Ganz schön viel passiert

Ganz schön viel passiert

Mit etwas Abstand ist Holstein Kiel hinter dem FC St. Pauli der dienstälteste Zweitligist. Der Blick auf die letzten Aufeinandertreffen zeigt: Es ist (fast) immer was los, wenn Kiel und der FCSP gegeneinander spielen.
(Titelbild: Stefan Groenveld)

Während in diesem Artikel zurückgeschaut wird auf die letzten Begegnungen des FC St. Pauli mit Holstein Kiel, könnt ihr den Blick auch bereits nach vorn werfen: Im „Vor dem Spiel“-Gespräch von Luca mit Matthias, der die KSV als Sportjournalist, Blogger und Podcaster begleitet, geht es primär um die Frage, wie dieser starke Kieler Saisonstart zustande kommt. Luca und Matthias beleuchten aber auch das Thema „LED-Werbebande“, welches in Kiel zuletzt hohe Wellen schlug.

Spätestens Samstagmorgen erscheint dann auch der Vorbericht zur Partie, nachdem die vielen Zitate von der Pressekonferenz am Freitag in den üppigen Artikel gequetscht wurden. Damit habt ihr dann auch den Grund erfahren, warum wir hier den „Blick zurück“ vom Vorbericht splitten. Es gibt einfach zu viel zu berichten und wir wollen Euch seltener mit Artikeln in Form daumendicker Bücher erschlagen. Wir brechen damit sozusagen ein paar Strukturen auf, sezieren sie in Einzelteile und setzen sie neu zusammen (schöne Grüße an den Erdbeerfressenden Drachen an dieser Stelle).

Nur Osnabrück war häufiger Gegner

Ganze 85-mal standen sich der FC St. Pauli und Holstein Kiel bereits gegenüber. Als wäre das nicht genug, gab es gerade letztes Jahr auch noch zwei Testspiele gegeneinander. Die meisten dieser Begegnungen fanden in der Oberliga Nord (1947 bis 1963) statt. Ab 1963 ging es dann in der Regionalliga weiter. Von 1947 bis 1974 spielten beide Clubs ununterbrochen in der gleichen Spielklasse. Der FCSP stieg 1974 in die neu gegründete 2. Bundesliga auf und beendete die gemeinsame Zeit. Doch bereits fünf Jahre später kam es in der 2. Bundesliga Nord zum erneuten Aufeinandertreffen, allerdings nur für eine Saison.

In den 80er-Jahren spielten dann beide Clubs für einige Jahre zusammen in der Oberliga Nord, ehe sich die Wege 1986, da gab es mich schon, für fast zwanzig Jahre trennten. Erst in der Saison 03/04 kam es zum Wiedersehen, in der Regionalliga Nord – nach dem 1:2 im Rückspiel im Frühjahr 2004 gab es mich mit „leichter“ Schräglage in der Küche des Clubheims und ich sabbelte Kiels Co-Trainer Andre Trulsen voll, dass er unbedingt zurückkommen muss (danke für das Aushalten, Truller!). Am Ende der Saison 06/07 feierte der FCSP den Aufstieg in die 2. Bundesliga (mit Andre Trulsen als Co-Trainer!) und so dauerte es weitere zehn Jahre, bis zur Saison 17/18, ehe es zum nächsten Aufeinandertreffen kam. Das war dann in der 2. Bundesliga und da gab es dann auch schon den MillernTon.

Duell der Dienstältesten

Inzwischen ist der FC St. Pauli der dienstälteste Zweitligist. Mit einigem Abstand dahinter folgen Holstein Kiel und der HSV. In den insgesamt zwölf Begegnungen seit der Saison 17/18 gab es für den FCSP fünf Siege, zwei Unentschieden und fünf Niederlagen, die Bilanz ist also ausgeglichen. Erfreulich, da die Partie am Millerntor stattfindet: Zuhause gab es drei Siege, zwei Unentschieden und nur eine Niederlage.

Banner-Klau und Walter-Ball

In der Saison 17/18 trafen beide Clubs zum ersten Mal in der eingleisigen zweiten Liga aufeinander. Und die Geschehnisse abseits des Platzes waren dabei wesentlich wichtiger, als der sportlich eher mühsam erarbeitete 1:0-Erfolg in Kiel. Die Organisation des Gastgebers vor dem Gästeblock ist mit „chaotisch“ noch gut beschrieben. Im Stadion angekommen, konnte man dann einen Banner-Klau beobachten, samt Zurückeroberung. Alles zusammengestellt von Maik, damals noch beim Übersteiger-Blog.
Im Rückspiel gab es dann eine schöne „Stay rude, stay rebel“-Choreo auf der Süd und Christopher Avevor köpfte kurz vor Schluss zum spielentscheidenden 3:2 ein.

