Die Hamburger Stadtmeisterschaft – Was bisher geschah…

Die Hamburger Stadtmeisterschaft – Was bisher geschah…

Es ist wieder soweit: Der FC St. Pauli und der Hamburger SV treffen sich zur Stadtmeisterschaft. Zeit, sich einen historischen Überblick zu den Duellen zwischen dem FCSP und HSV zu verschaffen.
(Titelbild: Passanten)

Dieser Artikel erschien erstmals im Februar 2021 und wurde jetzt wieder aktualisiert.

Vor der Bundesliga

Ich erspare uns allen die ganz alten Staffeln dieser Serie. Protagonisten, die heute kaum noch jemand kennt, grausame Kameraführung, üble Soundqualität und im Endeffekt auch ohne gravierende Auswirkungen auf den weiteren Verlauf der späteren Staffeln. Das ist wie mit Star Trek: Captain Kirk und so… damals sicher spannend zu sehen, aber heute kann das niemand mehr ernsthaft gut finden. Okay, Spock vielleicht – aber ich schweife ab (und fange mir wahrscheinlich einen kleinen Shitstorm ein).
Beginnen wir also mit „The Next Generation“, um bei Star Trek zu bleiben.

Die 70er

14 Jahre nach Gründung der Bundesliga traf man wieder in einem Pflichtspiel aufeinander (abgesehen vom „Ligapokal“ 1972). Der FC St. Pauli war 1977 erstmals in seiner Vereinsgeschichte in die 1.Bundesliga aufgestiegen. Der letzte Pflichtspielsieg des FCSP lag zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre zurück und stammte aus der Oberliga-Saison 1960. Der HSV hingegen war ’ne ganz große Nummer: Europapokalsieger, Kevin Keegan, Felix Magath, Manfred Kaltz.
HSV-Verteidiger Nogly tippte vor dem Spiel auf ein 8:0.

Doch am 3.September 1977 im Volksparkstadion schossen Franz Gerber (30.) und Wolfgang Kulka (87.) den FCSP zu einem 2:0-Auswärtssieg. Die 48.000 Fans im Stadion gossen kübelweise Häme über die Gastgeber.

Zum Rückspiel traf man sich im Januar 1978, immerhin 35.000 Fans fanden den Weg in den Volkspark, zum „Heimspiel“ des FC St. Pauli. 1:0 durch Franz Gerber, 1:2 zur Halbzeit, Ausgleich durch Rolf Blau in der 65.Minute, aber dann doch das 2:3 durch Felix Magath in der 77. zum Endstand.
Am Saisonende stand für den FCSP der Abstieg und man ging sich fortan wieder langfristig aus dem Weg.

Die 80er und frühen 90er

Das nächste Aufeinandertreffen war dann das bisher einzige Duell im DFB-Pokal. Ein Kunststück, da beide ja oft recht verlässlich in Runde 1 scheitern. Es gab also auch nicht so viele Möglichkeiten, sich da zu sehen.
Im November 1986 traf man sich im Achtelfinale beim HSV. Zuvor war der FCSP war im Sommer ’86 in die 2.Liga aufgestiegen. Kleiner Exkurs: Bei einem der Heimspiele der Aufstiegsrunde ereignete sich am 8. Juni 1986 der „Hamburger Kessel“ auf dem Heiligengeistfeld. Bei diesem setzte die Polizei 861 Kernkraftgegner:innen stundenlang in der prallen Hitze fest. Zu diesem Zeitpunkt waren die Zuschauer:innenzahlen am Millerntor noch sehr übersichtlich und eine breite Solidarisierung suchte man vergeblich. Der Stadionsprecher weigerte sich sogar, per Durchsage zumindest auf die Situation hinzuweisen.

Zurück zum Pokal und zum Derby: St.Pauli hatte auswärts in Runde 1 vor 4.000 Zuschauer:innen den VfL Bochum mit 2:1 besiegt (Tore: Wenzel & Golke) und in Runde 2 „Am Panzenberg“ den Bremer SV vor 1.650 Fans mit 3:0 bezwungen (Golke, Wenzel, Beermann). Der kleine Maik war damals zehn Jahre alt und wohnte fußläufig zum Spielort in Bremen. Dieses 3:0 war mein allererstes St.Pauli-Spiel und ich freue mich einfach darüber, dies endlich mal in einen Artikel einfließen lassen zu können (auch wenn ich damals wohl eher für den BSV war). Bitte entschuldigt, weiter geht’s.

