Vorbericht: FC St. Pauli – SSV Jahn Regensburg (26. Spieltag, 22/23)

Vorbericht: FC St. Pauli – SSV Jahn Regensburg (26. Spieltag, 22/23)

Im Heimspiel gegen den SSV Jahn Regensburg möchte der FC St. Pauli den neunten Sieg in Serie feiern. Doch auch die Formkurve der abstiegsbedrohten Regensburger zeigte zuletzt nach oben. In die Karten des FCSP könnte die gegnerische Formation spielen. Der Vorbericht.
(Titelbild: Peter Böhmer)

Zur Vorbereitung auf das Spiel empfehle ich Euch das „Vor dem Spiel“-Gespräch von Michael mit Philip vom turmfunk und 1889fm, welches wie immer einen viel tieferen Einblick in die aktuelle Situation beim kommenden Gegner liefert, als es die Vorberichte tun.

Der Blick zurück

Kaum zu glauben, aber der SSV Jahn Regensburg ist hinter dem FC St. Pauli, dem SV Sandhausen und dem 1. FC Heidenheim der dienstälteste Zweitligist (zusammen mit Darmstadt und Kiel), spielt seit der Saison 17/18 in der 2. Bundesliga. Entsprechend gibt es ein paar mehr Spielberichte, die im Laufe der Zeit geschrieben wurden:

und täglich grüßt…
Der jüngste Spielbericht ist dabei auch zugleich der beschissenste. Sechs Spiele lang hatte Jahn Regensburg keinen eigenen Treffer erzielt. Das sind nicht weniger als Äonen im Profifußball. Aber dann kam der ruhmreiche FCSP ins Jahn-Stadion und verlor mit 0:2 – we call it a Klassiker!

Mit viel Luft nach oben an die Tabellenspitze
Richtig wild war das Spiel wenige Monate zuvor in Regensburg. Mit 3:2 konnte der FC St. Pauli gewinnen, spielte dabei eine fantastische erste Halbzeit, hatte dann im zweiten Abschnitt aber eine ganze Menge Glück. Warum die erste Hälfte dieses Spiels auch Auswirkungen auf das jetzige Aufeinandertreffen haben dürfte, wird später im Artikel angesprochen.

Freude schöner Fußballzauber!
Mit ganz viel Geduld spielte der FC St. Pauli in der Hinrunde 21/22 die eigene Überlegenheit aus. Und an dem im Spielbericht formulierten Satz „Selten waren die Tore für den FC St. Pauli so hochverdient wie am Sonntag gegen Regensburg.“ möchte ich dieses Wochenende eigentlich nur das Wort Sonntag in Samstag verändern müssen.

Kein perfekter Abschluss
Einfach zum Vergessen war das Auswärtsspiel des FC St. Pauli in Regensburg im Mai 2021 (ich wette, die meisten von Euch hatten es bereits wieder vergessen). Für den FCSP ging es um nichts mehr – und so spielten sie leider auch. Das 0:3 war dann auch in der Höhe verdient.

Herrscher des Chaos!
Viel bedeutender war da schon das Hinspiel 20/21. Der 2:0-Heimerfolg am 17. Spieltag war das erste Spiel ohne Gegentor in der Saison. Dabei verdiente sich der FC St. Pauli ein Fleißsternchen in Sachen Einsatz und konnte so mit dem geplant chaotischen Spiel der Regensburger umgehen.

Szenario Chaos
Ich muss zugeben, ich habe die Titel, die ich MillernTon-Artikeln gegeben habe, nicht mehr alle im Kopf. Erst kürzlich ist mir aufgefallen, dass ich zwei Artikel sogar mit der identischen Überschrift veröffentlicht habe und nichtmal ein Jahr zwischen der Veröffentlichung lag (aber ich verrate nicht, welche das sind). Und beim Zusammenstellen der Regensburg-Spielberichte sticht mir doch glatt das Wort „Chaos“ gleich zweimal ins Auge. Naja, immerhin ist der Rest unterschiedlich.
Nicht ins Auge, dafür aber in die Nase meiner damals dreijährigen Tochter stieg der Duft, der über die Gegengerade wehte: „Papa, hier riecht es nach Süßigkeiten“ – Hach ja, das tut es…

Deutschland, Hannover, 23.07.2022, Fussball 2. Bundesliga 2. Spieltag, Hannover 96 - FC St. Pauli in der Heinz von Heiden Arena Jubel bei Jackson Irvine (FC St. Pauli) nach dem Tor zum 2:2 mit Adam Dzwigala (FC St. Pauli)
Was es noch nie für den SSV Jahn Regensburg gab? Ein Kopfball-Gegentor durch Jackson Irvine. Und ja, das soll hier als Motivation dienen daran etwas zu ändern.
(c) Peter Boehmer

FC St. Pauli: Wer kann spielen, wer fehlt?

