit unterschiedlichen Aufträgen

Auch bei Jackson Irvine ist eine Diskrepanz zwischen xG-Wert und erzielten Toren vorhanden, sogar noch eklatanter. Einen Treffer hat er auf der Haben-Seite, fast fünf hätten es nach xG sein dürfen. Interessant ist beim Blick auf seine Statistiken, dass er diesen hohen xG-Wert hat, obwohl er erheblich seltener als Marcel Hartel auf das Tor schießt. Irvine bewegt sich enorm gut im gegnerischen Strafraum und bringt sich so in gute Abschlusspositionen, was einen höheren xG-Wert bei weniger Torschüssen erklärt.

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Radar-Grafik von Jackson Irvine im Vergleich zum Median aller zentralen Mittelfeldspieler der 2. Bundesliga der Saison 21/22.

Worin Jackson Irvine noch extrem gut ist? Zweikämpfe am Boden und in der Luft. Irvine hat die zweitbeste Quote aller zentralen Mittelfeldspieler in Kopfballduellen. Das ist enorm stark. Zudem ist seine Erfolgsquote bei Bodenduellen und auch in Sachen abgefangener Pässe überdurchschnittlich. Wenig verwunderlich also, dass er zum Ende der Saison zeitweise im defensiven Mittelfeld spielte. Ich denke, dass wir uns an einen defensiveren Jackson Irvine auch in der kommenden Saison gewöhnen dürfen.

Die Daten zeigen auch, dass Irvine die Achter-Position ganz anders interpretierte als Marcel Hartel. Insgesamt hatte er in der Offensive viel weniger Ballaktionen als sein Gegenüber. Er positionierte sich meist weit höher und konnte dadurch weniger Verbindungen schaffen. Da das Spiel des FC St. Pauli aber ohnehin linkslastig war, könnte ich mir vorstellen, dass sich seine Positionierung etwas verändert hätte, wenn das eigene Aufbauspiel etwas mehr über rechts stattgefunden hätte.

Finn Ole Becker – ein schwieriges Jahr

…hatte Becker ganz sicher beim FC St. Pauli. Für einen hochtalentierten Spieler, der zur kommenden Saison in die Bundesliga nach Hoffenheim wechselt, hat er nicht nur eher wenig Spielzeit in der zweiten Liga gesammelt, sondern auch eher selten überzeugen können. Der Grund dafür liegt bei den eigenen Schwächen und den Stärken der team-internen Konkurrenz, wie die Daten zeigen:

Radar-Grafik von Finn Ole Becker im Vergleich zum Median aller zentralen Mittelfeldspieler der 2. Bundesliga der Saison 21/22.

Denn es ist auffällig, dass sich die Radar-Grafiken von Marcel Hartel und Finn Ole Becker ähnlich sind. Beide sind in der Offensive sehr produktiv, Becker generell im Passspiel, bei den Schnittstellenpässen und den Dribblings sogar etwas mehr als Hartel. Allerdings weist er defensiv dann doch teils deutlich schlechtere Werte auf als Hartel, was das interne Duell dieser beiden Spieler um den Platz in der ersten Elf sicher mitentschieden haben dürfte.

Aber da auch Marcel Hartel defensiv nicht unbedingt Maßstäbe setzte, stellt sich die Frage, ob der FC St. Pauli gleich zwei Spieler auf der Acht verträgt, die offensiv zwar sehr produktiv, aber defensiv eben mit leichten (oder stärkeren) Schwächen agieren. Je länger die Spielzeit 21/22 dauerte, umso deutlicher wurde die Antwort auf diese Frage: Die Physis und defensive Stärke von Jackson Irvine im zentralen Mittelfeld wurde unverzichtbar, um ein gewisses Gleichgewicht im Spiel des FC St. Pauli zu behalten. Entsprechend wurde es für Finn Ole Becker eine Saison, die sicher nicht als zufriedenstellend bezeichnet werden kann.