Der Traum von der Derbysensation im Volkspark war für den FCSP hingegen schnell ausgeträumt: Sascha Jusufi traf schon in der 2. Minute für den HSV. Am Ende stand es vor 58.000 Zuschauer:innen glatt und deutlich 6:0 (3:0). Im Sommer gewannen die Rothosen dann übrigens den Pokal gegen die Stuttgarter Kickers und standen vor einer glorreichen Zukunft. Wir wissen heute, dass dies auf alle Zeit der letzte Titel bleiben sollte.

Endlich wieder erste Liga

1988 folgte der erneute Aufstieg des FCSP in die Bundesliga. Dank zweimaligem Klassenerhalt im Oberhaus gab es also sechs Derbys in Folge. Beim ersten Aufeinandertreffen am 6.Spieltag der Saison 88/89 (48.000 Zuschauer:innen) brachte Manfred Kaltz die Gastgeber in der 68.Minute in Führung, Jan Kocian gelang in der 85.Minute der Ausgleich zum 1:1 Endstand. Laut HSV-Fan Axel Formeseyn jubelte bei diesem Tor das ganze Stadion, mit Ausnahme des Block E. (Quelle: „FC St.Pauli. Das Buch“, Hoffmann und Campe-Verlag).

Im Rückspiel (an einem Donnerstagabend) schnupperte der FCSP als „Gastgeber“ im Volkspark vor 53.950 Fans kurz an der Überraschung. Doch die Führung durch Rüdiger „Sonny“ Wenzel (2.Minute) glich Thomas von Heesen (7.) schnell aus und Jan Furtok stellte den 2:1 „Auswärtssieg“ her (34.). Dieses Tor von Wenzel (das erste „Tor des Monats“ eines St.Paulianers) sollte das vorerst Letzte des FCSP in einem Derby bleiben. Denn nach 2x 0:0 in der Spielzeit 89/90, gingen die Partien in der Saison 90/91 mit 0:2 und 0:5 verloren. Über sein Tor sprachen wir mit Sonny Wenzel als Teil unseres Adventskalenders 2022:

Zwei Punkte und sechs Tore fehlten dem FCSP am Saisonende zum rettenden Ufer, es ging in die Relegation gegen die Stuttgarter Kickers. Der Rest ist bekannt und schmerzhaft, führte aber auch, ich wiederhole mich hier gerne, zu einem der vielleicht schönsten Beiträge, die der NDR je im Sportclub gezeigt hat.

Die 90er

Das im Video geäußerte „Wir steigen nächstes Jahr wieder auf!“ sollte sich nicht bewahrheiten. Es dauerte bis 1995, bis sich beide Vereine wieder trafen. Der FCSP war im Sommer nach dem 5:0 gegen den FC Homburg aufgestiegen (unvergessen: Schiedsrichter Bodo Brandt-Chollé!) und im November stand das erste Derby an. Geleitet von Dr. Markus Merk endete die Partie durch einen Strafstoß von Harald Spörl in der 41.Minute mit 1:0, erneut also kein Tor für Braun-Weiß.

Beim Rückspiel im Mai (an einem Sonntag um 18.00h) traf Holger Stanislawski (nach einer Ecke!) zur 1:0-Pausenführung. Stefan Schnoor konnte in der 77. Minute aber noch ausgleichen, Endstand 1:1. Ein Sieg hätte den endgültigen Klassenerhalt bedeutet, aber auch mit fünf Punkten Vorsprung auf die Abstiegsränge sah es gut aus und mit einem Punkt in Karlsruhe am 33. Spieltag war der Klassenerhalt des FCSP dann auch eingetütet. Leverkusen und Kaiserslautern trafen am letzten Spieltag aufeinander und konnten somit nicht mehr beide am FCSP vorbeikommen.
(Andere Geschichte: Andi Brehme und Rudi Völler heulend vor den TV-Kameras)

1996/97: Demütigung gegen neun Mann

Eines der vielleicht bittersten Spiele aus Sicht des FCSP gab es am 6.Spieltag der Saison 96/97. 45.000 Menschen waren im Volkspark dabei, als Stefan Schnoor in der 4. Minute Emerson per Notbremse stoppte und Schiedsrichter Hartmut Strampe die Rote Karte zückte.
86 Minuten Überzahl für die Gäste in Braun-Weiß! Nach einer Stunde flog mit Sven Kmetsch sogar der nächste HSVer runter (Gelb-Rot) – da stand es allerdings bereits 2:0 für die Gastgeber (Bäron 45. & Schopp 47.). St.Pauli bekam zu keinem Zeitpunkt wirklich Zugriff aufs Spiel, das 3:0 in der 90.Minute durch Breitenreiter nach Vorlage von Bernd „Ho-Ho-Hochverrat“ Hollerbach war wie ein Tritt auf einen am Boden liegenden, dem vorher schon Arme und Beine gebrochen wurden. Mit einem Sieg wäre man in dieser frühen Phase der Saison am Nachbarn vorbeigezogen, so trennten sich die Wege frühzeitig.