Alle Nationalspieler sind gesund von ihren Reisen zurückgekommen. Das ist eine der guten Nachrichten, die Fabian Hürzeler auf der Pressekonferenz vor dem Spiel verkündete. So erwartete er die inzwischen schon üblichen Verdächtigen auf dem Trainingsplatz nach der PK am Donnerstag.

Das bedeutet, dass nur Etienne Amenyido, David Nemeth und Igor Matanovic sicher fehlen werden. Nemeth und Amenyido machen aber gute Fortschritte, wie Hürzeler erklärte. Wieder einsatzbereit werden Afeez Aremu und Luca Zander sein, die zuletzt im Spiel gegen den SV Sandhausen fehlten. Auch Jakov Medić mischt beim Training wieder voll mit, nachdem er beim Test gegen Hannover 96 von Mitspieler Sascha Burchert am Kopf getroffen wurde.

SSV Jahn Regensburg: Wer kann spielen, wer fehlt?

Ganze 58 Sekunden lang ist der Zusammenschnitt, den es von der Pressekonferenz des SSV Jahn Regensburg vor dem Spiel gegen den FC St. Pauli gibt (youtube). Auf der vereinseigenen Internetseite ist der Artikel zur PK sogar in eher noch kürzerer Zeit durchgelesen. Schade eigentlich, denn besonders die Personalsituation bei Regensburg ist äußerst interessant. (Moment! Update: Ich habe einfach nicht richtig gesucht: Hier ist die PK in voller Lönge (sieben Minuten))

Denn während der Länderspielpause waren vier Spieler auf Reisen (Scott Kennedy, Blendi Idrizi, Jonas Urbig und Lasse Günter). Der Rest sollte letzte Woche ein Testspiel gegen den 1. FC Nürnberg bestreiten, welches aber aufgrund einer Corona- und Grippewelle im Kader der Oberpfälzer ausfallen musste. All jene Spieler seien zwar wieder zurück im Training, aber Selimbegovic erklärt: „Bei 100 Prozent ist wohl keiner von den Genannten.“ (einzig der Name Thorsten Kirschbaum fällt in diesem Zusammenhang, sodass mir nicht klar ist, welche Spieler krank waren). Fehlen wird zudem neben dem Langzeitverletzten Oscar Schönfelder ein ganz wichtiger Spieler: Kapitän und Sechser Benedikt Gimber fällt aufgrund seiner zweiten Gelb-Sperre aus und die Tatsache, dass es bereits seine zweite ist zeigt ganz gut, in welchem Bereich er dem Team fehlen wird.

Was hat Regensburg zu bieten?

Eine wirklich komische Saison haben die Regensburger bisher hinter sich. Zum Saisonstart gab es zwei Siege ohne Gegentor. Auch das dritte Spiel blieb ohne Gegentreffer, aber auch selbst trafen sie das Tor nicht. Das war der Auftakt von sechs Spielen ohne eigenes Tor (das Ende hatte ich bereits beschrieben). Danach gab es insgesamt sieben Punkte aus vier Spielen, ehe es nur zwei Punkte aus zehn Spielen zu holen gab.

So fanden sich die Regensburger nach 23 Spieltagen auf dem letzten Tabellenplatz wieder. Und das zu diesem Zeitpunkt auch nicht zu Unrecht, wenngleich die Statistiken zeigen, dass da schon etwas mehr zu holen ist. Bei anderen Vereinen sicher wenig überraschend aufgrund der Sieglosserie, aber bei Jahn Regensburg schon besonders: Im Februar hing bereits ein großes „Mersad raus“-Banner im Jahnstadion, allerdings nicht bei der aktiven Fanszene, sondern bei den „Grantlern“, wie Robert im letzten Zweitliga-Kurzpass des Rasenfunk erklärte.