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Auch eher untypisch, dass ein Spieler, der nicht zum Stammpersonal eines Zweitligisten zählt in die erste Liga wechselt.
(c) Peter Böhmer

Christopher Buchtmann – aus der Zeit gefallen

Die Überschrift klingt ziemlich hart. Aber sie trifft aus meiner Sicht ziemlich genau das Problem von Christopher Buchtmann beim FC St. Pauli. Jahrelang war es an ihm aus dem Mittelfeld für kreative Momente und Torgefahr zu sorgen. In den letzten drei Jahren wurde er aber links und rechts überholt und spätestens mit der Einführung der Mittelfeldraute und den daraus folgenden Ansprüchen in Sachen Tempo und Technik an Buchtmanns Position, war klar, dass er irgendwie wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit des Fußballs beim FC St. Pauli wirkt.

Radar-Grafik von Christopher Buchtmann im Vergleich zum Median aller zentralen Mittelfeldspieler der 2. Bundesliga der Saison 21/22.

Denn Christopher Buchtmann bringt sicher vieles mit, um erfolgreichen Fußball zu spielen und hat das auch lange Zeit am Millerntor getan. Beim nun geforderten Tempo konnte er aber einfach nicht mehr ganz mithalten. Entsprechend sieht auch seine Radar-Grafik aus. Einzig bei der Anzahl der Torschüsse und den xG-Werten liegt er deutlich über dem Liga-Durchschnitt. Der Zug zum Tor war auch in den vielen Jahren zuvor eine seiner großen Stärken. Und ganz im Gegensatz zu seinen Kollegen auf dieser Position hat er diese Möglichkeiten auch genutzt (xG pro 90min: 0.15; Tore pro 90min: 0.17). Trotzdem reichte das nicht aus, um sich als ernsthafte Option für die Startelf zu empfehlen. Zu groß waren die anderen Baustellen. Die Zeit von Buchtmann beim FC St. Pauli war, das klingt schon wieder hart, gekommen.

Zwei der vier Spieler, die in der letzten Saison auf der Acht spielten, sind in der kommenden Saison nicht mehr im Kader. Mit Hartel und Irvine bleiben dem Team aber die beiden Stammspieler auf dieser Position erhalten. Zudem gibt es mit Connor Metcalfe und Carlo Boukhalfa Ersatz für die Abgänge. Gerade bei Boukhalfa ist davon auszugehen, dass er ohne große Anlaufschwierigkeiten diese Position ausfüllen kann, da er bereits letzte Saison in der 2. Liga gute Leistungen zeigte. Ob und wie viel Anlaufzeit Metcalfe brauchen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht seriös einschätzbar. Es ist aber davon auszugehen, dass er, obwohl er Nationalspieler ist, ein wenig länger brauchen wird. Denn die australische Liga ist zum einen etwas schwächer einzuschätzen als die 2. Bundesliga und zum anderen ist der Fußball dort dann doch etwas anders geprägt.

Sollten Irvine und Hartel erneut eine Saison spielen, in der sie größtenteils fit sind, dann bleibt das zentrale Mittelfeld des FC St. Pauli eine der Stärken des Teams. Wenn noch die einzig signifikante Schwäche abgestellt wird, also ein paar mehr Tore erzielt werden, dann ja dann…
// Tim

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Sofern nicht anders markiert, stammen sämtliche Statistiken von Wyscout.

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One thought on “Die Saison 21/22 der Achter des FC St. Pauli

  1. Pro Becker hätte gesprochen, dass er torgefährlicher ist als Hartel und Irvine (Scorerpunkte: Becker 1/~200 Minuten, Irvine: 1/~400, Hartel: 1/~300). Zudem hätte ich mir gewünscht, dass Irvine früher auf die 6 gewechselt wäre und Becker mal ein paar Spiele am Stück machen darf.
    Irvine hat sich durch die hohe Positionierung zum Teil seiner Stärke im defensiven Zweikampf beraubt, dies aber auch nicht durch Torbeteiligungen gerechtfertigt. Zudem wurde das Aufbauspiel über links dadurch erzwungen, da die Alternative häufig nur im langen Ball Bestand. Das hat meines Erachtens zu Beginn der Saison (bis zu Beckers Verletzung) ausgeglichener funktioniert.

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