Beim Rückspiel an einem Freitagabend im März stand der FCSP schon tief in der Abstiegszone. Knapp 40.000 hatten sich zum „Heimspiel“ des FCSP im Volkspark eingefunden. Breitenreiter erzielte die frühe Führung für den „Gast“ (11.) und lange Zeit passierte nichts. In der 80.Minute glich Nikolai Pisarew für St.Pauli aus, fünf Minuten später erzielte Kmetsch per Freistoß erneut die Führung für den HSV. Doch dann schaffte es Richard Golz für alle Zeit in die Herzen der St.-Paulianer und auf ein Cover des Übersteigers, Pisarew und Scharping bedankten sich artig mit dem 2:2.
Dies änderte allerdings nichts mehr am Abstieg, am Ende waren es 13 Punkte Rückstand auf den Nichtabstiegsplatz.

Erste Bundesliga im neuen Jahrtausend

Vier Mal hatten beide Vereine noch das „Vergnügen“ miteinander in der Bundesliga. In der Saison 2001/02 war dies gleichzeitig zum letzten Mal ausschließlich im Volkspark der Fall. Beide Spiele bereiteten dem FCSP aber eher keine Freude. Beim Heimspiel des HSV am Sonntag, dem 2. Dezember 2001, erstmals im „Stadion der vielen Namen“ ausgetragen, empfing dieser den FCSP als bereits etwas abgeschlagenen Tabellenletzten. Nach acht Minuten stand es 2:0, zur Pause 3:0 – und es hätte auch höher stehen können. Nach der Pause verkürzte Thomas Meggle (47.), Barbarez erhöhte auf 4:1 (52.) – doch durch zwei Tore von André Trulsen (79. und 83., letzteres als Strafstoß nach Foul an Meggle) stand es nur noch 4:3 und Hoffnung keimte auf im Gästeblock.
Vergebens, wie so oft.

Verbalattacke und verschossener Elfmeter

Das Rückspiel (und unser letztes „Heimspiel“ im Volkspark) brachte dann eine wunderbare Choreo mit sich. Wunderkerzen im Oberrang, Braun-Weiße Zettel und die Hamburg-Flagge im B-Rang, eine Tapete über die komplette Kurvenseite („Der FCSt.Pauli gibt sich die Ehre – Herrscher Hamburgs und der 7 Meere“) und ein Schiff, welches durch die blauen Wellen des Unterrangs gleitet.
Moment… das Schiff ist doch im Innenraum, vor der Kurve? Ja, da hatte es nach ewiger Planung „ganz plötzlich“ Unstimmigkeiten mit der Feuerwehr gegeben, die kurzfristig feststellte, dass Holz und Tapeten brennen können und das Risiko zu groß sei. Deswegen fuhr das Schiff dann „nur“ im Innenraum.

„Der FC St. Pauli gibt sich die Ehre – Herrscher Hamburgs und der 7 Meere“ // (c) Passanten

Warum ich das so ausführlich schildere? Weil es zum einen eine ganz gute Geschichte ist und ich zum anderen das Spiel verdrängt habe, bzw. es immer noch versuche.
(0:4-Klatsche kurz vor Saisonende, allerletzte Chance auf den Klassenerhalt vertan, Thomas Meggle verschießt nach vorheriger Verbalattacke in den Medien nach zwölf Minuten einen Elfmeter).

2010/11 – Träume in Braun-Weiß

Es folgte der Abstieg und die Wege trennten sich wieder – ein paar Jahre lang lag man von Liga 1 bis zur Regionalliga sogar mal sehr weit auseinander. (Nein, die Spiele gegen deren U23 werden hier nicht aufgeführt.)