Kern-Statistiken des SSV Jahn Regensburg nach 25 Spieltagen der 2. Bundesliga in der Saison 22/23
Kern-Statistiken des SSV Jahn Regensburg nach 25 Spieltagen der 2. Bundesliga in der Saison 22/23

Der Blick in die Statistiken bestätigt, dass der SSV Jahn Regensburg in dieser Saison eher gegen den Abstieg als um den Aufstieg spielt. Allerdings sind die Zahlen etwas trügerisch. Denn defensiv (40 Gegentore, xG: 36.9) und offensiv (25 Tore, xG: 31.5) gehört das Team zu den Unterperformern. Genauer gesagt hat der SSV Jahn Regensburg sogar den FC St. Pauli als größter Unterperformer der Liga abgelöst. Zum Vergleich: Der 1. FC Heidenheim hat einen leicht höheren eigenen xG-Wert (33.7), aber mehr als doppelt so viele eigene Treffer erzielt (51) – und ist damit by far der größte Überperformer der Liga.

So erwartet auch Fabian Hürzeler einen sehr viel stärkeren Gegner, als es die Tabelle vermuten lässt: „Ich erwarte ein ausgeglichenes, ein schweres Spiel. Weil Regensburg die letzten Spiele einfach sehr gut performed hat. Weil sie in jedem Spiel, egal gegen wen sie gespielt haben, immer ihre zwei-drei Aktionen pro Halbzeit haben, wo sie sehr gefährlich werden.“

Nein, das ist nicht das übliche Starkreden des Gegners. Das liegt daran, dass es Regensburg seit Jahren gelingt trotz leichter individueller Unterlegenheit die Spiele zu einem „coin flip“ zu machen. Ursächlich dafür sind zumeist die eigene Arbeit gegen den Ball (es hat einen Grund, warum zwei alte Berichte von Spielen gegen Jahn Regensburg das Wort „Chaos“ im Titel tragen), aber auch gegen den Gegner (zweitmeiste Fouls der Liga). Seit sie in der zweiten Liga spielen, waren sie nur ein einziges Mal nicht unter den Top2 in der Foul-Statistik. Zumeist balgen sie sich übrigens mit dem SV Sandhausen um den Spitzenplatz.

Doch einzig die Reduktion auf Defensivarbeit und Fouls passt beim SSV Jahn Regensburg auch nicht so richtig. Denn das Team hat auch offensiv etwas zu bieten. Auffällig ist, dass es häufiger den Weg ins Dribbling sucht. Und dabei sind sie sehr erfolgreich (viertbeste Quote der Liga). Ein Grund dafür ist ein Spieler, der in der Hinrunde gar nicht zum Einsatz kam: Sarpreet Singh (Leihgabe des FC Bayern München) war erst verletzt und dann wurde klar, dass man vergessen hatte ihn zum Spielbetrieb anzumelden. Dessen Stärken beschreibt Hürzeler ausführlich:

„Ich schaue Sarpreet Singh sehr gerne beim Fußballspielen zu. Er erinnert mich so ein bisschen an Bernardo Silva, auch wenn das ein hoher Vergleich ist. Ein kleiner, quirliger Dribbler, der ein sehr guten linken Fuß hat. Er geht nicht umbedingt mit Speed am Gegner vorbei, ist aber so clever, dass er im richtigen Moment seinen Haken setzt und dann sehr gute Entscheidungen trifft. Er hat einen guten Abschluss, schlägt gute Flanken, hat ein gutes Gefühl für den Raum – ein Spieler, dem ich sehr gerne zugucke und der wirklich individuelle Klasse besitzt.“

Fabian Hürzeler über Sarpreet Singh

Zudem hat Jahn Regensburg offensiv noch zwei Angreifer, die beide bereits zeigten, dass sie dem FC St. Pauli richtig wehtun können: Andreas Albers, der im Hinspiel doppelt traf, zuletzt aber angeschlagen fehlte, und Prince Owusu, der dem FCSP im Trikot von Erzgebirge Aue im ersten Spiel des Jahres 2022 am Millerntor richtig große Probleme bereitete (Hürzeler: „Owusu hat ein sehr gutes Gesamtpaket – wir müssen ihn gemeinsam verteidigen und tiefe Bälle und Flanken verhindern“).
Es ist aber nicht ganz klar, ob überhaupt beide zeitgleich auf dem Platz stehen werden. Was dann überleitet zur personellen Aufstellung beider Teams.