Choreo der Südkurve vor dem Spiel des FC St. Pauli gegen Holstein Kiel im Frühjahr 2018.

Es folgte eine Saison mit einem gewissen Tim Walter als Trainer in Kiel. Für den FCSP gab es zwei Niederlagen. Vor allem jene in Kiel tat weh, weil man lange Zeit in Überzahl spielte, sich aber von mutigen Kielern komplett den Schneid abkaufen ließ (hier eine schöne Taktik-Analyse dazu von Eduard Schmidt, der heute Spielanalyst beim SC Paderborn ist). Der Spielverlauf passte sowieso ganz gut zur damals vorherrschenden Stimmung nach der Derbyniederlage – und dann gab es auch noch massive Diskussionen um ein Banner, weil Jeremy Dudziak sich entschied zum HSV zu wechseln.

Wenige Monate nach dieser ernüchternden Niederlage, feierte James Lawrence sein Debüt für den FC St. Pauli. Und er dürfte sich gefragt haben, in welch krassem Verein er gelandet ist. Denn er traf direkt im ersten Spiel und erlebte an diesem späten Sommerabend ein besonders lautes Millerntor – und jetzt alle: SaaaangT POW!-LEEEHEE!
So rauschhaft das Hinspiel der Saison 19/20, so katermäßig das Rückspiel: Henk Veerman verschoss im Februar 2020 in der Nachspielzeit in Kiel einen Elfmeter und Viktor Gyökeres noch später einen indirekten Freistoß im gegnerischen Strafraum. Fazit: Das goldene Stück Scheiße gehört uns!

Perfekter Saisonauftakt und Anfang vom Ende

Hätte ich gewusst, was wenige Tage nach der Niederlage in Kiel im Februar 2020 noch passieren würde, ich hätte sicher nicht vom „goldenen Stück Scheiße“ geschrieben, denn immerhin konnten wir uns das im Stadion anschauen. In der folgenden Saison war das nicht der Fall. Der erste Treffer von Omar Marmoush im FCSP-Trikot und die Geburtsstunde der Mittelfeldraute fand Anfang 2021 vor einer Geisterkulisse statt. Einige Monate später, als der FC St. Pauli den vor dem Hinspiel arg wankenden Klassenerhalt bereits sicher hatte, gab es dann eine deutliche 0:4-Niederlage in Kiel.

Es dauerte nicht lange, bis sich der FCSP für diese Niederlage revanchieren konnte: Holstein Kiel war im Juli 2021 zu Gast zum Saisonauftakt am Millerntor. Der FC St. Pauli zeigte sich in äußert bestechender Frühform und ließ den Kielern beim 3:0-Erfolg nicht den Hauch einer Chance. Es folgte ein Rausch, der in einer überlegenden Herbstmeisterschaft endete.
Und dann startete bereits vor der Winterpause der Kater: Beim Rückrundenauftakt in Kiel, bei dem die Störche mit einer Fünferkette agierten, war der FCSP mit einem 0:3 noch sehr gut bedient. Rückblickend betrachtet war das bereits der Anfang vom Ende der Aufstiegshoffnungen.

So kam es dann auch in der letzten Saison zum Aufeinandertreffen zwischen Holstein Kiel und dem FC St. Pauli. Und zum ersten Mal seit sehr, sehr langer Zeit – seit der Saison 67/68 nämlich – gab es ein torloses Unentschieden. Dem FCSP fehlte in dieser Partie wohl aufgrund einer bis dahin ergebnistechnisch extrem schwachen Hinrunde der Mut. Das Rückspiel war dann jedoch eine Entschuldigung für das Hinspiel: Der FC St. Pauli gewann in Kiel mit sage und schreibe 4:3. Für den Aufstieg reichte das aber nicht mehr.

Und weil es eben weder für Kiel (2x in der Relegation) noch für den FCSP in den letzten Jahren zum Aufstieg reichte, kommt es nun am Sonntag zum insgesamt 86. Aufeinandertreffen beider Teams. Ob man will oder nicht, die Partie zwischen dem FC St. Pauli und Holstein Kiel ist ein Traditionsduell.

// Tim

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