2010 folgte der Aufstieg des FCSP in die 1.Liga und im September gab es eine Premiere:
Das erste Derby der „Neuzeit“ am Millerntor!
Am 4. Spieltag der Saison empfing der FCSP den Nachbarn und es war „intensiv“, insbesondere auch das Drumherum. Und das Stadion explodierte in der 77. Minute, als Fabian Boll vor der Südkurve das umjubelte 1:0 erzielte. 23.794 Menschen im Stadion, etwa 90% zu diesem Zeitpunkt im Himmel.
Doch noch öffnete der Himmel nicht seine Türen zum braun-weißen Einmarsch. Mladen Petric erzielte in der 88. Minute, mit zugegeben schöner B-Note, den 1:1-Ausgleich. So nah dran und dann doch irgendwie fast enttäuschend (Schieß doch, Bulle!).
Auch mit Boller haben wir im Rahmen des Adventskalenders über sein Tor gesprochen:

David Jarolim und der spätere Torschütze, Fabian Boll. // (c) Stefan Groenveld

Die weitere Saison verlief zunächst durchaus okay für den FCSP. Nach einem 3:0 gegen den 1.FC Köln ging man in das Rückspiel am 21. Spieltag mit 22 Punkten und immerhin drei Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz. Doch das vorher nicht planbare Naturereignis Regen (im Volksmund auch Hamburger Wetter genannt) sorgte für eine Spielabsage. Der kurz zuvor verlegte Rollrasen im „Stadion der vielen Namen“ war chancenlos und nicht rechtzeitig angewachsen.
(Linktipp: Mein damals etwas gehässiger Text im Übersteiger-Blog zur Absage. Grüße an Armin Veh.)

Pliquett, Asamoah, Rollrasenversager

St.Pauli ließ sich nicht beirren, besiegte zwischendurch den Tabellenletzten aus Mönchengladbach mit 3:1 und reiste daher mit acht Punkten aus den vier Spielen der Rückrunde am 16.Februar 2011 (Mittwoch) nach Stellingen. Als sich das Team aufwärmte, gab es erste irritierte Blicke im Gästeblock, aber viele waren dann doch mit anderem beschäftigt oder ohnehin zu nervös für derlei Details.

Denn: Statt Thomas Kessler wärmte sich Benedikt Pliquett für seinen Startelfeinsatz auf. Er machte im weiteren Verlauf des Abends das Spiel seines Lebens. Angriff auf Angriff rollte auf sein Tor, die Gastgeber waren überlegen, trafen aber nicht. Anders der FCSP, der (und jetzt wird es fast schon absurd) nach einer Ecke(!) ein Tor erzielte! Max Kruse schlug diese von der Eckfahne direkt vorm Gästeblock in die Mitte. Am kurzen Pfosten verlängerte Fabian Boll und am langen Pfosten drückte Gerald Asamoah den Ball über die Linie. „Komplette Eskalation“ ist der Begriff, der mir dabei am ehesten passend erscheint.

Braun-Weißes Fahnenintro im Volkspark. // (c) Stefan Groenveld

Auf dem Platz trifft es wohl „Wirkungstreffer“ so gut wie nur selten im Fußball, der HSV war geschockt und zu einer Antwort nicht mehr fähig. Der Rest war pure Freude, der erste Derbysieg seit 1977, also seit 33 1/2 Jahren.

Umso bitterer verlief der Abend hingegen für viele Fans im Stehplatzbereich des Gästeblocks, den die Polizei meinte stürmen zu müssen, nachdem Pyrotechnik genutzt wurde. Das führte im weiteren Verlauf dazu, dass viele Fans den Block aus Protest und Solidarität verließen und diesen magischen Abend leider nicht im Stadion bis zum Abpfiff miterlebten.
Was Gerald Asamoah heute über sein Tor denkt? Hört es Euch an.

Nebenbei: Es gab mal wieder neue (inoffizielle) T-Shirts: „Rollrasen Verleger Versager Besieger“
Gut, das Ende ist bekannt: 28 Punkte nach 22 Spielen klingt super! 29 Punkte nach 34 Spielen (also zwölf Spiele später nur ein Punkt mehr) reichten aber nicht zum Klassenerhalt. Hätte ich den damaligen Sieg gegen den Klassenerhalt eintauschen wollen? Haha, vollkommener Blödsinn – im Leben nicht, niemals.

Die Stadtmeisterschaft in der 2.Bundesliga

2018 folgte dann das, was Fußball-Deutschland schon seit Jahren herbeisehnte: Der Dino starb.
Erstmals in der Vereins-/AG-Geschichte war der HSV nur noch zweitklassig. Alleine schon ein Aufeinandertreffen beider Teams in der 2. Liga war also als kleines Freudenfest für die Braun-Weiße Fanseele zu notieren. Bester Beweis dafür das alljährliche Tourshirt des Fanladens, welches 2018 mit „Ganz – Hamburg – spielt in Liga 2!“ eine beliebte Meinungsäußerung auf Hamburger Demonstrationen etwas umwandelte und bis heute nicht nur super aussieht, sondern auch noch stimmt.
Nach den letzten Jahren wäre aber auch niemand so richtig traurig, wenn es nächste Saison dann mal in verschiedenen Ligen weitergeht…

2018/19: Sportlich naja, Drumherum eine Katastrophe

Sportlich war die Zweitligaderbysaison allerdings eher zum Vergessen. Das erste Spiel fand im Volkspark statt. Abgesehen von der gewohnt langwierigen Anreise ist nur noch der überragende optische und akustische Auftritt des Gästeblocks in Erinnerung. Die Optik wurde durch USP ermöglicht, die beim Treffpunkt für den Marsch vom Millerntor über die S-Bahn Landungsbrücken weiße T-Shirts mit braunem Aufdruck verteilten.