Mögliche Aufstellung

Der SSV Jahn Regensburg agiert eigentlich fast immer mit einer Viererkette und davor mit einer Doppelsechs. Vor etwas mehr als einem Jahr versuchten sie es mal etwas anders und wollten dem FC St. Pauli mit einer Dreierkette begegnen. Dank viel Glück stand es nach 45 Minuten nur 0:2 aus Sicht der Regensburger, sodass sie noch während der Partie umstellten.

Auch in dieser Saison agierte das Team zumeist mit einer Viererkette. Leichte Veränderungen gibt es eigentlich nur weiter vorne, wo entweder mit einem Zehner oder zwei Angreifern agiert wird. Wenn Regensburg mit einer Zehn spielt, dann ist es ein richtig klassisches 4-2-3-1. Bei der Formation mit zwei Angreifern ist es ein flaches 4-4-2, wobei die äußeren Mittelfeldspieler fast schon Außenstürmer sind.

Da Stamm-Angreifer Albers wieder fit ist, aber Owusu in seiner Abwesenheit einen sehr guten Eindruck hinterlassen hat, steht Mersad Selimbegovic entweder vor der Qual der Wahl oder aber er wird beide Spieler starten lassen. Das würde dann dazu führen, dass Albers aus einer etwas tieferen Position agiert als Owusu. Wenn dem so ist, so müsste der FCSP in Form von Irvine sicher darauf reagieren, da Albers sehr kopfballstark ist.

Erwartete Aufstellung beim Spiel des FC St. Pauli gegen den SSV Jahn Regensburg
Erwartete Aufstellung beim Spiel des FC St. Pauli gegen den SSV Jahn Regensburg

Aber nochmal zurück zur Viererkette: Denn der SV Sandhausen war das erste Team, welches gegen den FC St. Pauli in der Rückrunde mit einer Viererkette spielte. Und die deutliche Niederlage für den SVS ist auch auf riesengroße Probleme im taktischen Verhalten und bei der Formation zurückzuführen. Wenn man sich das Positionsspiel des FC St. Pauli mal auf einer Taktiktafel zusammenbastelt und da eine Viererkette gegen aufstellt, dann wird deutlich, dass der Gegner etwas verändern muss. Habt ihr also gegen Teams mit Viererketten Vorteile, Fabian Hürzeler?

„Es kommt nicht so sehr darauf an, wie viele Spieler sie in der letzten Linie, sondern im Anlaufverhalten haben. Regensburg läuft manchmal mit zwei Stürmern an, dann schiebt der Sechser nach vorne, sodass es eine Raute wird. Ab und zu laufen sie auch mit einem Stürmer an, dann versucht der ballferne äußere Mittelfeldspieler den ballfernen Innenverteidiger zu schließen. Das sind die Themen, wo ich mein Team drauf vorbereite. Wie schaffen wir es die erste Linie zu durchbrechen? Im letzten Drittel haben wir unsere Abläufe, unsere Prinzipien, da kommt es nicht so sehr darauf an, ob sie mit vier oder fünf spielen.“

Fabian Hürzeler über das Spiel gegen Vierer- oder Fünferketten.

Und Hürzeler ergänzt auf seine Antwort noch, dass sich Jahn Regensburg üblicherweise sehr gut auf den Gegner einstellt. Er geht davon aus, dass „sie sich auch dieses Mal etwas einfallen lassen“. Im Spiel gegen den SC Paderborn habe zum Beispiel „der Sechser den Außenverteidiger angelaufen“ und die Viererkette sei „extrem kompakt“ geblieben. Mit dieser Spielweise würde Regensburg sicher Räume vor der eigenen Kette herschenken (was gegen Daschner und Hartel sicher nicht die beste Idee ist), aber eben auf die Breite des FCSP (insbesondere Afolayan) gut reagieren. Ich bleibe trotzdem dabei: Mit einer Viererkette ist es schwieriger gegen den FC St. Pauli zu gewinnen. Es ergeben sich da einfach immer Löcher, die nur mit hohem Aufwand zu schließen wären. Ich bin entsprechend gespannt, welche Antwort Selimbegovic liefert.

So, nun habe ich viel über die gegnerische Formation geschrieben, aber kein Wort über die eigene verloren. Warum auch? Es sind schließlich keine Veränderungen zu erwarten, auch personell nicht. Der FC St. Pauli dürfte im neunten Rückrundenspiel zum siebten Mal die gleiche Startaufstellung haben. Never change a running system! Choo-Choo!

Forza!
// Tim

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