Das Spiel endete 0:0, am Ende hätte ein Heber von Cenk Şahin von der Mittellinie fast noch zum Erfolg geführt. Hier der Spiel- und Reisebericht eines letztlich unspektakulären Spiels.

Das Rückspiel am Millerntor endete im kompletten Desaster. Auf dem Platz (0:4) und auf den Rängen. Ich will das gar nicht groß wiederholen, wer unbedingt möchte kann hier alles nachlesen.
Kleiner Trost: Mit zwei Punkten mehr in der Endabrechnung wäre der HSV damals direkt aufgestiegen, so landete er nur auf Platz 4.

Saison 2019/20: Der erste Sieg am Millerntor!

Am 6. Spieltag der nächsten Saison empfing der FCSP den Nachbarn an einem Montagabend, es war der 16. September 2019. St.Pauli war mit fünf Punkten aus fünf Spielen eher „übersichtlich“ in die Saison gestartet. Der HSV hingegen grüßte mit 13 Punkten von der Tabellenspitze. In der 18. Minute aber köpfte Marvin Knoll an den linken Pfosten vor der Nordkurve und Dimitrios Diamantakos spitzelte den Ball vor Rick van Drongelen über die Linie – 1:0!

Dieses und weitere tolle Bilder vom Abend findet Ihr bei Stefan Groenveld.

Gerade als der HSV drauf und dran war auszugleichen, gelingt dem FCSP ein Freistoßtrick. Mats Møller Dæhli spielt einen Ball von halblinks flach vors Tor, Marvin Knoll versucht den Ball direkt zu nehmen und am Ende drückt ihn dann Rick van Drongelen höchstselbst über die Linie – 2:0! Den Spielbericht in voller Länge findet ihr hier.
Und ein echtes Highlight im Adventskalender, das Telefonat mit Dimi!

Big Henk und Matt Penney – Big Love!

Zum Rückspiel im „Stadion der vielen Namen“ traf man sich am 22. Februar 2020. Begriffe wie „Pandemie“, „R-Wert“ oder „Inzidenz“ bestimmten noch nicht unseren Alltag. Es war der drittletzte Spieltag, ehe die Saison unterbrochen wurde. St. Pauli hatte zuvor im Heimspiel gegen den Tabellenletzten aus Dresden zwar ganz gut gespielt, mit 0:0 aber nur einen Punkt eingefahren und stand nur zwei Punkte vor dem Relegationsrang. Der HSV hatte aus den letzten vier Partien zehn Punkte geholt, aus zehn Heimspielen satte 25 Punkte – und der FCSP war noch ohne Auswärtssieg.

Nach einer Viertelstunde hätte es auch schon 2:0 oder 3:0 für die Gastgeber stehen können. Aber nach zwanzig Minuten schickte Ryō Miyaichi „Big Henk“ Veerman auf die Reise, dieser schüttelte (na?) Rick von Drongelen ab wie eine lästige Fliege und lupfte den Ball aus halbrechter Position vor der Gästekurve ins Netz – 0:1. Und nach neun weiteren Minuten kam der magische Moment des Matt Penney, der den Ball aus gefühlt 30 Metern in das rechte untere Toreck einschweißte. Eine Kurve völlig außer Kontrolle.

Einfach mal glücklich sein: Das Team nach dem Abpfiff vor der Kurve. // (c) Peter Böhmer

In der 67. Minute erhöhte Rico Benatelli eigentlich regelgerecht auf 3:0. Manuel Gräfe wollte das Leiden des HSV aber künstlich noch etwas verlängern und verweigerte dem Treffer die Anerkennung. Dieser perfide Plan des Schiedsrichters aus Berlin entfaltete dann in der 82. Minute seine volle Pracht, als Lukas Hinterseer den Anschluss für die Rothosen erzielte. Das Stadion erwachte nochmal, die Heimkurve erstrahlte in Pyrotechnik – doch plötzlich erschien das VAR-Logo auf der Anzeigetafel und nach kurzer Prüfung wurde das Tor aufgrund eines vorangegangenen Handspiels von Pohjanpalo annulliert. „Leider“ auch so schnell, dass die Heimfans mit den pyrotechnischen Gegenständen immer noch in voller Montur auf dem Zaun saßen und nun gar nicht so recht wussten, wohin damit. Es dürfte wohl das erste und letzte Mal gewesen sein, dass ein St. Pauli-Fanblock voller Begeisterung den Scooter-Torsong mitgröhlte. Nochmals: Danke dafür, Manuel Gräfe!
Am Ende blieb der FCSP aufgrund der sechs Punkte aus den Derbys in der Liga – und der HSV auch, dank der null Punkte. Im Derby dieser Stadt

Saison 2020/21

In der Saison 2020/21 war es erneut der 6.Spieltag, als beide erstmals aufeinander trafen. Aufgrund der Pandemie durften nur 1.000 Heimfans im „Stadion der vielen Namen“ anwesend sein. Sie sahen den Tabellenführer (fünf Spiele, fünf Siege) als klaren Favoriten gegen den bereits leicht taumelnden Stadtteilverein (nur sechs Punkte).
Nach gutem Start der Gäste erzielte (natürlich) Simon Terodde in der 12. Minute das 1:0. Doch St.Pauli bewies Comeback-Qualitäten und konnte nach schöner Vorarbeit von Zander und Makienok in der 35. Minute ausgleichen. Rodrigo Zalazar versenkte seinen Distanzschuss unten links.
Danach wogte das Spiel hin und her. Als man sich aber langsam auf ein Unentschieden eingerichtet hatte, ging der FCSP doch noch in Führung: In der 82. steckte Daschner den Ball auf Makienok durch und dieser spitzelte die Pille irgendwie mit der Pieke an Ulreich vorbei ins Tor. „Jubel vor TV-Geräten“ wäre wohl eine passende Artikelüberschrift gewesen. Aber nur zwei Minuten später glich (natürlich) Simon Terodde noch für die Gastgeber aus. Unvergessen dann auch die Szene in der 89. Minute, als Leon Flach nur um Zentimeter an der erneuten Führung vorbeigerätschte. Jedenfalls, auch so: Stadtmeistertitel verteidigt.

Simon Makienok in einer Jubelpose mit Blick in die Kamera. Im Hintergrund die leeren Sitzschalen im Volkspark mit den Buchstaben H, S und V.
„Nanananananananananananananaaaaa, Simon Makienok! Makienok! SIMON MAKIENOK!“
Photo by Martin Rose/Getty Images via OneFootball

Absturz und Feuerwerk

Der weitere Saisonverlauf dürfte bekannt sein. St.Pauli stürzte ins Bodenlose und war für viele bereits im Dezember auch rechnerisch abgestiegen. Viele Expert:innen forderten ein sofortiges Einstellen des Spielbetriebs. Der HSV holte zwar aus den folgenden vier Spielen nur einen Punkt, startete danach aber eine imposante Serie und ging als Tabellenführer ins Rückspiel.

Dieses stieg erneut an einem Montagabend, dem 1. März 2021, allerdings weiterhin ohne Fans im Stadion, also vor den leeren Rängen des Millerntors. Rund ums Stadion ging zum Anpfiff aber ein Feuerwerk los und die Elf von Daniel Thioune schien durchaus beeindruckt. Eher beflügelt hingegen war das Team von Timo Schultz! Doch trotz drückender Überlegenheit dauerte es bis zur 88. Minute, ehe Daniel Kofi-Kyereh einen ganzen Stadtteil ins Glück ballerte und danach einen seiner beliebten Saltos vollführte.
Und natürlich sprach auch er mit uns sehr gerne über dieses Tor:

Erst die Raketen und dann den Nachbarn abgeschossen. Das Millerntor am 1. März 2021 // (c) Peter Böhmer

Das Ende dieser Staffel ist bekannt: Der HSV beendete auch diese Saison auf dem ihm angestammten vierten Platz. Funfact: Mit den fehlenden fünf Punkten aus den Spielen gegen uns wurde der Relegationsplatz verpasst, den dann Holstein Kiel einnahm.
Der FC St. Pauli hingegen beendete die Saison auf Platz 10.

Saison 2021/22

Um die nächste Staffel mal ohne Emotionen zusammenzufassen: Schiedlich friedlich ging man jeweils mit einem Heimsieg vor nur spärlich gefüllten Rängen auseinander.

Schon am 3. Spieltag traf man sich am Millerntor, beide waren mit vier Punkten gestartet. 10.000 Fans waren zugelassen, anteilig auch mit Gästefans. Finn Ole Becker traf nach einer knappen halben Stunde zur überfälligen Führung, doch kurz vor der Pause traf Kittel zum Ausgleich. Hätte uns dies in vergangenen Jahrzehnten gegen den Nachbarn stets das Genick gebrochen, hatten wir hier jedoch Simon Makienok – geborener „Derbyheld“. Seinem Doppelschlag in den Minuten 56 und 58 hatte der HSV nur noch einen Anschlusstreffer entgegenzusetzen, mit 3:2 blieb die Stadtmeisterschaft also wieder im Stadtteil.

Jubelphoto – eines von vielen. // (c) Peter Böhmer

Niederlage vor fast leeren Rängen

Die Saison verlief weiter traumhaft, das Team eilte unter Timo Schultz von Sieg zu Sieg, dem Aufstieg entgegen. Corona bestimmte weiterhin das Verhalten, aber zumindest anteilig waren die Stadien gefüllt. An einem Freitagabend im Januar traf man sich im Volkspark aber vor nur 2.000 Fans, unter ihnen auch ein paar Gästefans. Die sahen zwar einen überlegenen HSV, aber auch ohne den beim Africa-Cup weilenden Daniel-Kofi Kyereh führte zur Pause Braun-Weiß. Guido „GB9“ Burgstaller hatte nach einer halben Stunde per Kopf die Führung erzielt, in etwa auf dem Quadratzentimeter, an dem zehn Jahre zuvor auch Gerald Asamoah eingenickt hatte. Doch ein Gegentor nach Ecke (Schonlau) und ein sehenswerter Treffer ins Herz durch Jatta sorgten für einen 2:1-Heimsieg. „Entscheidend gestört“, schrieb Tim.

Der Rest der Saison ist ebenso bekannt wie schmerzhaft. Der FCSP taumelte dem Saisonende entgegen und verspielte den Aufstieg noch. Der HSV mühte sich zwar und kam im DFB-Pokal sogar bis ins Halbfinale, aber in der Liga… Platz 6 nach 29 Spielen war es, sieben Punkte Rückstand auf Rang 3.
Mit einer Siegesserie sprang man noch auf jenen Relegationsrang, immerhin die beste Zweitligaplatzierung ever. Nur, um sich dann nach einem Auswärtssieg in der Relegation bei Hertha BSC im Heimspiel doch noch für ein weiteres Jahr Unterhaus zu qualifizieren.

Saison 2022/23

And here we are, die aktuelle Saison.
Souverän von der Tabellenspitze winkend reiste der HSV mit fünf Siegen aus fünf Auswärtsspielen ans Millerntor. Der FCSP hingegen konnte mit nur elf Punkten aus elf Spielen so gar nicht an die Punkteausbeute der vorherigen Saison anknüpfen.
Immerhin: Das Millerntor durfte endlich wieder bei einem Derby vollständig ausgelastet werden.

Bevor es aber auf dem Rasen losging, machte Team Green von sich reden und vollzog an jenem Freitag einen (bis heute ohne Konsequenzen bleibenden) Einsatz außerhalb des Millerntors, vor der Gegengerade.
Im Stadion gab es dann aber ausschließlich Grund zum Jubeln: Eine Rote Karte für Schonlau nach Notbremse an Amenyido in der ersten Halbzeit. Tore durch Smith, Hartel und Otto nach dem Wechsel. Dies alles sorgte für ein völlig verdientes Zurückerobern der Stadtmeisterschaft, mit solch kleinen Nebenhighlights wie einer Gelben Karte für beide Torhüter in der 70. Minute, nachdem diese sich an der Mittellinie zum verbalen Austausch getroffen hatten.
„Hamburg ist Braun-Weiß“, schrieb Tim, ich ergänzte einen Tag später noch meine „Derbymomente“.

Hamburg, Deutschland, 14.10.2022 - Die Spieler des FC St. Pauli feiern ein Tor im Derby gegen den Hamburger SV - Copyright: Peter Boehmer
Farbenfroher Torjubel // (c) Peter Böhmer

Das Ende der Aufholjagd

Doch der Sieg war in jener Hinrunde der positive Ausreißer. Ansonsten ging nicht viel – und das ist noch positiv formuliert. Am Ende stand ein wildes 4:4 in Karlsruhe, Platz 15 mit 17 Punkten aus 17 Spielen und die Freistellung von Timo Schultz und Loïc Favé. Teile der braun-weißen Fanseele zürnten, insbesondere mit der Vereinsführung und Andreas Bornemann – doch davon völlig unbeeindruckt machte sich Fabian Hürzeler ans Werk und formte etwas, was für das wohl bisher erfolgreichste Kalenderjahr des FC St. Pauli sorgte. Im Winter wurden Elias Saad, Karol Mets und Oladapo Afolayan verpflichtet.

Und der FCSP marschierte. Es wäre sogar noch möglich gewesen, schon im Sommer 2023 ganz oben anzuklopfen, doch nach der unerwarteten Heimniederlage gegen Eintracht Braunschweig wäre dafür ein Sieg im Volkspark nötig gewesen. Oladapo Afolayans Führungstreffer wurde zurückgepfiffen, aber Manolis Saliakas brachte den FCSP verdient in Führung (36.), doch dem HSV gelang kurz vor der Pause per Distanzschuss der Ausgleich und direkt nach Wiederanpfiff die Führung. Es war ein wildes Spiel, Elias Saad erzielt sein erstes Profitor und verkürzte auf 3:2, Jakov Medić unterlief ein Eigentor und Jackson Irvine verkürzte erneut auf 4:3 – dabei blieb es. „Stolz und Ernüchterung“ war die Überschrift, die Tim für den Spielbericht wählte.
Ich arbeitete mich stattdessen an den Begleitumständen ab: „Tell me why – I don’t like Volkspark“

Deutschland, Hamburg, 21.04.2023, Fussball 2. Bundesliga 29. Spieltag, Hamburger SV - FC St. Pauli im Volksparkstadion Bakery Jatta (Hamburger SV) im Zweikampf mit Karol Mets (FC St. Pauli) Copyright: Peter Boehmer DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video.
Bakery Jatta im Duell mit Karol Mets. // (c) Peter Böhmer

Das Ende ist bekannt: Die HSV-Fans feierten in Sandhausen bereits den Aufstieg, während bei Heidenheims Spiel der Ball noch rollte – und so ging es doch noch in die Relegation, in der man dem VfB Stuttgart unterlag. Der FC St. Pauli beendete die Saison mit unfassbaren 41 Punkten aus der Rückrunde noch auf Rang 5.

Die neue Staffel

Auf geht’s, liebe Spieler, liebes Trainerteam. Auf geht’s, Millerntor!
Hamburg ist Braun-Weiß, völlig unabhängig vom Ergebnis auf dem Platz.
Umso schöner, dass wir dies aktuell auch in der Tabelle ablesen können

Also geht da am Freitagabend raus, macht Euch warm – und dann haut sie weg. Wir werden unseren Teil dazu beitragen.
Dann gibt es nächste Saison vielleicht noch eine weitere Staffel in dieser Liga oder einen anderen Liga – oder vielleicht sogar auch eben gerade nicht.
Forza St. Pauli!
// Maik

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9 thoughts on “Die Hamburger Stadtmeisterschaft – Was bisher geschah…

  1. Markus Merk mit dem Witzelfer Dammann an Jähnig. Ein Trauma, da St.Pauli an diesem Abend die bessere Mannschaft war.
    Erstes Derby im Stadion, verloren und eine ewige tiefe Abneigung gegen die Rauten als auch den Lauterer an der Pfeife…

    1. Wenn es jemand besser weiß, möge man mich korrigieren, aber ich glaube, es dürfte sich um ein Banner der „Juve Fighters Roma“ handeln, da gab es zumindest eine sehr engagierte Einzelperson 🙂

  2. „28 Punkte nach 22 Spielen klingt super…“ *räusper* Zum Glück haben wir nach dem Derbysieg dieses Jahr ja schon 31 Punkte nach 23 Spielen…

  3. Sehr schöner Text.

    Kleine Anmerkung zum Absatz:

    „Ein Sieg hätte den endgültigen Klassenerhalt bedeutet, aber auch mit fünf Punkten Vorsprung auf den Relegationsplatz sah es gut aus und mit einem Punkt in Karlsruhe am 33. Spieltag war der Klassenerhalt des FCSP dann auch eingetütet. Leverkusen und Kaiserslautern trafen am letzten Spieltag aufeinander und konnten somit nicht mehr beide am FCSP vorbeikommen.“

    Meiner Meinung nach stieg Lautern damals direkt ab, weil es zu der Zeit keine Relegation gab. Bei Wikipedia ist die Zeile zwar farblich anders markiert, aber das liegt daran, daß sie eben auch im Europapokal der Pokalsieger gespielt haben damals.

  4. Eigentlich egal, aber, da ich das Datum des ersten Sieges am Millerntor fest eingespeichert habe, und
    mich bei der Lektuere jedesmal wieder heftige Zweifel ueberkommen, und ich nachfolgend die Aufklaerung
    im Internet suchen muss: es war Mo., der 16.09.2019 … euch fehlt da eine „1“. Danke fuer Alles!

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